Thun

Nur einzelne Flüchtlinge sorgen für Probleme

ThunDie grosse Mehrheit der mittlerweile dreihundert Flüchtlinge im Bundesasylzentrums auf dem Waffenplatz in Thun verhält sich ruhig und ist kooperativ, einzelne Asylsuchende sorgen für Probleme.

Kleiderabgabe im Kirchgemeindehaus am vergangenen Freitag: Die Flüchtlinge haben sich auf die warmen Kleider                                  gestürzt und waren überglücklich, wenn sie etwas für sich ergattern konnten.

Kleiderabgabe im Kirchgemeindehaus am vergangenen Freitag: Die Flüchtlinge haben sich auf die warmen Kleider gestürzt und waren überglücklich, wenn sie etwas für sich ergattern konnten. Bild: Patric Spahni

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Dreihundert junge Männer leben in einer Halle des temporär betriebenen Bundesasylverfahrenszentrums auf dem Waffenplatz in Thun. Dreihundert weitere werden demnächst die zweite Halle beziehen. Sie leben zusammen und teilen sich den gemeinsamen Raum. Sie sind unter anderem Muslime, Christen, Kurden, Palästinenser. Sie sind vor allem aus Afghanistan, Syrien, Gambia, Nigeria, Sri Lanka und aus dem Irak. Sie sprechen oft Pastunisch, Farsi, Arabisch, Singalesisch, manche auch Englisch, wenige Französisch.

«Der Betrieb in Thun ist gut angelaufen», zieht Léa Wertheimer, Mediensprecherin des Bundesamtes für Migration (SEM), die Bilanz seit der Eröffnung vom 18. Dezember. «Wir versuchen, präventiv entgegenzuwirken, jedoch sind Reibereien unvermeidbar, wenn dreihundert Männer auf engem Raum und mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund zusammenleben.»

Wie von Anfang an vorgesehen sind nur Männer nach Thun zur Abklärung überführt worden. «Im Moment ist die erste Halle mit dreihundert Plätzen voll belegt, wann die zweite Halle mit weiteren dreihundert Plätzen in Betrieb genommen wird, ist noch offen», sagt sie. Der Betrieb soll Schritt für Schritt erweitert werden, bis die Hallen voll belegt sind.

Im Moment viele Afghanen

In Thun sind laut Wertheimer ausschliesslich Personen untergebracht, die in einem Empfangsverfahrenszentrum (EVZ) re­gistriert und befragt wurden. «Meistens sind es Flüchtlinge, bei denen ein Dublin-Verfahren eingeleitet wird – wo wir also annehmen, dass ein anderer europäischer Staat für sie zuständig ist», erklärt die Mediensprecherin.

Bei den Flüchtlingen handelt es sich um Personen aus insgesamt dreissig Nationen. Die grösste Gruppe stellen derzeit mit über hundert Personen die Afghanen. «Die Aufenthaltsdauer kann bis zu neunzig Tage betragen – inklusive der vorherigen Zeit im EVZ.»

Hotline wird benutzt

Im Zentrum gab es bis jetzt rund ein Dutzend Interventionen (vgl. Bilanz Polizei und Stadt Thun). «Nebst wenigen Streitereien und einem Sturz aus dem Bett sind uns keine anderen nennens­werten Unfälle und Probleme bekannt», sagt Léa Wertheimer. Auch seien die Rückmeldungen aus der Bevölkerung nicht zahlreich. «Einige Menschen meldeten uns ihr Unbehagen zu Beginn, doch die meisten fragen an, ob und wie sie helfen können.» ­

Mittlerweile habe auch die erste Sitzung der Begleitgruppe stattgefunden, in welcher unter an­derem die freiwilligen Beschäf­tigungsprogramme koordiniert und besprochen würden. «Das SEM unterstützt privates En­gagement, solange dieses nicht kontraproduktiv ist», sagt Wertheimer. So habe sich die lose Gruppe Thun4Refugees (vgl. Kontext unten) dem SEM als Partner angeboten, um den Kontakt zur Bevölkerung zu erleichtern und den Asylsuchenden Aktivitäten anzubieten.

Zudem würden Freikirchen ein Angebot für Kirchgänger stellen. «In der Freiwilligenarbeit schauen wir aber darauf, dass niemand in den Bundesunterkünften missioniert», sagt die Mediensprecherin.

Kritik an ORS AG

Auch wird immer wieder Kritik an der ORS Service AG laut, welche im Auftrag des SEM etliche ihrer Zentren betreut. In Berichten ist unter anderem zu lesen, dass oft mit zu wenig Personal gearbeitet werde und das Unternehmen mit einer Bank als Hauptaktionärin zu gewinnorientiert sei.

«Firmen, welche für die Betreuung verantwortlich sind, unterstehen einem strengen Controlling», nimmt Léa Wertheimer dazu Stellung. Mit sämtlichen Dienstleistern würden Leistungsverträge mit entsprechendem Reporting und Controlling abgeschlossen. «Zudem haben sowohl die Nationale Kommission zur Verhütung von Folter als auch das UNHCR Einblick in die Asylzentren des ­Bundes.»

Das Bundesasylzentrum ist sechs Monate in Betrieb. Wertheimer betont: «Das ist mit dem Kanton und der Stadt so vereinbart.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.01.2016, 08:34 Uhr

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«Leider haben sich Frauen schon belästigt gefühlt»

Die Mehrheit der Flüchtlinge ist ruhig und kooperativ, eine Minderheit sorgt für Probleme. Unter anderem fühlen sich vereinzelt Frauen belästigt.

Wie für das Bundesamt für Mi­gration (SEM) und für Thun4­Refugees (vgl. Haupttext und Kontext) ist auch für die Stadt Thun das Schlüsselwort für die Prävention «Beschäftigungsangebote». «Zwar verhalten sich die meisten Flüchtlinge, die im Bundesasylzentrum auf dem Waffenplatz vorübergehend einquartiert sind, korrekt und kooperieren», sagt SP-Gemeinderat Peter Siegenthaler im Namen der Stadt, die für die Sicherheit im öffentlichen Raum und für die freiwilligen Beschäftigungsprogramme verantwortlich ist. «Doch es gibt wie so oft einzelne Personen, welche Schwierigkeiten bereiten.»
Randständige und Flüchtlinge
In diesem Fall sind es insbesondere ein paar Asylsuchende, die im öffentlichen Raum auf Randständige treffen. «Zwei Gruppen, die viel Zeit haben, finden unweigerlich zueinander», sagt Siegenthaler. Daher würden die auf reduziertem Niveau gehaltenen Einsätze der Aktion «Marathon» nach Bedarf leicht angepasst. «Denn ich dulde keinesfalls», betont der Gemeinderat, «dass sich in Thun wieder wie in früheren Zeiten eine offene Szene bilden kann.»
Das Wichtigste bleibe, weiterhin das Angebot der Aktivitäten aufzubauen. «Wenn wir sie beschäftigen können, ist auch ein Nutzen für die Allgemeinheit erkennbar und ersichtlich», ist der Gemeinderat überzeugt. Die Begleitgruppe des SEM habe sich bisher einmal getroffen. Die Stadt ihrerseits sei dabei, mögliche Arbeitseinsätze vorzubereiten, etwa im Bereich Unterhalt Mobiliar und Parkanlagen oder mit Aktionen wie Veloputzen. «Wir werden zwischen zwanzig und dreissig Personen beschäftigen können», schätzt er.
Frauen fühlen sich belästigt
Zudem sind laut Siegenthaler einzelne Meldungen bei der Polizei wegen Ladendiebstahls eingegangen oder von Frauen, die sich geängstigt oder belästigt gefühlt hätten. Doch es sei natürlich schwierig zu beurteilen, ob es sich dabei um Flüchtlinge aus dem Bundesasylzentrum gehandelt habe. «Zwar kann kein Vergleich mit den Übergriffen wie in Köln und anderen Städten gezogen werden, doch es ist Tatsache, dass es in einzelnen Fällen auch in Thun zu Beläs­tigungen gegenüber Frauen kam», sagt der Gemeinderat.
«Abgesehen von Auseinandersetzungen im Zentrums selber unter den Flüchtlingen sind uns bis jetzt im öffentlichen Raum keine grösseren Gewaltdelikte oder andere grobe Fälle bekannt», sagt er. Beobachtungen sollen unbedingt der 24-Stunden-Hotline 058 465?47?44 oder auch der Polizei gemeldet werden (vgl. auch Kasten Polizei). Auch der temporär als neuer Beauftragter für Freiwilligenarbeit im Asylwesen zuständige Heinz Bucher nimmt im Bereich der Freiwilligenhilfsangebote weiterhin per E-Mail über heinz.bucher@thun.ch und dienstags von 9 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr über die Nummer 033 225?84?50 Meldungen entgegen. «Bis jetzt sind mehrere Dutzend Ange­bote, für die ich sehr dankbar bin, und vereinzelt Reklamationen eingegangen», sagt Peter Siegenthaler.
Minderheit schadet allen
Aus all diesen Gründen fällt Siegenthalers Bilanz punkto Bundesasylzentrum und allem, was es mit sich bringe, durchzogen aus. Es sei beachtenswert, in welcher Geschwindigkeit alle Beteiligten – insbesondere SEM, ORS Service AG, Stadt, Militär und Polizei – ein solches Zentrum eingerichtet und in ­Betrieb genommen hätten. «Es funktioniert so weit gut, und zugleich geht es leider nicht ohne Probleme.» Obwohl es nur eine kleine Minderheit ist, die Probleme bereitet. «Es sind diese Leute, welche die guten Absichten der Bevölkerung und der Behörden erschweren», betont der Gemeinderat. «Das ist für alle Beteiligten sehr ärgerlich und kontraproduktiv.»sft

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