Zum Hauptinhalt springen

Die Zelle ist eingerichtet

Kunst ohne Selbstzweck oder ein neues Interieur für die Kunsthalle Bern? Mit der Ausstellung «Die Zelle» startet die 100-jäh­rige Institution ins Jubiläumsjahr.

Bei einem so geschichtsträchtigen Ausstellungsort wie der Kunsthalle spricht man gern von einem «Kunsttempel». Im Fall der Berner Institution trifft der Begriff Tempel sowohl auf die Architektur zu, die mit ihrem Säulengang an einen Sakralbau erinnert, als auch auf ihre Funktion: das Ausstellen von Gegenwartskunst, die zuweilen wie eine Ersatzreligion gefeiert wird. Das 100-jährige Bauwerk bildet den Ausgangspunkt für die erste Ausstellung im Jubiläumsjahr. Wobei beim Titel «Die Zelle» die meisten eher an einen Gefängnisraum denken und nicht an grosszügige Ausstellungshallen mit edlem Parkett, Deckenornamenten und Steinsarkophagen, in denen sich Heizungskörper verbergen.

Doch in der Gegenwartskunst steht der Begriff Zelle für den sogenannten White Cube, den perfekten weissen Ausstellungsraum. Die Kunsthalle kommt diesem Ideal nahe, ohne auf ihren bourgeoisen Touch zu verzichten, der ihr seit der Eröffnung 1918 anhaftet

Nichtsessel und Wickeltisch

«Früher wurden prächtige Teppiche und Sitzgelegenheiten aufgestellt, damit die Besucher verweilen und sich austauschen konnten», erklärt Kunsthalle-Direktorin und Kuratorin Valérie Knoll. Davon sieht der moderne Ausstellungsbetrieb längst ab, und doch fühlt man sich in «Die Zelle» immer mal wieder zum Sitzen verführt. Davon sollte man freilich absehen, denn was sich hier als Stuhl oder Sessel tarnt, ist Kunst. Und gelingen würde das Rasten sowieso nicht, denn der Sessel mit den Kuhfellpolstern der deutschen Künstlerin Cosima von Bonin hängt deutlich über Gesässhöhe an der Wand, und für die Holzskulptur «Short Cut» des Berner Künstlers Vaclav Pozarek sind Stuhl und Tisch untrennbar miteinander verschmolzen.

100 Jahre Kunsthalle Bern:

Gegründet wurde die Institution auf Initiative der Berner Künstlerschaft (heute Visarte.bern), da neben dem Kunstmuseum weitere Ausstellungsfläche gefordert wurde – gerade für die lokale Kunstproduktion. Der Erste Weltkrieg warf die Pläne für eine Kunsthalle etwas zurück. Hier eine Visualisierung der Kunsthalle aus dem Jahr 1916.
Gegründet wurde die Institution auf Initiative der Berner Künstlerschaft (heute Visarte.bern), da neben dem Kunstmuseum weitere Ausstellungsfläche gefordert wurde – gerade für die lokale Kunstproduktion. Der Erste Weltkrieg warf die Pläne für eine Kunsthalle etwas zurück. Hier eine Visualisierung der Kunsthalle aus dem Jahr 1916.
PD
Am 5. Oktober 1918 konnte die neue Institution auf dem Helvetiaplatz schliesslich eingeweiht werden. So präsentiert sich  der fertige Bau heute am Berner Helvetiaplatz.
Am 5. Oktober 1918 konnte die neue Institution auf dem Helvetiaplatz schliesslich eingeweiht werden. So präsentiert sich der fertige Bau heute am Berner Helvetiaplatz.
Raphael Moser
1987 gründeten die fünf Berner Kunstfreunde und -sammler Bernhard Hahnloser, Donald Hess, Paul Jolles, Beat Jordi und Eberhard W. Kornfeld die Stiftung Kunsthalle Bern. Ihr Ziel: Mit einem Budget von jährlich rund 100'000 Franken Werke aus den Ausstellungen der Kunsthalle anzukaufen. Da eine Kunsthalle traditionellerweise über keine Sammlung verfügt wie ein klassisches Kunstmuseum, ist die Sammlung im Kunstmuseum Bern beherbergt. 2016 feierte sie mit der Ausstellung «30 Jahre Stiftung Kunsthalle Bern» ihr Jubiläum. Die Sammlung umfasst Arbeiten von internationalen und Schweizer Künstlern wie Thomas Struth, Shirana Shahbazi oder Pavel Büchner.
1987 gründeten die fünf Berner Kunstfreunde und -sammler Bernhard Hahnloser, Donald Hess, Paul Jolles, Beat Jordi und Eberhard W. Kornfeld die Stiftung Kunsthalle Bern. Ihr Ziel: Mit einem Budget von jährlich rund 100'000 Franken Werke aus den Ausstellungen der Kunsthalle anzukaufen. Da eine Kunsthalle traditionellerweise über keine Sammlung verfügt wie ein klassisches Kunstmuseum, ist die Sammlung im Kunstmuseum Bern beherbergt. 2016 feierte sie mit der Ausstellung «30 Jahre Stiftung Kunsthalle Bern» ihr Jubiläum. Die Sammlung umfasst Arbeiten von internationalen und Schweizer Künstlern wie Thomas Struth, Shirana Shahbazi oder Pavel Büchner.
Kunsthalle Bern/PD
1 / 14

«Die Zelle» vereint skulpturale Werke, aber auch Fotografien, Gemälde und Collagen von 17 nationalen und internationalen Kunstschaffenden, die alle auf der Schnittstelle von Kunst, Handwerk und Design wandeln und die Funktionen von Einrichtung und Alltagsdesign hinterfragen.

Gleich zum Auftakt werden die Besucher mit der Alu- und Stahlskulptur «Hwarl» der Holländerin Magali Reus herausgefordert. Auf den ersten Blick wirkt das skelettartige Gebilde wie ein zusammengeschweisstes Potpourri aus Alltagsgegenständen, etwa einem Briefkasten oder einem Flugzeuggurt. Doch jedes Element wurde von der Künstlerin eigens geschaffen, jedes wirkt familiär und fremd zugleich. Plakativer präsentieren sich die Wandskulpturen der Deutschen Nicole Wermers: Ihre herunterklappbaren Wickeltische weisen statt Plastikliegeflächen edle Stein­bodenfragmente auf.

Diese Ambivalenz aus Vielschichtigkeit und Plakativem zieht sich durch die gesamte Ausstellung: Die österreichische Künstlerin Anita Leisz hat aus Gips Wandregale geschaffen, die keinem Buch Halt gewähren, denn sie hängen verkehrt herum. Eine chemische Reaktion hat graue, abstrakte Muster auf dem Material hinterlassen – so erscheinen die Regale wie dreidimensionale Gemälde. Weniger poetisch kommen die aus Spanplatten gezimmerten Bücherregale des Österreichers Heimo Zobernig daher. Es ist eine Reduktion der Reduktion und kaum mehr als Kunst erkennbar.

Vakuum und Kofferbett

Eigens für «Die Zelle» hat der Berner Manuel Burgener eine filigrane Plexiglasskulptur kreiert. Röhrenförmig reicht sie vom Boden diagonal bis unter die Decke. Die einzelnen Bestandteile werden einzig durch den Unterdruck einer Vakuumpumpe zusammengehalten. Ein Werk, dass nicht nur auf die Architektur der Kunsthalle verweist, sondern auch auf die Art und Weise, wie sich Besucher im Ausstellungsraum bewegen – im besten Fall nicht tollpatschig.

Einen Höhepunkt liefert die Südafrikanerin Bianca Baldi: Die Videoarbeit «Zero Latitude» zeigt zwei behandschuhte Butler, wie sie ein 30-Kilogramm-Kofferbett aufstellen. Die skurrile Choreografie hat einen kolonialistischen Hintergrund: Das Bett wurde für die Kongo-Expeditionen des französischen Afrikaforschers Pierre Savorgnan de Brazza in den 1880er-Jahren geschaffen.

So bietet «Die Zelle» Momente des Staunens und Momente des Enervierens – eine wünschenswerte Kombination im Jubiläumsjahr, in dem die Kunsthalle ­alles sollte ausser langweilen.

Ausstellung: bis zum 6. Mai, Kunsthalle Bern, Helvetiaplatz 1.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch