Die Stadt, die auch ein Dorf sein will

Seit bald 20 Jahren verteidigt das rot-grüne Bern einen inoffiziellen Titel: die Stadt mit den meisten Begegnungszonen. Mehr Dorf als in Bern ist nirgends.

So wie am Neustadt-lab stellen sich das die Stadtplaner vor: Mitten in der Stadt entsteht Dorfplatz-Feeling.

So wie am Neustadt-lab stellen sich das die Stadtplaner vor: Mitten in der Stadt entsteht Dorfplatz-Feeling.

(Bild: Raphael Moser)

Jürg Steiner@Guegi

Ganze 15 neue Begegnungszonen will die Berner Stadtregierung 2018 realisieren und dafür 300 000 Franken ausgeben. Auf sagenhaften 111 Quartiertrassen gelten inzwischen Tempo 20 und Vortritt für Kinder und Velofahrer. Ein Königreich nachbarschaftlicher Nähe: In keiner anderen Schweizer Stadt gibt es so viele Begegnungszonen. Aber Obacht! Bern hat erst angefangen. Bald will die Stadt die nächste Stufe zünden und Plätze, Gassen, Strassen «zum erweiterten Wohnzimmer» der Bevölkerung machen, wie es Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) gerne ausdrückt.

Begegnungszonen! Tönt harmlos, weltfremd sogar, ist aber ein Schlüssel für den Erfolg rot-grüner Stadtpolitik. Schon vor 20 Jahren, als die Leute noch aufs Land zogen, sobald sie Kinder bekamen, experimentierten linke Berner damit, Strassen zum Spielen und Leben zu nutzen. 2002 ermöglichte der Bund die Förderung von Begegnungszonen, und Bern war voll bereit. Heute strömt den Stadtquartieren rot-grünes Lebensgefühl aus allen Poren. Die oft gutgestellten Familien, die hier leben, sehen hochwertige öffentliche Dienstleistungen, die Rot-Grün im Programm hat, als Selbstverständlichkeit. Okay: Man nervt sich, wenn man im Auto sitzt und mit 20 Stundenkilometern über eine Quartierstrasse schleicht. Aber easy! Wohnt man selber mit Kindern an einer Strasse, gibts nur: Begegnungszonen!

Ein globaler Megatrend! Im Zeitalter sterbender Quartierläden und blühenden Onlinehandels kommen natürliche Begegnungszonen abhanden. Also schafft man neue. Vor der Haustüre. Wie früher im Dorf. Und selbst Fuchs, Marder und Dachs, die vom Land in die Stadt gezogen sind, laufen in der Begegnungszonenplantage Bern weniger Gefahr, überfahren zu werden.

Karl Vogel, Leiter der städtischen Verkehrsplanung, blickt in die Zukunft: «Die Leute wünschen sich mehr Qualität als Quantität.» Bedeutet: grössere zu­sammenhängende Begegnungszonen, in denen sich Kinder über weitere Strecken gefahrlos be­wegen können, wo es vielleicht Spielzeugdepots gibt, und Orte, wo man sich ohne Konsumzwang hinsetzen und reden kann.

Das Wachstum der begegnungsfreudigen Stadt Bern stösst an keine Grenzen. Der Autoverkehr schon.

Berner Zeitung

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