Terroristen nehmen vermehrt nukleare Anlagen ins Visier

Die belgische Terrorzelle hat nukleare Ziele ausspioniert. Sind Anschläge und Angriffe auf Kernkraftwerke eine echte Gefahr? Antworten liefert eine Analyse von weltweiten Sicherheitsverstössen seit 1960.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist eine Horrorvorstellung: Jihadistische Terroristen zünden eine schmutzige Bombe. Oder sie lösen eine Kernschmelze in einem Atomkraftwerk aus, was ebenfalls Radioaktivität freisetzen würde.

Das Ausmass der Todesopfer und der Verwüstung würde dasjenige vom 11. September 2001 bei weitem übertreffen. In beiden Fällen müssten sich die Terroristen Zugang zu radioaktivem Material oder nuklearen Anlagen verschaffen.

Die Gefahr des IS

Experten sahen bis vor kurzem jihadistische Terrorgruppen nicht in der Lage, nukleare Anschläge durchzuführen. Ihnen fehle es am nötigen Know-how. Das hat sich mit dem Aufkommen des islamischen Staats (IS) geändert: «Der IS ist vermutlich fähiger als jede jihadistische Gruppierung zuvor, bei der sicheren Bereit­stellung von nuklearem Material Erfolg zu haben», sagt Gary Ackerman vom nationalen Konsortium für Erforschung von Terrorismus und Massnahmen gegen Terrorismus (Start) in den USA.

Alarmierende Anzeichen sind da: Die IS-Terrorzelle, welche im März 2016 die Anschläge in Brüssel durchgeführt hat, hatte einen belgischen Atomforscher und ein deutsches AKW ausspioniert.

Das Start-Konsortium dokumentiert Angriffe gegen die Sicherheit von nuklearen Anlagen auf der ganzen Welt seit 1960 (siehe Infobox). Die Organi­sation hat den Datensatz dieser Zeitung für eine Analyse zur Verfügung gestellt. Die Auswertung zeigt, dass es seit dem Jahr 2000 sieben Vorfälle mit jihadistischem Hintergrund gegeben hat.

Das entspricht 25 Prozent sämt­licher Vorfälle im neuen Jahrtausend. Fünf jihadistische Angriffe in Frankreich, Deutschland, Australien und ­­– ausgerechnet – Belgien befanden sich nur in der Planungsphase. Die Polizei konnte in diesen Ländern konkrete Anschläge verhindern.

In den übrigen zwei Fällen führten die Terroristen ihre Attacken zwar aus, aber ohne Erfolg: In Pakistan griff im Jahr 2012 die «Bewegung der pakistanischen Taliban» einen Luftwaffenstützpunkt an, in dem die Armee nukleare Sprengköpfe lagerte. Das Wachpersonal tötete die Angreifer vor den Toren der Basis.

Vor zwei Jahren versuchte die Hamas, das Kernforschungszentrum Negev in Israel mit drei Qassam-Raketen zu bombardieren. Die Geschosse wurden entweder von der israelischen Armee abgefangen, oder sie verfehlten ihr Ziel.

Drei Angriffswellen

Diese Versuche bilden zusammen mit militanten Aktionen von Umweltschützern die jüngste von drei erkennbaren Angriffswellen. «Die vergangenen fünf Jahre waren aus globaler Sicht die bedrohlichsten für nukleare Einrichtungen, mit Ausnahme einer fünfjährigen Periode nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion», sagt Terrorismusforscher Ackerman. So ist die Zahl der Angriffe von 2010 bis 2014 bereits höher als zwischen 2000 und 2009.

Die Attacken des laufenden Jahrzehnts zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass die Angreifer versucht haben, nukleare Einrichtungen von aussen zu durchbrechen. Gewaltsame Angriffe stellen mit 44 Prozent die häufigste Art aller Zwischenfälle dar.

Am meisten Vorkommnisse gab es bislang in den 1990er-Jahren, die als zweite Angriffswelle augenfällig ist. Diese Dekade war geprägt vom Diebstahl von nuklearem Material in ehemaligen sowjetischen Anlagen (siehe Infobox).

Solches ist dafür notwendig, schmutzige Bomben herzustellen. Ein krimineller Hintergrund ist mit 25 Prozent aller Fälle denn auch das häufigste Motiv für einen Angriff gegen eine nukleare Einrichtung.

Schweizer AKW im Visier

Die erste Angriffswelle sticht zwischen 1975 und Anfang der 1980er-Jahre hervor. Sie bestand aus bewaffneten Attacken von separatistischen Terrororganisationen und militanten Aktionen von Umweltschützern und Atomkraftgegnern.

In diese Zeit fallen auch zwei von vier Vorfällen mit Schweizer Atomkraftwerken. Im Februar 1979 verübten Unbekannte einen Sprengstoffanschlag auf den Informations­pavillon des AKW Kaiseraugst.

Im November desselben Jahres sprengte eine «Do-it-Yourself-Gruppe 007» einen Wettermast des AKW Gösgen. Hinter beiden Anschlägen werden Atomkraftgegner vermutet.

Erst im September 2000 landete ein Aktivist der Umweltschutzorganisation Greenpeace mit einem motorisierten Gleitschirm auf dem Reaktordach des AKW Mühleberg. Der Mann forderte mit einem Transparent: «AKW Mühleberg stilllegen».

Stefan Füglister, von 2000 bis 2005 Geschäftsleitungsmitglied von Greenpeace Schweiz, erinnert sich: «Es war Brauch, die Direktion der betroffenen Firma kurz vor einer Aktion zu informieren. Wir wiesen darauf hin, dass der Protest gewaltfrei ist und dass es keine Provokationen gegenüber den Angestellten und der Polizei geben wird.»

Es sei ihm bewusst, dass heute die Aktion in Mühleberg anders wirke als vor 9/11. «Im Jahr 2000 ging die Fantasie noch nicht so weit, dass das Eindringen in ein AKW-Gelände aus der Luft als Inspiration für einen Terroranschlag hätte wahrgenommen werden können», sagt Füglister.

Start prüft derzeit, ob der letzte Vorfall in der Schweiz die Aufnahmekriterien für die Datenbank erfüllt. Es handelt sich um das Eindringen von Greenpeace-Aktivisten ins Gelände des AKW Beznau im März 2014.

Welche Lehren sind zu ziehen? Der Schwachpunkt bei der Sicherheit von nuklearen Einrichtungen ist der Faktor Mensch. In einem Viertel aller untersuchten Fälle waren Insider am Werk.

«Um diese Art der Bedrohung ­abzuschwächen, braucht es eine gründliche und regelmässige Überprüfung sämtlicher Mitarbeiter, die Zugang zu sensiblen Anlagen haben», sagt Ackerman. Er empfiehlt, die strengen Sicherheitsvorschriften für den Zutritt zu Reaktorkontrollräumen auf alle Bereiche eines AKW auszuweiten.

In der Schweiz sind die Betreiber für die Sicherheit der AKW verantwortlich. Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) ist die Aufsichtsbehörde. Es kümmert sich auch um den Schutz gegen «unbefugtes Einwirken», wie Angriffe im Amtsdeutsch heissen.

Informationen über die Bedrohungslage erhält das Ensi vom Nachrichtendienst des Bundes. Einfach gesagt ist die Sicherheit in den AKW auf das rechtzeitige Aufspüren eines Vorfalls, dessen Verzögerung und Gegenmassnahmen ausgerichtet. Teil davon sind Vorkehrungen beim Personal.

«Personen, die innerhalb einer Kernanlage in Bereichen arbeiten, die wesentlich für die nukleare Sicherheit und die Sicherung der Kernanlage sind, müssen sicherheitsüberprüft werden», sagt Ensi-Sprecher Sebastian Hueber.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 30.04.2016, 09:58 Uhr

Diebstahl von radioaktivem Material

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gerieten die schlecht bewachten Atomanlagen ins Visier von Dieben. In den 1990er-Jahren sind mindestens dreizehn Fälle von Diebstahl oder versuchtem Diebstahl von nuklearem Material aus russischem Besitz dokumentiert.

Vereinzelt stellte die Polizei bei Razzien radioaktives Diebesgut beim organisierten Verbrechen sicher. «Stimmt der Preis, dann gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln, dass kriminelle Organisationen auf der ganzen Welt mit nuklearem Material handeln. Wofür das Material eingesetzt wird, dürfte ihnen dabei ziemlich egal sein», sagt US-Terrorismusforscher James Halverson mit Blick auf eine unheilige Allianz mit Terroristen. Es sei aber eher unwahrscheinlich, dass das organisierte Verbrechen selber den riskanten Versuch unternehme, nukleares Material zu stehlen.

Wie viel entwendetes radioaktives Material weltweit vermisst wird, darüber rätseln selbst die Experten. Halverson hält es für möglich, dass einzelne Länder den Verbleib von bis zu 60 Kilogramm hoch angereichertem Uran nicht belegen können. Diese Menge genügt, um eine einfache schmutzige Bombe zu bauen. «Das heisst aber nicht, dass das gesamte Material an einem einzigen Ort ausserhalb von offiziellen Anlagen gelagert sein muss», so Halverson. Der Marktpreis für gestohlenes hoch angereichertes Uran liegt bei umgerechnet 35 Millionen Franken pro Kilogramm, wie ein Fall von moldauischen Schmugglern aus dem Jahr 2011 zeigt. Materialproben von 200 Gramm sind ab knapp 15'000 Franken erhältlich. (met)

Datencheck

Grundlage für die Analyse ist die Nuclear Facilities Attack Database (Nufad). Die Datenbank nimmt Sicherheitsverstösse gegen nukleare Anlagen auf der ganzen Welt auf. Dazu zählen Kernkraftwerke, Forschungsstätten und militärische Einrichtungen. Als Zwischenfälle gelten Angriffe, Sabotage, Einbruch/Hausfriedensbruch und Diebstahl von radioaktivem Material. In der Zeit von 1960 bis 2014 sind achtzig Fälle dokumentiert, die durch öffentlich zugängliche Quellen belegt sind. Die Datenbank berücksichtigt nur Ereignisse, bei denen zum Zeitpunkt des Vorfalls radioaktives Material in der angegriffenen Einrichtung vorhanden war.

Hinter Nufad steckt das nationale Konsortium für Erforschung von Terrorismus und Massnahmen gegen Terrorismus, kurz Start. Die Organisation besteht aus einem globalen Netzwerk von Wissenschaftlern. Start hat den Sitz in den USA in College Park, Maryland. (met)

Artikel zum Thema

Parmelin spricht über Terrorismus und Kampfjets

Bundesrat Guy Parmelin traf in München seine europäischen Amtskollegen. Er infomierte sie auch über das Nein zum Gripen-Kauf. Mehr...

«Die IS-Attacke auf Ben Guerdane war mehr als Terrorismus»

INTERVIEW Die neuen Ziele der Jihadisten in Tunesien beunruhigen Tawfik Jelassi, IMD-Professor in Lausanne und Ex-Minister Tunesiens. Mehr...

Das sind die wichtigsten Strafverfahren wegen Terrorismus

Wegen jihadistischer Aktivitäten hat die Bundesanwaltschaft 46 Verfahren eröffnet. Unter anderem wurden vier IS-Anhänger und ein Jihad-Reisender verhaftet. Mehr...

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Mit geschwellter Brust: Ein Mann aus Indien zeigt bei einem Wettbewerb für die beeindruckendste Gesichtsbehaarung stolz seinen Schnurrbart. Der Wettbewerb fand am Rande des jährlichen Kamel Festivals in der nordindischen Wüstenstadt Pushkar statt. (20. November 2018)
(Bild: Himanshu SHARMA ) Mehr...