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«Ich weiss nicht, wie oft ich gestürzt bin»

RadDer Ausstieg von IAM ­Cycling hatte das Ende der Profikarriere von Marcel Wyss zur Folge. Im Gespräch blickt der 30-jährige Berner blickt auf seine bewegte Karriere zurück.

Einmal Velo, immer Velo: Bei Marcel Wyss dreht sich auch im Leben nach dem Spitzensport vieles um zwei Räder.

Einmal Velo, immer Velo: Bei Marcel Wyss dreht sich auch im Leben nach dem Spitzensport vieles um zwei Räder. Bild: Urs Baumann

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17 Jahre lang hat Marcel Wyss Radrennen bestritten, 8 davon als Berufsfahrer. Er habe «ein paarmal die Arme in die Luft strecken» dürfen, in seiner Wahrnehmung aber keinen bedeutenden Sieg realisiert, hält der 30-Jäh­rige Emmentaler mit Wohnsitz Münsingen fest. Seine Karriere lässt sich aus anderen Gründen als aussergewöhnlich bezeichnen, wie der von ihm kommentierte Rückblick offenbart.

In den Jahren 2009 und 2010, seinen ersten als Berufsfahrer, pedalte Wyss für Cervelo. Ende 2010 kam es zur Fusion mit Garmin, der überzählig gewordene Berner wurde vom Geox-Rennstall engagiert. Wobei die Freude nicht lange währte, der Sponsor stieg im Oktober 2011 ohne Ankündigung aus; Wyss drohte der Fall ins Brot- und Bedeutungs­lose. Im März 2012 fand er beim Zweitligisten Nett App Unterschlupf – für ein Gehalt, welches «eher zum Überleben als zum Leben» ausreichte, wie er es formulierte. Kontinuität erlebte er ab 2013 bei IAM Cycling.

Marcel Wyss:«Es war ein stetes Auf und Ab. Unsicherheiten, Verletzungen, Krankheiten, Existenzängste, dazwischen immer wieder schöne Momente. Das System ist gnadenlos; es zählt nur die Leistung. Was nicht genügt, wird aussortiert. IAM war die Ausnahme, dort hatte auch die Menschlichkeit Platz. Vor dem Übertritt zu den Profis hatte ich nicht gewusst, wie das System funktioniert.

«Das System ist gnadenlos.»Marcel Wyss

Von aussen sieht man das Schöne und bewundert jene Fahrer, welche an der Tour de France dabei sein dürfen. Von den vielen Gescheiterten erfährt man nichts. Ich wurde kalt geduscht, merkte dann aber schnell, woher der Wind weht.»

Als Nachwuchsathlet war Wyss ein versierter Zeitfahrer, an der U-23-WM 2008 belegte er Rang 4. In der frühen Profiphase wurden ihm öfter Jokerrollen zugeteilt. Der angestrebte Etappensieg in einem bedeutenden Rennen blieb aus, in der Tour de Romandie reihte er sich zweimal unter den besten zehn ein.

Je länger seine Karriere dauerte, desto öfter sah er sich mit Helferaufgaben konfrontiert. In den letzten drei Jahren fungierte er als Adjutant des gleichaltrigen Mathias Frank.

«2013 war eines meiner besten Jahre. Hätte ich mich öfter derart wohl gefühlt, wäre vielleicht mehr möglich gewesen. Die Helferrolle hat zwei Seiten: Intern ist die Wertschätzung hoch, man erhält gute Verträge. Ich habe bei IAM mehr verdient, als dies im erlernten Beruf (Geomatiker; die Red.) der Fall gewesen wäre. Willst du hingegen das Team wechseln, hast du nichts vorzuweisen – abgesehen vom guten Wort, das ein Leader für dich einlegen kann. Mathias Frank hat das für mich auch getan, aber letztlich entschieden sie sich bei AG2R für einen jungen Franzosen.

Als Leader verspürst du Druck. Ich war an der Tour de France mit Mathias im Zimmer; er war mental am Limit. Als Helfer ist das Leben verhältnismässig einfach. Du verrichtest deine Arbeit, Druck verspürst du kaum.»

Im Strassenradsport kommt es auch im 21. Jahrhundert immer wieder zu schweren Stürzen, manchmal sind die Folgen tödlich. Wyss fand sich selbst häufig am Boden wieder.

«Ich weiss nicht, wie oft ich gestürzt bin; ich müsste einmal die Narben zählen. Aber grundsätzlich hatte ich Glück, bis auf einen Handgelenkbruch erlitt ich nur Tapetenschäden. Unseren Sport kann man vielleicht sicherer, aber niemals sicher machen. Jeder ist für sich verantwortlich; wer über seinen Verhältnissen fährt, ist selbst schuld.

Sollte ich dereinst Kinder haben und ein Kind Velorennen bestreiten, würde ich den Übertritt zu den Profis sicher nicht forcieren. Aber ich wäre auch kein Bremser – der Sport hat mir trotz allem viel gegeben.»

«Die gesundheitlichen Probleme haben vieles relativiert.»Marcel Wyss

Im Herbst 2012 musste sich Wyss einen gutartigen, aber aggressiven Tumor, der sich hinter seinen Rippen eingenistet hatte, operativ entfernen lassen. Zwei Jahre später kam es aus dem gleichen Grund erneut zu einem Eingriff, wiederum mussten Muskeln und Gewebe entfernt werden.

Wyss sollte später sagen, vor dem Gang ins Spital innerlich mit dem Leistungssport abgeschlossen zu haben. Anderthalb Monate nach der Operation sass er wieder im Sattel. Er kämpfte sich zurück, bestritt die Tour de Romandie, fuhr gar die Tour de France zu Ende.

«Die gesundheitlichen Probleme haben vieles relativiert. Vorher war der Sport das Wichtigste im Leben gewesen. Nach den Operationen redete ich mir manchmal ein, nicht mehr über die nötige Leistungsfähigkeit zu verfügen. Ich war nahe dran, mir einen Mentaltrainer zu suchen – vermutlich hätte ich es tun sollen.

Als ich 2015 am Tour-de-France-Start stand, wurde ich emotional. Von den 27 Fahrern eines Teams können 9 die Tour bestreiten, ich hatte es trotz allem ins Aufgebot geschafft. Da verspürte ich Stolz.»

Radprofis bleiben dem Velo nach der Karriere treu. Sven Montgomery amtet als Nachwuchschef von Swiss Cycling, David Loosli ist Sportdirektor der Tour de Suisse. Wyss wird ab Januar in der Berner Firma Thömus Velo­shop für die Entwicklung der Rennvelos und die Betreuung der Rennvelokunden zuständig sein.

«Anfang Jahr machte ich mir erstmals konkrete Gedanken zum Leben nach dem Sport. Ich war offen für alles, was mit Velos zu tun hat. Von uns gehen die wenigsten auf ihren Beruf zurück, weil wir im Sport am meisten Kompetenzen haben. Klar war, dass ich, sollte ich aufhören, nicht mehr 150 Tage pro Jahr weg sein wollte. Mein Manager sondierte den Markt, erhielt eine schlecht dotierte Offerte und viele Absagen. Ich bewarb mich parallel dazu in der Wirtschaft, realisierte aber erst während des Bewerbungsgesprächs so richtig, als mein künftiger Chef sagte: ‹Du hörst doch auf, oder?›, dass ein Kapitel zu Ende gegangen ist.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 01.12.2016, 11:27 Uhr

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