«Wir alle sind Geschichtenerzähler»

Einen Hut und eine Stricknadel: Mehr braucht der Geschichtenerzähler Martin Baud nicht, um sein Publikum zu verzaubern.

Zauber- und Grimmwald: Martin Baud in seiner Spielewerkstatt vor den Schildern des allerersten Klapperlapapps.

Zauber- und Grimmwald: Martin Baud in seiner Spielewerkstatt vor den Schildern des allerersten Klapperlapapps.

(Bild: Susanne Keller)

Geschichtenerzählen könne man nicht lernen, ist Martin Baud überzeugt. «Man wächst vielmehr hinein», sagt er und nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. Diese Wachstumsphase hat der 60-Jährige schon lange hinter sich; Baud verdient mit dem Erzählen von Geschichten seinen Lebensunterhalt.

Er tritt an Festivals auf, veranstaltet Stadtführungen für Kinder und ist ausserdem Initiant des nationalen Märchen- und Geschichtenfestivals Klapper­lapapp, das dieses Wochenende in Bern stattfindet.

Auch wenn Baud über ein Thema spricht, schweift er immer wieder ab und verliert sich in einer Anekdote. «Wir alle sind Geschichtenerzähler – es ist das, was wir alle den ganzen Tag lang machen», sagt das Berner Urgestein und schreitet dabei in Gedanken versunken umher.

«Nur tun wir das heute leider nicht mehr nur mit dem Mund, sondern oft einfach, indem wir Fotos auf dem Bildschirm zeigen.» Heutzutage sei man hauptsächlich Zuschauer, sinniert Baud weiter, «das Zuhören haben wir schon lange verlernt».

Verfechter des freien Spiels

Mit der modernen Technik hat Martin Baud so seine Differenzen, Internet benutzt er kaum. In seiner Spielewerkstatt an der Wankdorffeldstrasse dominiert das Material Holz: An den Wänden lehnen selbst gezimmerte Spieltische und Schilder, die hölzernen Regale sind gefüllt mit Werkzeugen und Farbtöpfen.

«Nur wegen der Gebrüder Grimm haben die Leute das Gefühl, Märchen seien heilig.»Martin Baud

Vor über dreissig Jahren hat Baud – der sich selbst als Autodidakten bezeichnet – damit begonnen, hölzerne Spielgeräte zu entwickeln und zu vermieten. Ob an Geburtstagsfesten, Familienfeiern oder bei Anlässen: Auch heute finden Wackellabyrinth und Tischkegelbahn immer noch Verwendung. Neue Spielereien sind aber schon lange keine mehr entstanden: «Die ganzen Vorschriften, die man heute befolgen sollte, um die Sachen für Kinder sicher zu machen, sind mir zu streng.»

Davon, den Nachwuchs übermässig zu behüten, hält Baud wenig. «Kinder dürfen auch Fehler machen und Risikos eingehen», meint der Verfechter des freien Spiels. Dieses Motto habe er etwa auch verfolgt, als er mit der Stadt den Spielplatz am Schützenweg gestaltet habe. Oder als er half, das Seifenkistenrennen am Aargauerstalden ins Leben zu rufen.

Das leidige Erbe der Grimms

Wenn eine Gruppe Kinder vor ihm auf dem Boden sitzt, gespannt seiner Vorstellung lauscht und im richtigen Moment lacht oder erstaunt den Mund aufreisst – das gefällt dem Mann mit den grossen Augen und dem weissen Bart.

Um solche Effekte bei Kindern und Erwachsenen hervorzurufen, braucht Martin Baud nicht viel: einen Zylinder auf dem Kopf und eine Stricknadel in den Händen, das reicht. Die meiste Arbeit erledigen seine Hände, die unentwegt gestikulieren, sowie natürlich seine Stimme, die mal leise flüstert, mal laut schreit.

Neben diesen rhetorischen Tricks sei für einen gelungenen Auftritt auch die richtige Erzählung entscheidend. «Mein Repertoire ist nicht riesig», meint Baud, «aber ich habe für jede Gelegenheit die richtige Story parat.» Und falls mal tatsächlich nichts Einstudiertes passe, werde es halt passend gemacht.

Das tönt dann so:

Auch von sturen Erzählmustern hält Baud wenig: Geschichten sollten wandelbar sein, findet das Berner Urgestein. So sei es schon früher gewesen: «Nur wegen der Gebrüder Grimm haben die Leute das Gefühl, Märchen seien heilig.»

Auch ein moralischer oder pädagogischer Wert müsse nicht zwingend vorhanden sein – eine weitere Auffassung, die auf dem Mist der deutschen Brüder gewachsen sei. Wegen dieser hätten alle das Gefühl, Märchen seien nur etwas für Kinder. «Dabei sind Märchen eigentlich sehr frivol», meint Baud, zieht ein weiteres Mal an seiner Zigarette und fängt an zu grinsen.

«Wissen Sie etwa, was die Prostituierten in der Stadt Bern früher als Erkennungszeichen trugen?» Und nach einer kurzen, rhetorisch wirksamen Pause liefert er die Antwort: «Ein rotes Käppchen.»

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