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«Kirche ist doch viel mehr»

Den Menschen verpflichtet und von Gott bewegt – mit diesem Profil geht die reformierte Landeskirche in die Zukunft. Am Sonntag feiert sie dies mit einem Fest, Professorin Isabelle Noth wirft darauf einen kritischen Blick.

Erhebt den Mahnfinger: Professorin Isabelle Noth findet es verdienstvoll, dass die Kirche ihr Profil schärft. Mit der Art, wie dies am Wochenende gefeiert wird, hat sie aber Mühe.
Erhebt den Mahnfinger: Professorin Isabelle Noth findet es verdienstvoll, dass die Kirche ihr Profil schärft. Mit der Art, wie dies am Wochenende gefeiert wird, hat sie aber Mühe.
Andreas Blatter

Isabelle Noth, am Sonntag erfindet sich die reformierte Landeskirche quasi neu. Mit einem grossen Fest feiert die Kirche in Bern die neuen Leitsätze, an denen sie sich künftig ausrichten will. Inwieweit hat sie diese sogenannte Vision 21 nötig?Isabelle Noth: Die Kirche will einen Neuaufbruch. Sie wählte den Weg über eine grundsätzliche Neubesinnung, eine Art in­nere Einkehr. Die Leitsätze sind das Resultat dieser Suche nach Orientierung und dieses Prozesses der Klärung. Für sie geht es um nichts weniger als um die ­Frage ihrer eigenen Zukunft.

Weil ihr die Leute davonlaufen?Der Mitgliederschwund ist immens. Vor diesem Hintergrund muss man dem Entscheid des Kirchenparlaments, diesen breit an der Basis orientierten Prozess des In-sich-Gehens einzuleiten, grossen Respekt zollen. Die Leitsätze stehen in sich in einem Spannungsverhältnis und zeugen von intensiven und fruchtbaren Auseinandersetzungen. Mir fällt allerdings auf, dass Christus nicht ausdrücklich erwähnt wird.

Tatsächlich? Geht das für eine Kirche, die sich ausdrücklich als eine christliche definiert?Ich stelle einfach fest, dass in der zentralen Aussage – «von Gott bewegt, den Menschen verpflichtet» – Gott zwar durchaus vorkommt, die übrigen Sätze aber sehr auf den Menschen bezogen formuliert sind. Die evangelisch-methodistische Kirche hat sich übrigens fast das gleiche Profil gegeben: «Mit Christus unterwegs, von Gott bewegt, den Menschen zugewandt».

Wobei hier Christus eben ausdrücklich erwähnt wird. Kann man die Leitsätze der Landes­kirche als zweite Reformation ­bezeichnen? Als Versuch auch, die Abwärtsspirale zu stoppen?Auch mit den besten Leitsätzen wird man keine Entwicklungen verhindern können. Der Kirche geht es in erster Linie aber auch gar nicht darum, den Trend zu stoppen, sondern sich ihm zu stellen, mit ihm umzugehen. Entscheidend wird nun vor allem sein, wie sie ihre Vision umsetzt.

Das heisst?Mein Vorgänger Christoph Morgenthaler träumte noch von einer seelsorgerlichen Kirche. Und er war einer der ersten, der offen Zweifel säte, ob die Fixiertheit auf den Gottesdienst, wie sie am Kirchenfest erneut zelebriert wird, der Kirche wirklich dienlich ist. Kirche ist doch viel mehr. Er schrieb dazu: «Theologisch zentral ist auch in der Volkskirche der Gottesdienst. Sagt man. Stimmt ja auch. Aber wenn sich Volkskirchen einseitig daran orientieren, werden sie nicht nur von den Medien immer neu und in immer gleich bleibender Eintönigkeit an der Fessel fotografierter halb leerer Kirchen vorgeführt, sondern beginnen, sich selbst so zu sehen.» Ich denke, er hat recht.

Wie sollte sich die Kirche ­stattdessen zeigen?Morgenthaler wies darauf hin, dass für die Kirche anderes genauso wichtig ist, ihre enorme Arbeit im Bereich Bildung, Kinder- und Jugendarbeit zum Beispiel, ihr soziales Engagement oder ihre Seelsorge in Heimen und Spitälern. Wie hätte ein Kirchenfest aussehen können, das von dieser Einsicht geprägt ge­wesen wäre? Es hätte kaum neun Gottesdienste und am Sonntagnachmittag nochmals eine Predigt gegeben.

Sondern?Man hätte die Gemeinde viel stärker einbinden und Gelegenheit zum Austausch und zu Begegnungen geben können. Mit Gesprächsrunden zu Themen, die die Gesellschaft bewegen. Das Verhältnis zum Islam hätte so ein Thema sein können. Oder die Ehe für alle. Oder der Klimawandel und seine Folgen. Ich finde einfach, es gehört zu den zentralen Aufgaben der Kirche, aktuelle Debatten und die viel erwähnten «Ängste der Leute» aufzunehmen und christlich motivierte Sichtweisen nicht nur in der Predigt zu formulieren, sondern im direkten Gespräch miteinander zu diskutieren. Ein Workshop zu Zivilcourage oder zu gewaltfreier Kommunikation, ein Seelsorgeraum, der ein offenes Ohr für ­verschiedenste Anliegen, Sorgen und Nöte bietet – all dies gehört doch zum Kirchesein.

Wie kommt es, dass die Kirche genau dies nicht tut?Die Kirche hadert noch zu sehr mit sich selber, kämpft noch zu sehr gegen ihren Bedeutungsverlust an. Dabei müsste sie sich auf ihre echte Vielfalt besinnen. Diese Vielfalt erschöpft sich wahrlich nicht in unterschiedlichen Liturgien, wie sie am Fest geboten wird. Wieder stimme ich ­meinem Vorgänger zu, der vom ­Gemischtwarenladen sprach, den sich die Kirche bewahren müsse. Und weiter schrieb, dass es viel Überzeugungsarbeit brauche, «dass wenigstens dieser Gemischtwarenladen nicht auch noch stirbt». Aber eben. Die Kirche versucht immer noch, die Leute in den Gottesdienst zu bekommen. Und misst sich selber daran, wie ihr dies gelingt.

Das Kirchenfest kann aber ­Öffentlichkeit schaffen.Ja, das kann es. Und es ist schön, dass die Kirche alle dazu einlädt. Mehr Mühe habe ich damit, dass der Erlös, der aus dem gemeinsamen Risottoessen herausspringt, für eine neue Beratungsstelle in Bern eingesetzt werden soll. Ich bedaure es sehr, dass eine der reichsten Kirchen der Welt die Kollekte nicht für jene bestimmt hat, die sie mehr denn je benötigen, für jene, die nicht in den ­industrialisierten Ländern des Nordens zu finden sind. Es genügt heute nicht mehr, als Kirche eines der reichsten Länder der Welt nur um sich selber zu kreisen – in einer Zeit übrigens, in der wir rundum von lebensbedrohenden Konflikten herausgefordert sind. Hier hätte sich die Kirche dringend auf einen ihrer neuen Leitsätze besinnen müssen: «vor Ort präsent – die Welt im Blick».

Isabelle Noth(50) ist Professorin für Seelsorge, Religionspsychologie und Religionspädagogik in Bern.

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