Im Hip-Hop-Workshop für jugendliche Flüchtlinge

Seit einem Jahr tanzen in Bern Flüchtlinge­ ­gemeinsam Hip-Hop. Das eigentlich simple Projekt ist für die ­Jugendlichen zum Fixpunkt geworden.

Sie heissen Omid, Ali und Hamed, und sie tanzen Hip-Hop: Jeden Samstagnachmittag findet in Bern ein Hip-Hop-Workshop für jugendliche Flüchtlinge statt.

Sie heissen Omid, Ali und Hamed, und sie tanzen Hip-Hop: Jeden Samstagnachmittag findet in Bern ein Hip-Hop-Workshop für jugendliche Flüchtlinge statt. Bild: Iris Andermatt

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«Sitzen, sitzen, Pause», rufen die jungen Männer und lachen. Erschöpft wirken sie nicht, obwohl sie seit 45 Minuten Tanzbewegungen üben, Drehungen machen, Ausfallschritte vorzeigen. Sabine Iseli winkt ab. «Nein, nicht sitzen, wir machen es nochmals.» Die Männer stellen sich ohne Murren vor dem Spiegel auf, konzentriert warten sie auf die Hip-Hop-Beats. Sie heissen Omid, Ali oder Hamed. Sie kommen aus Afghanistan, Pakistan und dem Iran und sind vor nicht allzu langer Zeit als Flüchtlinge in der Schweiz gelandet. Plötzlich hatten sie viel Zeit und wenig Platz. Denn im Asylzentrum ist es eng, zu tun gibt es wenig.

Treffpunkt Loeb-Egge

Seit der Flüchtlingskrise vor zwei Jahren erhalten auch die Asylsuchenden hierzulande mehr Aufmerksamkeit. Es gibt einerseits Proteste gegen neue Asylzentren, andererseits setzen sich Freiwillige auf verschiedenen Ebenen für Flüchtlinge ein. Sie bieten Deutschkurse in Asylzentren an, in manchen Zentren gibt es Strickkurse, in anderen begleitetes Joggen. Auch im kulturellen Bereich existieren verschiedene Initiativen. Vom Malkurs über den Violinunterricht bis zum Flüchtlingschor. Doch nicht alles funktioniert gleich gut.

Der Hip-Hop-Kurs von Sabine Iseli funktioniert. Die meisten der jungen Flüchtlinge besuchen ihn seit einem Jahr regelmässig. Damals war der Tanzworkshop als Teil des Projekts «Musik ohne Grenzen» gedacht. Die Knabenmusik Bern übte für ein einmaliges Konzert gemeinsam mit Flüchtlingen, es gab Gesang, Tanz, Rhythmik. Sabine Iseli leitete die Tanzgruppe, die nach dem Auftritt im Dezember einfach weitermachen wollte.

Und so trifft sich die Gruppe, der auch einige junge muslimische Frauen angehören, jeden Samstag beim Loeb-Egge und fährt dann gemeinsam ins Berner Galgenfeld, wo sich die Tanzschule Bounce Urban befindet. Hier trainiert Iseli seit vielen Jahren, die Gruppe mit den Flüchtlingen darf den Raum am Samstagnachmittag nutzen. «Es ist wichtig, dass die Leute auch mal aus dem Asylzentrum rauskommen», findet Iseli. ­Hip-Hop sei eine gute Abwechslung zum Alltag.

Für diese zwei Stunden nehmen die Teilnehmer auch die Anreise aus Sumiswald oder Belp auf sich. «Wenn sie die Fahrkosten nicht bezahlen können, übernimmt das der Verein», sagt die 28-Jährige. «Das fehlende Geld soll sie nicht vom Tanzen abhalten.» Der Verein heisst Bernvenuto. Iseli hat ihn im Frühling gemeinsam mit ein paar Freunden gegründet. Das Ziel: «Junge Flüchtlinge in Bern willkommen heissen und sie bei ihrer Integration in der Schweiz tatkräftig unterstützen.»

Ein kleiner Fixpunkt

Und dazu reicht Hip-Hop-Tanzen? Sabine Iseli lacht. «Wenn Flüchtlinge neu in der Schweiz ankommen, fehlt ihnen die Konstanz, sie haben keinen Fixpunkt im Leben.» Der Tanzworkshop könne ein kleiner solcher Fixpunkt sein. Zudem würden sie im Kurs auch Schweizer Werte kennen lernen. Zum Beispiel, dass es völlig normal sei, als Frau gemeinsam mit Männern zu tanzen. Oder dass Frauen auch Chef sein können, so wie hier im Tanzkurs. Oder dass Zuverlässigkeit wichtig sei.

Heute ist kein Asylbewerber zu spät an den Treffpunkt gekommen. Prompt frotzelt einer am Loeb-Egge: «Wir sind pünktlich wie Schweizer.» Nur eine Schweizer Teilnehmerin des Kurses verspätet sich um einige Minuten, was wiederum Sprüche zur Folge hat. Überhaupt geht es den ganzen Nachmittag über sehr locker und lustig zu. «Ironie ist allgegenwärtig», sagt Sabine Iseli.

In der Tanzgruppe gibt es meistens auch Schweizer Teilnehmende. Das sei wichtig, sagt die ausgebildete Psychologin. Tanzen als interkultureller Austausch. Oft übernimmt sie auch Stilelemente aus den verschiedenen Ländern für die Tanzchoreografien. «Auch für mich sind die Stunden bereichernd», sagt Iseli, «die Teilnehmer erzählen über ihre Lebenswelten, ich über meine. Und beide Seiten können etwas lernen.»

Zeit schenken

Das ist auch bei anderen kulturellen Projekten mit Flüchtlingen ein Hauptanliegen. Die gebürtige Spanierin Alejandra Martín ist seit vier Jahren für ihr Masterstudium in Bern. Sie erteilt zwei Flüchtlingen Geigenunterricht: einer jungen Frau aus dem Libanon und einem Mann aus Syrien. «Ich finde es spannend und bereichernd, ihre Kultur mitzukriegen», sagt die Bratschistin. Die Stunden gibt sie unentgeltlich. «Ich war auch froh, wenn sich jemand für mich interessierte, als ich neu in der Schweiz war», sagt sie. Zeit sei das Beste, was man schenken könne.

Auch die Kunststudentin Paula Weimann schenkt Zeit. Sie hat im Sommer regelmässig das Asylzentrum in Zollikofen besucht und mit den Flüchtlingen Schmuck hergestellt, den sie an einem Markt verkaufen konnten. Mit dem am Markt erzielten Gewinn werden wiederum Integrationsprojekte wie Deutschkurse unterstützt.

Rose Marie Doblies leitet seit letzten April in Bern einen Flüchtlingschor. Die Sängerin und Gesangspädagogin hatte zuvor schon mehrmals mit Flüchtlingen gearbeitet, so hatte sie für ein einmaliges Projekt in Enggistein mit 21 Männern aus 17 Nationen einen Chor gebildet. Das Interesse sei gross, sagt Doblies. Um die zehn Leute aus Syrien, Eritrea, Somalia, dem Iran und dem Irak nehmen jeweils am Samstagvormittag teil.

Doblies möchte den Flüchtlingen mit dem Chor ein Stück Heimat bieten, indem sie Lieder aus den jeweiligen Herkunftsländern aufnimmt und diese mit allen in der Originalsprache singt. «Über die Stimme kann der Mensch wieder Selbstwertgefühl gewinnen», sagt Doblies. Sie habe den Wunsch eines solchen Chors schon lange gehabt, jedoch sei sie als Künstlerin auf Unterstützungsgelder angewiesen und noch auf der Suche danach.

Endlich Pause

Sabine Iseli hingegen arbeitet unentgeltlich. Sie investiert seit einem Jahr jeden Samstagnachmittag, dazu kommt die Vereinsarbeit oder auch mal das Helfen bei einer Bewerbung. «Ja, es braucht Ausdauer», sagt sie, «aber es fägt, inzwischen kommen sogar Anfragen für Auftritte. Die ganze Flüchtlingssituation beelendet mich. Ändern kann ich sie nicht, aber wenigstens habe ich nicht das Gefühl, tatenlos dazusitzen.»

«Gut gsi? Gut gsi?», rufen die jungen Männer. Im Kurs haben sie auch ein bisschen Berndeutsch gelernt. Ja, die Probe war gut. Und jetzt ist endlich Pause.

Infos: www.bernvenuto.ch, www.doblies.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.09.2017, 10:56 Uhr

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