Der Wissenschaftler an den Plattentellern

Kaum ein Name ist so eng mit der DJ-Kunst verbunden wie der von Grandmaster Flash. Jetzt kommt der mittlerweile 60-jährige Mitbegründer der Hip-Hop-Kultur für ein Konzert nach Langenthal.

Legendär: Mit «The Message» prangern 1982 ein paar wütende New Yorker Jugendliche die Missstände der Zeit an. Ihr DJ: Grandmaster Flash.


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Heute mag New York die coolste Stadt der Welt sein, Ende der 1970er-Jahre ist sie vor allem bekannt für Schmutz, Kriminalität und einen aus dem Ruder gelaufenen Finanzhaushalt. Insbesondere die Bronx, der Stadtteil im Norden, versinkt in einer Spirale von Gewalt, Armut und Hoffnungslosigkeit. Gebäude liegen brach, werden von Immobilienhaien in Brand gesetzt, um sich Versicherungsgelder zu erschleichen. Gangs machen die Gegend unsicher, Drogenkonsum prägt das Alltagsbild.

Aus diesem Chaos entspringt, einem Phönix aus der Asche ähnlich, eine explosive neue Jugendkultur, die alles bisher Dagewesene aus dem Weg fegt: Hip-Hop.

In den Anfangszeiten ist Hip-Hop der Sound der Armen. Nicht nur die Beats sind zusammen­geklaut, zum Teil auch die Ausrüstung. Es sind vor allem Jugendliche, die die neue Subkultur prägen. An sogenannten Blockpartys wird getanzt und gefeiert, die anarchischen Zustände in der Stadt eröffnen Nischen der Freiheit, in denen Frustration nicht nur in destruktive Gewalt mündet, sondern auch in künstlerischem Schaffen kanalisiert wird.

Plattenspielerzerleger

In solchen Zeiten werden Legenden geboren. Mit «The Message» prangern 1982 ein paar wütende Jugendliche die Missstände der Zeit an. Der Song schlägt ein wie eine Bombe und katapultiert sie von der Anonymität des Ghettos in den frisch geschaffenen Olymp der Hip-Hop-Götter. Der Name der Gruppe: The Furious Five. Ihr DJ: Grandmaster Flash.

Der Grossmeister war vorher Joseph Saddler, ein in Barbados geborener und in der South Bronx aufgewachsener Teenager, der es nicht lassen konnte, in der Plattensammlung des Vaters rumzufingern und dafür Prügel einzustecken. Der junge Saddler war an Partys und Mädchen interessiert, noch mehr aber an den Radios und Plattenspielern des Vaters, die er regelmässig manipulierte. Und dafür noch mehr Prügel kassierte.

Legende an der Arbeit: Grandmaster Flash (60) bei einer Show in diesem Januar in New York. Foto: Brian Ach (Getty Images)

Mit wissenschaftlicher Akribie zerlegte er Plattenspieler, reizte die technischen Möglichkeiten der Geräte aus, zerkratzte bei seinen Experimenten Platten – und entwickelte damit neue Techniken, die fortan zum Repertoire aller Hip-Hop-DJs gehören sollten. Vorher spielten DJs einfach Musik ab; Grandmaster Flash verwandelte die Plattenspieler zu einem Musikinstrument. Wobei er sich selbst in erster Linie als Wissenschaftler definierte.

Hip-Hop-Historiker

Seither hat sich viel verändert, Hip-Hop verbreitete sich auf dem Globus, entsprechend haben sich Stil und Inhalte gewandelt. Mit der Zeit wurde es, wie bei allen anderen Pionieren, ruhiger um den Grandmaster. Untätig blieb er aber nicht: Er veröffentlichte Lernvideos, produzierte Musik für die Game- und Filmindustrie, kollaborierte mit jüngeren Mu­sikern.

Und er arbeitete an der Pflege der Legende: Grandmaster Flash sieht sich selbst nicht nur als Musiker und DJ-Wissenschaftler, sondern auch als Historiker und Botschafter des Hip-Hops. Dazu passt, dass er die Netflix-Serie «The Get Down» mitproduzierte, die die Anfangszeiten der neuen Musikbewegung in der Bronx behandelt – und in der er auch gleich für eine Figur Pate stand. Das Leben und die Legende des Grandmasters sind eben unauflöslich miteinander verbunden.

Dieses Jahr ist Grandmaster Flash 60 Jahre alt geworden. Er tourt immer noch ausgiebig um die Welt. Dabei ist er darauf bedacht, seinen Zuhörern eine Show zu bieten: Die Bedienung der Plattenteller bleibt spektakulär, über das Mikrofon wird das Publikum animiert und die Party angeheizt – genau wie damals. Der Grossmeister ist seinen Wurzeln als DJ von Blockpartys treu geblieben.
Show:Fr, 2. März, ab 20 Uhr, OldCapitol, Langenthal. Tickets: www.starticket.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.02.2018, 15:13 Uhr

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