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Seine Chance, keine Chance

Maurizio Jacobacci musste 55 Jahre alt werden, um als Cheftrainer eine Anstellung in der Super League zu erhalten. Der Italo-Stadtberner ist ein Wanderer, der FC Sion seine 22. Station.

Der Trainer des FC Sion Maurizio Jacobacci im Tourbillon Stadion.
Der Trainer des FC Sion Maurizio Jacobacci im Tourbillon Stadion.
Valentin Flauraud, Keystone

Man würde am liebsten als Erstes fragen: Warum um Himmels willen tut man sich den Trainerjob beim FC Sion an?

Das wäre unhöflich. Zumal es beim Treffen im Restaurant am Bahnhof Sitten auch um Maurizio Jacobaccis lange Karriere ein wenig unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit geht. Seit bald 40 Jahren mischt er im Fussballgeschäft mit, seit seinem Debüt als 16-Jähriger 1979 mit YB gegen Servette. Jacobacci erzählt von diesem Einsatz detailliert wie von vielen weiteren Erlebnissen auf seinem kurvenreichen Weg durch die Jahrzehnte.

Den Duellen mit Wettingen im Europacup gegen Maradonas Napoli beispielsweise. Dem verlorenen Heimspiel im Mai 1986 mit Xamax gegen YB, als die Young Boys dank eines 4:1-Sieges auf der Maladière letztmals Meister wurden – und Jacobacci die Topchance vergeben hatte, das 2:1 zu erzielen. Dem Titel mit Xamax ein Jahr später. Oder seinem Tor gegen das grosse Real Madrid. Eines von über 100 in mehr als 400 Partien.

Im Tscharnergut aufgewachsen

In Neuenburg erlebte Jacobacci seine erfolgreichste Zeit am linken Flügel. Nach drei Saisons zog er auch dort weiter, 10 verschiedene Stationen waren es als Spieler. In der Westschweiz, im Tessin, in der Deutschschweiz. «Vielleicht war es ein Fehler, dass ich mich am Anfang meiner Karriere freikaufte und nie einem Verein gehörte», sagt Jacobacci. «So war es schwierig, mich zu behaupten, weil die Clubs auf ihre eigenen Spieler setzten.»

Möglicherweise stand sich Jacobacci mit seiner impulsiven Art teilweise auch selber im Weg. Geboren in Bern, aufgewachsen in der Länggasse und später im Arbeiterquartier Tscharnergut, entdeckte er – seine Eltern waren 1961 in die Schweiz eingewandert – früh die Liebe zum Fussball.

Über Bethlehem und den FC Bümpliz schaffte Jacobacci als C-Junior den Sprung zu YB, und weil er mit 170 Zentimetern eher klein gewachsen ist, lernte er früh, sich zu wehren. «Ich musste immer kämpfen», sagt er an diesem überraschend sonnigen Donnerstag in Sitten. «Das hat mich geprägt.»

Bereits mit 32 Jahren musste Jacobacci seine Karriere wegen Rückenschmerzen beenden. Der Mann, das spürt man, lebt den Fussball, und weil das immer so war, bildete er sich schon während seiner Karriere im Trainerbereich weiter.

Er stieg im Tessin bei der AS Origlio in der 3. Liga ein, führte später Mendrisio in die 1. Liga und zum Tessiner Cupsieg – und wurde 2000 Assistent von Hans-Peter Zaugg bei GC. «Ich kannte ihn lange, schliesslich sind wir nahe beieinander aufgewachsen», sagt Zaugg. «Mir gefielen seine Leidenschaft und Art. Er besass schon damals einen starken Willen, widersprach mir auch mal.»

Die Berner führten GC sofort zur Meisterschaft, das war 2001, zwei Jahre später folgte für Jacobacci unter Marcel Koller erneut der Titelgewinn, es war der 27. und bis heute letzte des Rekordmeisters. Im Kader standen auch die heutigen Sportchefs Christoph Spycher (YB) und Andres Gerber (Thun). Damals, nach dem Erwerb der Uefa-Pro-Lizenz, war die Zeit reif für Jacobacci, um wieder als Cheftrainer zu arbeiten. Bei Delsberg.

In der Schublade

Das ist bald 15 Jahre her. Eineinhalb Jahrzehnte, in denen der Trainer Jacobacci wie der Fussballer Jacobacci auf Wanderschaft ging. Er war als Trainer bei 12 Vereinen engagiert. In der Westschweiz, im Tessin, in der Deutschweiz. Aber bis vor wenigen Wochen nie als Chef in der Super League. «Es hat sich halt nie ergeben», sagt Jacobacci.

Dabei arbeitete er erfolgreich, marschierte mit Schaffhausen von der 1. Liga Classic in die Challenge League, stieg mit Kriens in die zweithöchste Spielklasse auf, rettete Baden vor dem Abstieg. Aber er wurde nach eigenen Angaben auch ein Mobbingopfer des Vorstandes in Vaduz, verliess Kriens und Wil wegen Sparübungen. «Ich verstehe nicht, wieso er nie eine Chance in der Super League erhielt», sagt Hans-Peter Zaugg.

Und weil sich Jacobacci «nie verbiegen» lassen wollte und ein sehr strenger, sehr autoritärer Trainer sein kann, steckte er irgendwann in einer Schublade. Er könne dann wie ein Fussballlehrer wirken, der ein wenig aus der Zeit gefallen sei, sagen Kritiker.

Jacobacci weiss um diese Vorbehalte, er spricht davon, dass die Spieler zu akzeptieren hätten, was der Trainer entscheidet, redet von Respekt und Hingabe und Demut, das fordere er immer ein. Diese Werte sind ihm so wichtig, dass er sie nach dem Gespräch noch mal per Whatsapp mitteilt.

Die Vorbehalte

Verzweifelt sei er in all den Jahren nie, weil es nicht mit einer Anstellung im Oberhaus geklappt habe. Ab und zu stand er auf einer Kandidatenliste, und als YB 2015 einen Nachfolger von Uli Forte suchte, erhielt die Berner Zeitung eine böse E-Mail aus dem Bekanntenkreis Jacobaccis, es sei eine Frechheit, würden jede Menge Trainer ins Gespräch gebracht, nicht aber der erfolgreiche Stadtberner Jacobacci.

Er sagt: «Der Fussball gibt mir so viel, egal in welcher Liga.» Es befriedige ihn, wie viele Karrieren er gefördert habe, sagt er – und nennt weit über ein Dutzend Spieler, die von der Arbeit mit ihm profitiert hätten.

Maurizio Jacobacci ist eine spannende Figur, kommunikativ und lebendig, das barsche Trainerbild korrespondiert nicht zwingend mit seinem Auftreten. Lässig gekleidet ist er, mit Lederjacke und modischer Sonnenbrille, seit 2001 ist er liiert mit Ilona Hug, der ehemaligen Frau des legendären Kampfsportlers Andy Hug, der früh an Leukämie starb.

«Leider lernte ich Andy nie kennen», sagt Jacobacci, «er muss eine faszinierende Persönlichkeit mit grosser Disziplin gewesen sein. So muss es sein. Ich hasse es, wenn man nicht mit allerletzter Konsequenz bei der Sache ist.»

Es gibt Menschen, die behaupten, Jacobacci habe ein Problem mit starken Charakteren, mehrmals bekam er Schwierigkeiten mit Leaderfiguren. «Er mag keine eigenständigen Spieler», sagt Baykal, der in Schaffhausen mit Jacobacci heftig aneinandergeriet. «Fachlich ist er top, aber ihm fehlt es an Fingerspitzengefühl.»

Jacobacci sagt, es gehe einfach nicht, wenn sich Spieler über das Team stellen würden. «Das werde ich nie akzeptieren. Alle müssen die Regeln befolgen.» Der Grat ist schmal bei der Teamführung; auch aus Österreich, wo Jacobacci vor zwei Jahren ein paar Monate Wacker Innsbruck trainierte, ist zu hören, der Coach habe die Spieler zuweilen zu hart angefasst.

55 Jahre alt also hat Jacobacci werden müssen, um endlich Cheftrainer in der höchsten Liga sein zu dürfen. Seit Anfang Februar führt er den FC Sion. Vor vielen Jahren stand er hier gemeinsam mit Chef Charly Rössli schon einmal an der Seitenlinie, die Zusammenarbeit endete nach wenigen Partien wegen Differenzen.

Im letzten Sommer heuerte Jacobacci als U-21-Trainer wieder in Sion an, er arbeitete mit respektablem Erfolg («Sion hat das beste U-21-Team») und hatte im Herbst gehofft, die Nachfolge des glücklosen Paolo Tramezzani ­antreten zu dürfen. Damals folgte Gabri, der nach der vernichtenden Bilanz von vier Punkten aus acht Partien nach dem ersten Spiel 2018 abtreten musste.

Der 48. Trainer unter CC

Jacobacci ist der 48. Trainer in 20 Jahren Präsidentschaft von Christian Constantin. «Ich habe keine Sekunde gezögert, als CC anrief», sagt Jacobacci. «Das ist endlich meine Chance in der Super League.» Über den Präsidenten und dessen chaotisches Wirken mag Jacobacci nicht lange reden, er will sich auf seine Arbeit konzentrieren.

«Uns bleibt nicht viel Zeit, wir müssen eine be­dingungslose Einheit darstellen. Dann können wir am Samstag in Bern ein gutes Ergebnis erreichen.» Mit sechs Punkten Rückstand auf den Zweitletzten trat er seine Arbeit an. Zuletzt siegte Sion gegen Lausanne 3:1, Thun ist noch vier Zähler entfernt.

Der Fall Kasami

Jacobacci ist sich auch beim FC Sion treu geblieben. Letzte Woche geriet er mit Pajtim Kasami aneinander, der frühere Nationalspieler wurde für ein paar Tage von Constantin verbannt. Kasami habe Vereinspolitik betrieben und sich für Tramezzani, den Wohnnachbarn in Montreux, als neuen, alten Trainer eingesetzt.

«Wenn nur einer die Regeln nicht einhält, kann man keinen Erfolg haben», sagt Jacobacci. Am Mittwoch sprach er sich mit Kasami aus. «Wenn er mitzieht, kann er eine Hilfe sein, vielleicht schon gegen YB. Er muss begreifen, dass es ums Team geht.» Jacobacci hat keine Zeit, sich mit Einzelschicksalen zu beschäftigen.

Die überaus teure, überaus talentierte, überaus wild zusammengestellte Mannschaft des FC Sion zu einer verschworenen Gemeinschaft zu modellieren, stellt ohnehin eine Herkulesaufgabe dar. Jacobacci ist im Kampfmodus. «Wir müssen die Lust bei den Spielern, im Verein, bei den Fans wecken», sagt er.

Immer noch Tour de Suisse

Jacobacci lebt mit der Partnerin in Zug, hat sich eine Wohnung im Wallis genommen, ab und zu ist er in Bern, manchmal bei Tochter und Sohn im Tessin. Er bestreitet immer noch eine Tour de Suisse, das Berndeutsch ist nur in Ansätzen zu hören. «Hey, ich bin zweifacher Grossvater», ruft er einmal.

«Ich muss niemandem mehr etwas beweisen.» Das ist natürlich eine Fake-Behauptung. Dass die Sion-Trainer fast im 3-Monate-Rhythmus abgelöst werden, ist ihm egal. «Ich glaube an mich. Ich sterbe lieber mit meinen Ideen.» Es ist seine Metapher dafür, eigene Überzeugungen durchzusetzen.

Der Trainerdesperado beim Desperadoclub, es könnte funktionieren. Zumindest bis zum Ligaerhalt. «Ich bin froh, wenn ich bis Sommer bleiben darf», sagt Jacobacci, «was dann kommt, entscheide nicht ich.» Vielleicht passt Porsche-Liebhaber Jacobacci tatsächlich zu Ferrari-Fahrer Constantin, die beiden eint auch das Hobby Boxen.

Und nachdem man über ein Fussballspiel inklusive Verlängerung und Elfmeterschiessen lang gesprochen hat, überrascht einen die Antwort auf die Frage, warum um Himmels willen man sich den Trainerjob beim FC Sion antue, nicht: «Weil ich nie Angst habe.»

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