Eine Reise mit 90 braven Schweinchen

Ein Schweinehändler ist nicht zwingend der, der dafür sorgt, dass im Schlachthof der Nachschub nicht ausgeht. Der Eggiwiler Jakob Salzmann jedenfalls karrt nur noch herzige Ferkel durchs Land.

Neugierig erschnüffeln die Ferkel den ungewohnten Untergrund. Sie haben eine mehrstündige Reise vor sich.

Neugierig erschnüffeln die Ferkel den ungewohnten Untergrund. Sie haben eine mehrstündige Reise vor sich. Bild: Marcel Bieri

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Unter einem Schweinehändler hatte ich mir etwas anderes vorgestellt: ein grobes Wesen in einer graubraunen Mantelschürze. Doch am Tag meines beruflichen Seitensprungs tritt ein schlanker, nicht sehr grosser Mann in grünem Overall und schwarzen Gummistiefeln aus seinem Haus.

Unter dem Arm trägt er eine Schachtel mit Papieren, CDs und etwas Proviant. Sekunden später steuert der 65-Jährige seinen Lastwagen mit Anhänger von der Knubelhütte unterhalb des Schallenbergs Richtung Schangnau. Die erste Adresse, die er ansteuert, liegt auf Buchhütten in der Gemeinde Marbach.

Es wird zwar kein entspannter Tag werden für die Tiere, die der Schweinehändler heute aufladen will. Aber ihr Leben geht weiter. Denn auch im Schweinebusiness wurde diversifiziert: Die einen Bauern sind spezialisiert auf Mooren und geben die Ferkel nach rund neun Wochen weg – so, wie der Bauer in Marbach. Salzmann kauft sie und verkauft sie einem grossen Mastbetrieb. Heute ist das Ziel seiner Fuhre Corserey FR, wo die Tiere zur Schlachtreife gemästet werden.

Früher hätten sie die Ferkel einzeln aus dem Stall getragen und seien mit jedem auf die Waage gestanden, erzählt Salzmann. Das muss ziemlich in den Rücken gegangen sein, denn sie wiegen immerhin schon 20 bis 25 Kilo. Erleichtert beobachte ich, wie der Händler mit seinem Anhänger so nah zum Stall fährt, dass die offene Laderampe bis zur Waage reicht.

Jetzt klappt Salzmann auf beiden Seiten der Rampe noch je ein Schutzblech hoch. In die Lücke zwischen Waage und Rampe schiebt der kleine Junge des Bauern geschickt ein Holzgatter – während ich untätig herumstehe und bald merke, dass es weder etwas zu wehren noch jemandem hinterherzurennen geben wird.

Mit ein paar ruhigen «Sch-Sch» treiben Vater und Sohn die Tiere aus dem Stall. Brav trippeln sie nach dem Wägen die Rampe hoch. Salzmann dirigiert sie, ein Gatter vor sich her schiebend, auf den Platz im Lastwagen, den er für seine erste Ladung reserviert hat. 120 Ferkel könnte er transportieren, insgesamt 90 wird er an diesem Tag aufladen.

«In vier Wochen habe ich wieder 30», sagt der Bauer, als die Begleitscheine unterschrieben sind. «Kannst du die nehmen?» Salzmann nickt. «Die sind schon verkauft.» Er führt fort, was sein Vater 1935 anfing, und hat Kunden, die in dritter Generation mit ihm zusammenarbeiten. «Wichtig sind Pünktlichkeit und Ehrlichkeit», sagt Jakob Salzmann, als er wieder hinter dem Steuerrad sitzt und nun das untere Emmental anpeilt.

Ein bisschen schubsen und ein paar ruhige «Sch-Sch» genügen, und die Schweinchen trippeln die Laderampe hoch. Foto: Marcel Bieri.

Die praktische Arbeit eines Schweinehändlers besteht zur Hauptsache aus Lastwagenfahren. Da bleibt viel Zeit zum Erzählen. Davon, wie das war, als der Bruder mit 18 Jahren bei einem Unfall mit «Bschüttigas» ums Leben kam und der 16-jährige Jakob Salzmann «Grings vora id Söischür» musste. Eigentlich hatte er Landschaftsgärtner werden wollen. Aber er blieb im elterlichen Betrieb und führte die vom Vater aufgebaute Schweinemast bis letztes Jahr weiter.

Dann verpachtete er diesen Zweig. Den Handel aber betreibt er weiter. Wobei dieser immer kleiner werde. Auch in seinem Geschäft würden die Grossen die Kleinen verdrängen. Und mit seinem ­kleinen Lastwagen rentiere das Transportieren von Schlachtsauen längst nicht mehr.

Während wir in Hasle vor der Ampel warten, unterhält Salzmann mit Geschichten von früher. Er erzählt, dass sein Vater jeweils bis ins Wallis gefahren sei. Und dass er die Schweine aus Eggiwil und Umgebung in engen Holzkisten transportierte. Um Leerfahrten zu vermeiden, führte er auf dem Rückweg Walliser Äpfel, Birnen oder Aprikosen mit und verschacherte diese im oberen Emmental beliebten Früchte an seine Kunden.

«Seine Holzkisten kleidete er einfach mit einem Plastik aus und schüttete die Früchte hinein», erzählt Salzmann. Heute darf der Schweinehändler aus Präventionsgründen nicht einmal mehr die Ställe betreten.

An der zweiten Ladestation, in Grafenried, ist weit und breit keine Schweinescheune in Sicht. Salzmann hält am Geschäftssitz eines Händlerkollegen, dessen Abnehmer nicht genug Platz hatte für alle eingekauften Ferkel. Auch hier verläuft der Umzug der Tiere vom einen in den anderen Lastwagen ohne Zwischenfälle. Bald führt die Fahrt vorbei an schwer behangenen Kirschbäumen weiter Richtung Seeland.

In Dettligen hat sich der Eggiwiler mit einem altbekannten Kunden verabredet – einem Metzger, der nebenbei mit Schweinen handelt. In einem Anhänger karrt er Ferkel herbei. Wieder dauert es wenige Sekunden, bis Rampen und Schutzbleche ausgelegt sind und die Tiere ohne Umstände vom einen ins andere Gefährt trippeln.

Landwirt Beat Bucher und Schweinehändler Jakob Salzmann kennen sich seit Jahren und sind rasch handelseinig.

Als Jakob Salzmann seine Znünibox öffnet, merke ich: Auch Nichtstun macht Hunger. Wir vertilgen unseren mitgeführten Proviant. Zum Einkehren ist keine Zeit, die Sonne brennt, und den Ferkeln wird wohl auch langsam heiss. Sechs Stunden dürfte Salzmann mit ihnen unterwegs sein. Gegen Mittag sind wir im Freiburgischen am Ziel. Und hier, endlich, kann ich mich nützlich machen. Indem ich den Mitarbeitern des Grossabnehmers auf Französisch vermittle, dass wir 90 Schweine mitbringen und sie zweimal 22 und zweimal 23 einstallen müssen, wenn sie vier Gruppen bilden wollen.

Der Händler spricht kein Französisch. Er spricht überhaupt eine andere Sprache mit den Tieren als die beiden Angestellten. Der Emmentaler treibt sie mit seinem «Sch-Sch» ruhig vor sich her, die Männer hier stiften mit Schupsen und Zerren eher Verwirrung. «Diese Angestellten sind neu und wissen noch nicht, wie mit Schweinen umzugehen ist», sagt Salzmann. Mit Handzeichen weist er sie an.

Als er noch selber Schweine mästete, sei er jeweils am Schlachttag zehn Minuten vor dem Verladen in den Stall gegangen, erzählt der Schweinehändler später auf dem Weg nach Hause. «Ihr wart gute Schweinchen. Es tut mir leid, aber jetzt müsst ihr in den Schlachthof», habe er jeweils zu ihnen gesagt. «Danach verlief das Verladen viel ruhiger.»

Nach rund sechs Stunden stellt Jakob Salzmann den Lastwagen wieder vor seinem Haus in Eggiwil ab. Jetzt könnte ich wenigstens noch beim Ausmisten und -putzen helfen. Doch davon will der Händler nichts wissen — mir solls recht sein. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.08.2018, 07:35 Uhr

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