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Berndeutsch für Fortgeschrittene 13«Biblere»

Unsere Kolumnistin erfährt, dass Bernerinnen und Berner nicht unbedingt cool sein wollen, wenn sie saloppe Abkürzungen verwenden.

Berndeutsch lernen – gar nicht so einfach für eine Ostschweizerin!
Berndeutsch lernen – gar nicht so einfach für eine Ostschweizerin!
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Seit ich einen Berndeutschkurs besuche, gibt es zwei Fraktionen. Ein Teil meiner Bekannten und Freunde findet, ich mache Fortschritte, die anderen erklären, mein Thurgauer Dialekt sei eher noch ausgeprägter geworden.

Ich glaube, es kommt darauf an, in welchem Moment man mich erwischt. Bin ich müde oder nervös, dann rutscht mir schon mal ein Ausdruck raus, der eigentlich auf der schwarzen Liste steht. Dann spreche ich plötzlich wieder von «Hemper» statt «Hemmli», ich frage nach den «Chlüperli» statt nach den «Chlämmerli», und wenn es ganz übel kommt, rede ich sogar vom «Bitzgi». Dabei weiss ich doch, dass man das Kerngehäuse hier «Gröibschi» nennt.

Auch bei den Verben verheddere ich mich oft, wenn ich nicht ganz präsent bin. Grund ist ihre spezielle Stellung im Berndeutschen. Neue Freunde zum Beispiel hat man nicht kennen gelernt, sondern «lehre kenne». Das ist für Thurgauer, bei denen die Satzstellung meistens gleich ist wie im Hochdeutschen, sehr gewöhnungsbedürftig.

Sogar im ausgeruhten Zustand stolpere ich über einige Berner Eigenheiten. Das liegt dann aber daran, dass ich mich innerlich dagegen auflehne. Etwa beim Wort «Böss» für «Bus». Als ich es das erste Mal hörte, dachte ich, da versuche jemand, besonders cool zu sein, und verwende deshalb den englischen Begriff, den er aber nicht richtig betonen kann. Inzwischen weiss ich es natürlich besser.

Ebenfalls pseudocool klingt in meinen Ohren ein Wort, das mein Sohn vor ein paar Tagen gebrauchte: Seine Klasse sei in der «Biblere» gewesen. Ich sah sofort einen Teenager vor mir, der möglichst gleichgültig gegenüber einem Bildungsinstitut rüberkommen will. Leider war ich die Einzige in der Familie, die sich darüber amüsierte, dass man das Wort Bibliothek abkürzt.

«So heisst das eben auf Berndeutsch», belehrte mich mein Sohn. Und dann sagte er das eine berndeutsche Wort, von dem er weiss, dass ich es absolut furchtbar finde: «Weisch… Mer!» Wenn schon ein französischer Begriff, wieso können Berner dann nicht wenigstens das lieblichere «maman» verwenden?!

Die Kolumne ist Ende 2018 in dieser Zeitung erschienen. Wir veröffentlichen sie hier zum Nachlesen.