Fredy Bickel: «Es ist viel härter geworden»

Der Sportchef der Young Boys äussert sich zur Kritik an seiner Person, zu ­alten Bekannten und neuen Her­ausforderungen. Und der 50-Jährige erklärt, warum bei YB schon vieles sehr gut ist.

Fredy Bickel geht davon aus, noch viele Trainingslager als YB-Sportchef erleben zu dürfen.

Fredy Bickel geht davon aus, noch viele Trainingslager als YB-Sportchef erleben zu dürfen.

(Bild: Manuel Geisser)

Dominic Wuillemin

Was macht ein Sportchef im ­Trainingslager?Fredy Bickel: Sehr viel reden. Es ist die Zeit, in der ich auch mal persönlichere Gespräche führen kann.

Auch mit Spielerberatern? Von denen gibt es in Belek ja einige.Dieses Jahr empfinde ich es als extrem. Jeden Tag fangen mich vier, fünf von ihnen ab. Ich muss mittlerweile schon schauen, wo ich in Ruhe einen Kaffee trinken kann. Dabei will ich vor allem mit dem Staff und dem Team Zeit ­verbringen.

Was schätzen Sie am meisten an der Tätigkeit des Sportchefs?Das Gefühl zu haben, es stimme im Team und wir könnten das ­erreichen, was wir uns vorgenommen haben.

Was noch?Wenn es uns gelingt, einen Spieler weiterzubringen. Wenn man dann bei der Champions League vor dem Fernseher sitzt und denkt: Den und den habe ich auf seinem Weg begleitet. Die Wertschätzung dieser Spieler auch Jahre später zu spüren, ist ein wunderbares Gefühl.

Was schätzen Sie nicht?Vielleicht ist meine Antwort auch von den Ereignissen der letzten Zeit geprägt. Aber wenn in gewissen Medien ein falsches Bild von einem gezeichnet wird, empfinde ich das als störend. Und natürlich ist da auch der Druck, den ich mir selber auferlege. Schliesslich hängt von meiner Arbeit viel ab.

Sie sprechen die Medien an. Wie hat sich deren Wandel auf Ihre Arbeit ausgewirkt?Es ist viel härter geworden. Den Unterschied macht das Internet. Jedes Gerücht, jede Kleinigkeit verbreitet sich rasend schnell. Und dann wird verlangt, dass man zu allem und jedem einen Kommentar abgibt. Es ist nicht leicht, sich abzugrenzen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Sie mit der Zeitung «Blick» seit Jahren im Streit stehen.Ich habe gelernt, damit zu leben. Schwieriger ist es, wenn ich merke, dass andere darunter leiden.

Können Sie ein konkretes ­Beispiel nennen?Nehmen wir den sogenannten Eklat an der Weihnachtsfeier. Ich habe dort gar nicht zum Team gesprochen (Bickel soll gemäss dem «Blick» vor dem Team über Renato Steffen hergezogen sein, Anm. die Red.). Danach haben mich Verwaltungsräte angerufen und gesagt: Du, ich werde überall auf die Geschichte angesprochen, was ist da passiert?

Einen Vorwurf, der im Zusammenhang mit Ihrer Person oft ­genannt wird, ist, dass Sie ­Vertrauten immer wieder zu Jobs verhelfen.Es stimmt, dass ich mit ehema­ligen Mitarbeitern, ob Trainer oder Spieler, versuche, ein gutes Verhältnis beizubehalten. Und es ist doch logisch, dass man, wenn man einen Job zu vergeben hat, an Menschen denkt, denen man vertraut. Das wird bei anderen Vereinen genau gleich gehandhabt.

Nennen Sie ein Beispiel.Nehmen wir Alex Frei. In Luzern hat er als Sportchef innert kürzester Zeit einige Vertraute eingestellt. Bei mir wird es aber zum Thema gemacht.

Überlegen Sie sich deshalb ­mittlerweile, alte Bekannte gar nicht mehr einzustellen?So weit würde ich nicht gehen, entscheidend ist die Leistung. Aber stehen mir zwei gleichwer­tige Personen zur Auswahl, dann überlege ich es mir ganz genau.

Zuletzt wurde Ihre Rolle im Transfertheater um Renato ­Steffen sehr kritisch betrachtet. Hansruedi Hasler etwa, der frühere Technische Direktor von YB, schrieb im «Bieler Tagblatt» von einer unsportlichen Führung.Das ist eine enttäuschende Aussage von jemandem, der den Fussball kennen sollte. Wenn man merkt, dass ein Spieler andere Pläne hat, dann muss man das akzeptieren. Der Spieler muss aber auch akzeptieren, dass ich die bestmögliche Lösung für den Verein anstrebe.

Sind Sie enttäuscht von Steffen?Nein. Ich bin enttäuscht, konnten wir den Fall nicht miteinander intern lösen, ohne grosses Theater.

Die Karriereplanung von Steffen wirkt aber überlegt.Ja. Aber hätten alle mit offenen Karten gespielt, hätte man eine für alle Parteien viel bessere Lösung finden können.

Als Sie noch beim FC Zürich waren, sorgte der Fall Almen Abdi für viel Unruhe. Lassen Sie sich womöglich doch zu sehr von Emotionen leiten?Ich bin seit 25 Jahren im Geschäft. In dieser Zeit gab es einen Fall Abdi und einen Fall Steffen, die ziemlich ähnlich verlaufen sind. Auch bei Abdi ging es darum, mit einem Spieler, der einem Verein für den Sommer bereits zu­gesagt hatte, immerhin noch ein wenig Geld zu verdienen. Ich bin überzeugt, würde man die Arbeit anderer Sportchefs betrachten, wäre die Zahl solcher Fälle nicht tiefer. Und: In diesem Winter hatten zum Beispiel auch Basel und Zürich Spieler, die nicht mehr mit dem Team mittrainieren durften.

Was macht Sie stolz, wenn Sie auf die letzten drei Jahre bei YB zurückblicken?Bei Führungspositionen haben wir Veränderungen vorgenommen, etwa im Nachwuchsbereich, dank denen wir viel Rückstand auf die Konkurrenz wettmachen konnten. Wir arbeiten heute professionell und strukturiert. Ich bin überzeugt, dass bei YB vieles sehr gut ist. Letztlich zählen aber nur die Resultate der ersten Mannschaft, das ist klar.

Ist es fair, wird Ihre Arbeit nur an Resultaten und Titeln gemessen?Vielleicht ist es nicht fair, ich kann es aber nachvollziehen. Wenn ein Verein über so viele Jahre hinweg keinen Titel geholt hat, dann ist es vielen egal, ob in einem Verein Kontinuität vorherrscht oder ob die Strukturen stimmen. Was zählt, ist der ­Erfolg.

Der ist heuer nicht mehr möglich, die Saisonziele wurden verpasst. Welche Fehler haben Sie ­gemacht? Ich habe mich zu lange von der Überzeugung leiten lassen, dass es gut kommen werde. Und als ich im Sommer merkte, es passt nicht mehr zusammen, habe ich vielleicht zu lange zugewartet, in Bezug auf den Trainer eine Entscheidung zu treffen.

Nun beginnt mit der Rückrunde schon die Vorbereitung auf die neue Saison. Doch im Sommer drohen mit den möglichen Abgängen von Yvon Mvogo , Denis Zakaria oder Florent Hadergjonaj neue Rückschläge. Das Ziel ist es, dass sie im richtigen Moment wechseln, sowohl für sich selbst als auch für den Verein. Ich glaube, das wird uns im Falle der angesprochenen Spieler gelingen, weil der Austausch mit ihnen und ihren Beratern intensiv ist.

Sind Sie auf diese ­Abgänge schon ­vorbereitet?Ja. Nehmen wir das Beispiel Mvogo. Ich bin sicher, dass er noch eine Weile bei uns bleiben wird, um sich zu entwickeln. Aber wir haben im Fall seines Abgangs David von Ballmoos (leihweise bei Winterthur, Anm. der Red.) in der Hinterhand. Gut möglich, dass dieser bereits in der Rückrunde zweimal pro Woche mit uns mittrainieren wird.

Würde es Sie nach all den ­Jahren nicht mal reizen, selbst im Ausland zu arbeiten? Oder gar eine andere Tätigkeit ­wahrzunehmen?Mein Fokus liegt nur auf YB. Ich habe mir beim Amtsantritt vor drei Jahren Dinge vorgenommen, die ich erreichen will.

Einen Titel?Das ist auch so eine Geschichte, die immer wieder bemüht wird. Meine Aussage (Bickel sagte bei seiner Vorstellung Ende 2012, das Ziel sei es, in den nächsten drei Jahren einen Titel zu gewinnen Anm. der Red.), war etwas unbedarft, damit muss ich leben. Aber klar, unser Antrieb muss sein, dereinst einen Titel zu ­gewinnen.

Es wäre die Vollendung ihrer Arbeit bei YB.Das sehe ich nicht so. Ich weiss, wie wichtig ein Titel für YB und die Berner Bevölkerung wäre. Aber das Ziel muss sein, eine Basis zu schaffen, die Erfolge ermöglicht. Der Titel wäre nur ein Resultat davon.

Ihr Vertrag wurde letzte Woche unbefristet mit Kündigungsfrist verlängert. Was sind die Überlegungen hinter dieser im Fussball eher untypischen Vertragsart?Sie kam bereits etwa vor einem halben Jahr auf, als beide Par­teien eine langfristige Arbeit anstrebten. Dann beginnt man über eine Laufzeit zu diskutieren und kommt zum Schluss: Das bringt nichts. Lassen wir es offen.

Dann werden Sie also noch viele Trainingslager als YB-Sportchef erleben?Davon gehe ich aus.

Berner Zeitung

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