«Die Wasserzinse sind zu hoch»

BKW-Präsident Urs Gasche will nach dem Ja zum neuen Energiegesetz mit der geplanten Trift-Staumauer an der Grimsel vorwärtsmachen. Dafür könnte die BKW-Tochterfirma KWO bis zu 140 Millionen Franken an Subventionen abholen.

Neue Ziele: BKW-Präsident Urs Gasche will, dass die BKW ihre Investitionen künftig rascher amortisiert.

Neue Ziele: BKW-Präsident Urs Gasche will, dass die BKW ihre Investitionen künftig rascher amortisiert.

(Bild: Andreas Blatter)

Julian Witschi

Hätte die BKW bei einem Nein zur Energiestrategie ihre Unternehmensstrategie umkrempeln müssen?Urs Gasche: Nein, die Abstimmung hat auf unsere Strategie keine wesentliche Auswirkung. Wir haben uns nach Fukushima neu ausgerichtet. Mit den drei Standbeinen Stromproduktion, Netze und Dienstleistungen sind wir robust aufgestellt und weder von der Politik noch von den Strompreisen allein abhängig.

Woran orientierten Sie sich bei der Neuausrichtung? An der unternehmerischen Notwendigkeit, die BKW robust aufzustellen. Das Stromgeschäft ist ein risikoreiches Geschäft. Man kann sehr viel Geld damit ver­dienen, aber auch sehr viel ver­lieren. Alles hängt am Strompreis, den man nicht beeinflussen kann. Es müssen sehr hohe Mittel investiert werden, die jahrzehntelang gebunden bleiben. Das Portfolio der BKW sollte breiter werden und durch Ertragsquellen ergänzt werden, die weniger hohe Investitionen und kürzere Rückzahlzeiträume ermöglichen.

Gibt das Ja zur Energiestrategie Schub für das zurückgestellte Ausbauprojekt der BKW-Tochterfirma KWO beim Grimselsee und für den Bau der Trift-Staumauer, die 350 Millionen kostet? Wenn, dann würde es das Trift-Speicherwerk betreffen. Was bislang die Natur an Wasser im Gletscher und im Schnee gespeichert hat, würden wir mit einem Stausee tun. So könnten wir die Stromproduktion vergrössern und besser regulieren. Mit dem Ja zur Energiestrategie können für bis zu 40 Prozent der Kosten von solchen Ausbauprojekten ­Investitionsbeihilfen beantragt werden. Zusammen mit anderen Massnahmen, die der Kanton plant, könnten Projekte wirtschaftlich werden.

Wann reichen Sie das Sub­ventionsgesuch ein? Wir werden jetzt zuerst die Ausführungsgesetzgebung abwarten müssen. Bevor die Zuschüsse gesprochen sind, können wir sicher keinen Investitionsentscheid ­fällen. Und wir dürfen nicht vergessen: Selbst wenn alle Unterstützungsmassnahmen durch Bund und Kantone gesprochen werden, ist das Projekt für die BKW nach wie vor ein unter­nehmerisches Risiko.

Welche Hilfen für die not­leidende Wasserkraft unter­stützen Sie? Die Marktprämie als Ausgleich zwischen den Strommarktpreisen und den Gestehungskosten ist nun beschlossen, aber ich habe sie nicht unterstützt. Denn sie ist nicht zweckgebunden. Wer das Geld bekommt, kann damit machen, was er will: Löhne zahlen, Kernkraftwerke unterstützen, Dividenden auszahlen und so weiter. Das gilt auch für die wei­teren im Raum stehenden Vorschläge. Hinzu kommt bei diesen Vorschlägen, und damit habe ich grosse Mühe, dass allein die in der Grundversorgung gebundenen Haushalte und vor allem das Gewerbe die Rechnung zahlen sollen.

Haben Sie denn einen besseren Vorschlag? Ein Teil der Lösung muss von den Wasserzinsen kommen. Die Gebirgskantone sollen einen Teil dieser Abgabe weiterhin unabhängig von der Marktentwicklung erhalten, um budgetieren zu können. Aber die Wasserzinse sind zu hoch für ein Geschäft, in dem niemand mehr verdient.

Wie viel verdient die BKW künftig an der Marktprämie für die Grosswasserkraft und an der erhöhten kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV)? Von den rund 120 Millionen Franken, die zu den Stromunternehmen fliessen sollen, wird die BKW Beträge im einstelligen Millionenbereich erhalten. Bei der KEV sieht die Sache anders aus. Sie deckt eben bloss die Kosten inklusive Kapitalkosten. Die Anlagen, die von der KEV profitieren, steuern rund 12 Millionen Franken zum Ergebnis bei. Für diese Anlagen haben wir aber auch einen dreistelligen Millionenbetrag investiert.

Die Schweiz will die Wind- und die Solarkraft ausbauen, deren Stromproduktion schwer planbar ist. Wie wollen Sie verhindern, dass es häufiger zu Stromausfällen kommt? Wenn die AKW vom Netz gehen, werden 40 Prozent der bisherigen Stromproduktion fehlen. Es ist illusorisch, dies mit Foto­voltaik und Windenergie in der Schweiz ersetzen zu wollen. Auch bei der Wasserkraft ist das zusätzliche Potenzial zu gering. Der Zubau von Kleinwasserkraft kann wohl nicht einmal die Produktionseinbussen bei der Grosswasserkraft wegen der Klima­erwärmung und schärferer Vorgaben zu Restwassermengen kompensieren. Geothermie ist noch Zukunftsmusik. Biomasse ist weitgehend ausgeschöpft, weil schon viel Abfall aus der Landwirtschaft verwertet wird. Und bei der Windenergie hat die BKW in der Schweiz derzeit ein ein­ziges Ausbauprojekt in der Be­willigungsphase – in Tramelan im Berner Jura.

Was heisst dies unter dem Strich? Grosses Potenzial hat die Fotovoltaik. Dafür braucht es aber Batterien oder andere ökologisch und ökonomisch vernünftige Speichertechniken. Die Technik entwickelt sich zwar rasant. Wenn nun die Atomkraft aber noch schneller wegfällt, als solche sinnvollen Speicher kommen, werden wir Strom importieren müssen. Import muss aber nicht mehr Dreckstrom bedeuten, denn auch im Ausland steigt der Anteil erneuerbarer Energie. Ganz wesentlich wird aber der Beitrag der Energieeffizienz sein, insbesondere bei den Gebäuden mit besseren Isolationen und bedarfsgerechteren Verbrauchssteuerungen. Für den Rest haben wir ja über eine Energiestrategie 2050 abgestimmt, aber nicht über eine für 2018. Es bleibt also Zeit.

Vor allem im Winter muss die Schweiz schon heute vermehrt Strom importieren. Ist der Bau eines Gaskraftwerks für die BKW als Alternative wieder ein Thema? Nein, das ist kein Thema. Auch das frühere Projekt mit der Papierfabrik in Utzenstorf wollen wir nicht wieder aufnehmen. Denn in den nächsten Jahren erwartet die BKW auch im Winter keinen echten Strommangel. Trotzdem müssen wir das Thema Versorgungssicherheit diskutieren. Denn dereinst wird auch Frankreich Kernkraftwerke abschalten und Deutschland aus der Kohle aussteigen. Wir plädieren deshalb für einen Kapazitätsmarkt, bei dem Unternehmen gegen Geld bestimmte Strom­lieferungen garantieren. Das soll Investitionen in den Erhalt der bestehenden Wasserkraftwerke auslösen. Ob Gaskraftwerke bei einem solchen Marktmodell eine Rolle spielen, muss die Politik entscheiden.

Wer soll ein neues Gaskraftwerk betreiben? Der Staat könnte diese Leistung – nicht nur für den Betrieb eines Gaskraftwerks, sondern für jede Form der Sicherstellung der Versorgung – versteigern. Der Zuschlag muss nicht an einen Stromkonzern gehen. Auch ein Industriebetrieb könnte für sich ein Gaskraftwerk bauen und in einer Mangellage die Produktion stilllegen, um den Strom am Markt teuer zu verkaufen.

Sie haben von der rasanten Entwicklung der Batterietechnik besprochen. Braucht es da überhaupt noch Speicherkraftwerke? Es dürfte sich auch künftig lohnen, Wasser in den Speicherseen bereitzuhalten für den Winter. Denn die Batterietechnologie ist – Stand heute – keine Lösung für die saisonale Speicherung. Das Pumpspeichermodell – mit Bandenergie Wasser in Speicherseen pumpen und in der Nach­fragespitze die Turbinen laufen lassen – ist heute tot. Ausser wenn zum Beispiel französische Kernkraftwerke unerwartet ausfallen wie im letzten Winter.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt