Gemeinderat Schmidt sucht Anschluss

Bern

Der Alleingang der SVP ärgert die Stadtberner Freisinnigen nicht nur masslos, er stellt die Partei und ihren Gemeinderat Alexandre Schmidt vor ernsthafte Probleme.

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(Bild: Illustration Max Spring)

Wie verzweifelt die Stadtberner Freisinnigen sind, zeigt folgende Anekdote: Gemeinderat Alexandre Schmidt höchstpersönlich versuchte Bronco-Haudegen Jimy Hofer davon zu überzeugen, für die FDP-Gemeinderatsliste Stimmen zu holen. Wie man seit Donnerstag weiss, lehnte Hofer dankend ab. «Roland Jakob und Erich Hess fragten mich schon viel früher als Schmidt», sagt Hofer. Sein Name steht nun auf der SVP-Liste.

Immerhin regte der parteilose Hofer noch an, dass die SVP eigentlich doch besser gemeinsam mit den Freisinnigen in die Wahlen steigen würde.

Hofers kleiner Denkfehler: Mit fünf Kandidaten ist die SVP-Gemeinderatsliste bereits voll. «Dieses Vorgehen der SVP ist unglaublich arrogant. Und noch dazu politisch total unklug.» Der freisinnige Nationalrat Christian Wasserfallen kommentierte am Freitag auf Anfrage den Alleingang der SVP mit klaren Worten. Auf kantonaler und nationaler Ebene würden die Bürgerlichen zusammenarbeiten.

«Aber in der Stadt Bern torpediert die SVP eine gemeinsame Liste. Sie riskiert damit, dass am Ende ein bürgerlicher vier rot-grünen Gemeinderäten gegenübersitzt.» Auch ­Parteipräsident Philippe Müller findet es unverständlich, «dass bei der Stadtberner SVP niemand an die bürgerliche Politik als Ganzes denkt». Er hatte die SVP wiederholt zur Einheit aufgerufen.

Folgt die Retourkutsche auf kantonaler Ebene?

Auf kantonaler Ebene könnte die SVP den Ärger der Freisinnigen über den Alleingang in der Stadt zu spüren bekommen. Christian Wasserfallen sagt, er habe nun nicht mehr das Gefühl, sich für die beiden SVP-Regierungsratskandidaten ins Zeug legen zu müssen. Ähnliche Rückmeldungen erreichten auch FDP-Gemeinderat Alexandre Schmidt: «Die Einzigen, die bisher etwas verloren haben in dieser Sache, sind die SVP-Regierungsrats­kandidaten Guggisberg und Schnegg.» Dies folgert er aus den teils heftigen Reaktionen, die parteiintern an ihn herangetragen worden seien.

Über seine eigene Zukunft mag sich Schmidt noch nicht äussern. Er sei für vier Jahre gewählt, erfülle seinen Wählerauftrag und wechsle noch nicht in den Wahlkampfmodus, sagt er. Eine Kandidatur rechtfertige sich mit Ergebnissen. Er wolle an seinen Leistungen gemessen werden.

An die Adresse der neuen Gemeinderatskandidaten gerichtet, fragt Schmidt: «Wo sind die Inhalte? Deren persönlicher Ehrgeiz ist sichtbar geworden, aber welches sind ihre Ziele für unsere Stadt?» Es gehe genauso um Inhalte wie um Köpfe. «Da müssen noch einige Hausaufgaben gemacht werden», so Schmidt.

FDP sucht weit Richtung Mitte nach Partnern

Bei den Freisinnigen scheint man trotz allem nicht ganz glauben zu können, dass die SVP den Alleingang durchzieht. «Wir reden ­weiterhin zusammen, auch über eine Zusammenarbeit», sagt FDP-Präsident Müller.

Anders sieht dies SVP-Parteipräsident Rudolf Friedli: «Wir haben den Alleingang rechtzeitig angekündigt. Die FDP hat uns diesbezüglich wohl nicht ernst genommen.» Ausserdem finde er es sonderbar, wenn sich die FDP nun beleidigt gebe. «Es gab zwischen der SVP und der FDP nie eine Abmachung», sagt er. «Man sollte kantonale und städtische Wahlen auch nicht vermischen.»

Selbstverständlich hätten die Freisinnigen auch einen Plan B, betont Philippe Müller. Sie orientieren sich dabei weit Richtung Mitte. «Wir brauchen im Interesse der Bisherigen Schmidt und Nause Partner, und die müssen wir nun dort suchen», findet auch Wasserfallen. Beide könnten sich ein Wahlbündnis von allen rechts von Rot-Grün-Mitte und links der SVP vorstellen. Heisst: Grünliberale, BDP, CVP, EVP und FDP.

GLP hört die Avancen, ist aber skeptisch

Wie man Skepsis diplomatisch formuliert, zeigt die Antwort von GLP-Präsident Martial Berset auf diese Idee. «Grundsätzlich sind wir bereit, mit allen Gespräche zu führen.» Das Aber folgt auf dem Fuss: Die FDP politisiere bürgerlich bis rechtsbürgerlich. «Sie müsste sich doch sehr deutlich bewegen, wenn sie in ein Mittebündnis passen wollte», sagt Berset. Das Wunschszenario der GLP ist nach wie vor eine neue ökologische Mitte gemeinsam mit der Grünen Freien Liste. Bevor die GFL sich nicht dagegen entschieden habe, «bleiben wir entspannt», sagt Berset.

Die GFL wird voraussichtlich nächsten Dienstag ihren Treueschwur zum Rot-Grün-Mitte-Bündnis bekräftigen. Aber auch dann dürfte sich die GLP nicht als Erstes der FDP an den Hals werfen. «Für uns stünde dann ein Mittebündnis mit BDP, CVP und EVP im Vordergrund», sagt Berset.

Muss die FDP am Ende mutterseelenallein in die Wahlen steigen? In diesem Fall, da sind sich Müller und Wasserfallen einig, müssten zusätzlich starke Kandidaten auf die Liste mit Gemeinderat Schmidt.

Müller und Wasserfallen wollen beide nicht

Das Problem: Die beiden aussichtsreichsten Kandidaten, Wasserfallen und Müller, fallen schon mal weg. Müller sagt, er wolle nicht Gemeinderat werden. Wasserfallen sieht kein Szenario, bei dem seine Kandidatur der städtischen Partei helfen würde. Denn: Das FDP-Schwergewicht würde dem Bisherigen Schmidt gefährlich. «Ich werde also sicher nicht antreten.» Wasserfallen wird vielmehr entscheiden, ob er Präsident der FDP Schweiz werden will oder im Jahr 2018 als Nachfolger von Regierungsrat Hans-Jürg Käser antreten möchte. «Beides reizt mich sehr.»

Zurück zur Stadt Bern. Für ­Parteipräsident Müller ist es zu früh, um über konkrete Namen für die Gemeinderatsliste zu reden. Noch sei zu vieles offen.

Berner Zeitung

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