«Ich habe den Schweizern eine Perspektive geschaffen»

Zwei Jahre nach seinem letzten Marathon an der EM in Zürich dreht sich im Leben von Viktor Röthlin immer noch vieles um Laufsport.

Viktor Röthlin:?«Frauen sind zäher als wir Männer.»

Viktor Röthlin:?«Frauen sind zäher als wir Männer.»

(Bild: Stefan Anderegg)

Der GP Bern vermeldet einmal mehr Rekordbeteiligung, bei andern Stadtläufen sind die Zahlen ebenfalls hoch. Weshalb hält der Laufboom so lange an?Viktor Röthlin: Weil Laufen die einfachste und günstigste Art ist, sich zu bewegen. Es gibt kaum eine andere Sportart, die jeder so gut wie überall betreiben kann, wenn er geeignete Schuhe hat. Zudem spielt die Prävention eine grosse Rolle.

Inwiefern?Als ich im Jahr 2000 mein Physiotherapeutendiplom erhielt, fragte mich der Schulleiter, in welchem Bereich ich meine berufliche Zukunft sehen würde. Ich sagte, in der Prävention, er schmunzelte. Heute arbeite ich fast ausschliesslich präventiv, indem ich mit meiner Firma für grosse Unternehmen Bewegungsseminare und -trainings durchführe. Die Firmen wollen, dass ihre Mitarbeiter gesund bleiben, bieten ihnen deshalb organisierte Bewegung an. Laufen ist salonfähig geworden.

Nicht nur im Breitensport, sondern auch im Spitzensport sind die Zahlen steigend, haben doch bereits sieben Schweizer und sechs Schweizerinnen die Halbmarathonlimite für die EM in Amsterdam unterboten. Wo sehen Sie Ihren Anteil an dieser Entwicklung?Tadesse Abraham sagte mir einst, er wolle so werden wie ich, er wolle vom Sport leben können. Bei Adrian Lehmann registriere ich diesen Ansporn ebenfalls. Ich habe den Schweizern eine Perspektive geschaffen, indem ich an Europa- und Weltmeisterschaften aufs Podest lief. Die Athleten glauben nun daran, dass man als Schweizer etwas erreichen kann.

Lehmann strebte im April beim Zürich-Marathon die Olympiaqualifikation an, scheiterte aber bei drei Grad und Schneeregen um über fünf Minuten. War das Pech oder ein Planungsfehler?Ich berate Adrian, bin daher relativ nahe an ihm dran. Es gibt nur einen Vorwurf, den er sich machen kann: Zwei Tage vor dem Rennen, als die Witterung absehbar war, hätte er die Notbremse ziehen und sich sagen können, ich verschiebe mein Unterfangen um zwei Wochen. Aber das ist ein­facher gesagt als getan.

Warum?Ein Marathon ist nicht nur eine logistische und körperliche, sondern vor allem eine mentale Her­ausforderung; man bereitet sich lange auf den Tag x vor. Vielleicht hätte ich Adrian auf die Ver­schiebung hinweisen sollen. Doch weiss ich aus Erfahrung, wie ungern ein Läufer so kurz vor dem Marathon gestört wird. Er hatte die Limite in den Beinen, da bin ich sicher.

Müsste er deshalb trotz verpasster Norm selektioniert werden?Lehmann braucht keine Almosen. Er wird aus den Geschehnissen lernen, seinen Weg machen und sich für Olympische Spiele qualifizieren.

Tadesse Abraham ist in Rio de Janeiro dabei, nachdem er im März in Seoul Ihren Schweizer Rekord um 43 Sekunden auf 2:06:40 Stunden verbesserte. Hat er Sie in Südkorea überrascht?In jener Zeit, als ich für ihn ­Trainingspläne schrieb, also 2011 oder 2012, sagte ich ihm, dass er dereinst eine 2:06er-Zeit laufen würde. Ich bin eher überrascht, dass es so lange gedauert hatte, bis er das Potenzial abzurufen vermochte. Sein Beispiel zeigt, dass bei einem Marathon wirklich jedes Puzzleteil am richtigen Ort sein muss, damit das Ergebnis stimmt.

Abraham ist 33-jährig; Sie liefen Ihren schnellsten Marathon 2008, mit 33. Befindet er sich im Zenit seines Schaffens?2009 erlitt ich zwei Lungenembolien, die Folgen beeinträchtigten auch den Sommer 2010. Niemand weiss, wie es ausgeschaut hätte, wenn ich gesund geblieben wäre. Ich glaube, Tadesse kann sich in den nächsten zwei Jahren noch steigern. Danach dürfte es vor allem ums Konservieren gehen. Bleibt er gesund, wird er noch viele Jahre in der europäischen Spitze laufen.

An der EM in Amsterdam ...... gehört Tadesse im Halbmarathon zum engsten Favoritenkreis. Seine Chancen auf einen Medaillengewinn sind ausgezeichnet.

Bei Maja Neuenschwander funktioniert Ihre Alterstheorie nur bedingt. Sie ist 36-jährig und so schnell wie nie zuvor.Das ist ein gänzlich anderer Fall. Frauen sind zäher, belastungsresistenter als wir Männer – darum gebären wir auch nicht. Was Maja zeigt, ist höchst beeindruckend. Den achten Rang, den sie im Februar in Tokio erreicht hat, stufe ich höher ein als ihren Schweizer Rekord vom Herbst in Berlin, weil sie in Japan ohne Begleiter gelaufen ist.

Am GP Bern ist Marathon-Weltmeister Ghirmay Gebreslassie zu Gast. Kannten Sie den Eritreer vor dem Triumph in Peking?Nein, nicht einmal ich kannte ihn. Namen sind in dieser Szene austauschbar. An welche afrikanischen Läufer erinnert man sich länger? An Haile Gebrselassie natürlich, an seinen Gegenspieler Paul Tergat auch. Aber sonst? Es kommen viele hoch, kaum einer bleibt über längere Zeit vorne.

Ghirmay Gebreslassie gewann mit 19 WM-Gold.Auf dem Papier war er 19, effektiv bin ich nicht so sicher.

Weshalb nicht?Beim Linz-Marathon bin ich für die Verpflichtung der Spitzenläufer zuständig. Für die Reisevisa benötigen wir Geburtsdaten, und das ist bei den Afrikanern meistens eine längere Geschichte. In der Schweiz hat jeder eine Geburtsurkunde. Bei den Afrikanern ist es weniger wichtig, ob einer 19- oder 22-jährig ist. Sie haben andere Sorgen.

Die besten Marathonläufer sind heute aber generell deutlich jünger als vor fünfzehn Jahren.Das hängt mit dem Markt zusammen. Vor fünfzehn Jahren war die Bahn für einen Siegläufer lukrativ. Wenn er als 30-Jähriger oder später langsamer wurde, wechselte er auf die Strasse. Heute gibt der Markt auf der Bahn nichts mehr her, deshalb schicken die Manager ihre grössten Talente gleich zum Marathon. Das ist auch im Sinn der jungen Afrikaner, sie wollen Geld verdienen. Haile wäre mit 18 wahrscheinlich auch einer der weltbesten Marathonläufer gewesen. Es war bei ihm aber schlicht kein Thema, einen Marathon zu bestreiten.

Ghirmay Gebreslassie oder Tadesse Abraham – wer gewinnt den GP von Bern?Das kann ich nicht abschätzen, weil ich die Planungen der beiden zu wenig kenne. Sicher ist, dass Tadesse einen Vorteil hat, weil er die Strecke bestens kennt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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