US-Elite-Universität holt Berner Physik-Grosstalent

Der begabte Maturand Julius Vering (19) zieht direkt vom Gymer Neufeld an die Elite-Universität Berkeley bei San Francisco.

«Mega aufregend»: Julius Vering, Nachwuchsphysiker.

«Mega aufregend»: Julius Vering, Nachwuchsphysiker.

(Bild: Susanne Keller)

Jürg Steiner@Guegi

Wäre Julius Vering Eishockeyspieler, er gäbe jetzt seinen Transfer in die nordamerikanische NHL bekannt. Wie der gleichaltrige Nico Hischier, der zum Shootingstar wurde, als er 2017 vom SC Bern zu den New Jersey Devils wechselte.

Vering, der Hischier der Naturwissenschaften, gehört zu den besten Nachwuchsphysikern der Schweiz. Im Herbst wechselt er vom Gymnasium Neufeld an die Topuni Berkeley an der Bucht von San Francisco, einen Katzensprung vom «Valley» entfernt, wie Vering sagt. Er meint natürlich das Silicon Valley, der Ort, wo die Zukunft entsteht.

Locker fährt Vering, die Haare sauber gescheitelt, mit dem Rollbrett vor. Die schriftlichen Maturaprüfungen liegen hinter ihm, in wenigen Tagen folgt der mündliche Teil. «Ich glaube, es kommt gut», sagt er und wischt sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Was er nicht sagt: Im letzten Zeugnis vor der Matura lag der Notenschnitt bei einer 6.

Der Strebervorwurf

«Ich war für meine Lehrer sicher nicht der angenehmste Schüler», sagt Vering, der mit den Eltern und dem jüngeren Bruder in Bremgarten lebt. Er habe immer mitgemacht, aber sich zu offensiv eingebracht. Er räuspert sich: «Ha eifach z viu gschnuret.»

Das kann er aber gut: Auf Youtube etwa gibt es ein Video, das ihn zeigt, wie er vor Publikum auf Englisch das komplexe Prinzip von Quantencomputern erklärt. Als Normalverbraucher versteht man Bahnhof, Vering redet mit einer Lockerheit darüber, als erklärte er ein Kochrezept.

Den Strebervorwurf, sagt Ve­ring, kenne er bestens. Wenn man den Anspruch habe, Leistung zu bringen, werde man damit konfrontiert. Ihn habe das aber eher angespornt, und in seiner jetzigen Klasse gebe es eine «gesunde Leistungsbereitschaft».

«Ich war für meine Lehrer sicher nicht der angenehmste Schüler.»Julius Vering

Verings Grossvater war Chemiker, sein Vater und sein Onkel sind es ebenfalls. Hingezogen fühlt er sich zur Physik – wohl auch, weil sie Kreativität erfordert. Man beschäftige sich mit Dingen, die zu gross oder zu klein sind, als dass man sie mit den Sinnen erfassen könnte. «Ich muss mir ein Vorstellungsvermögen zulegen, das mir hilft, zu begreifen, was ich berechne», sagt er. Das mache für ihn die Faszination der Physik aus – in eine unsichtbare Welt vorzudringen, von der man sich ein eigenes Bild machen müsse. Vielleicht als Erster.

Der Schulleitung des Gymers Neufeld fiel der wettkampffreudige Vering, der auch ficht und Saxofon spielt, früh auf. An nationalen Wissenschaftsolympiaden gewann er mehrfach Goldmedaillen. Im Rahmen der Begabten­förderung konnte Vering bereits als Gymnasiast Physikvorlesungen an der Universität Bern be­suchen.

Das Hirn entschlüsseln

In Wissenschaftkreisen ist der smarte Vering schon eine Marke. Etwa für den Neurowissenschaftler Pascal Kaufmann, Gründer der Mindfire-Stiftung. Sie hat das Ziel, die besten Köpfe der Welt zusammenzubringen, um die Funktionsweise des Gehirns zu entschlüsseln und basierend darauf menschenähnliche künstliche Intelligenz zu bauen. Im Mai trafen sich die handverlesenen Cracks aus unterschiedlichsten Disziplinen erstmals in Davos. Selbstbewusst mit dabei: das Grosstalent Julius Vering.

Überzeugt hat der kompetitive Vering auch in San Francisco, wie Christine Dito auf Anfrage bestätigt. Dito ist Direktorin des exklusiven Spezialstudiengangs Management, Entrepreneurship and Technology, mit dem die Universität Berkeley die vielversprechendsten Talente weltweit nach Kalifornien lockt. Rund 30 000 Dollar kostet ein Studienjahr.

«Als Start-up-Unternehmer in China, das wäre der Hammer.»Julius Vering

Vering strebt parallel einen Abschluss in Computerwissenschaft und Technologiebusiness an. Dito erwartet von den Studierenden «absolute Fokussiertheit und Motivation, verbunden mit einer Passion, die ganz grossen Probleme zu lösen».

Die ganz grossen Probleme! Das ist die Welt von Julius Vering. Sein bevorstehender Umzug auf den Berkeley-Campus mit seinen 20 000 Studierenden sei «mega aufregend». Er habe auch darüber nachgedacht, nach Singapur zu gehen oder nach China. «Als Start-up-Unternehmer in China, das wäre der Hammer», sagt Ve­ring. Vielleicht etwas für später.

Er kenne es, sich Herausforderungen zu stellen, von denen «ich jetzt nicht genau weiss, wie ich sie bewältige», sagt Vering. Und im gleichen Atemzug: «Es wäre vielleicht gut für meine Ambitionen, wenn ich mehr Erfahrung im Scheitern hätte.»

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