Der Wandel in der Landwirtschaft ist unausweichlich

Ein Kommentar von BZ-Redaktor Christoph Aebischer zur Initiative «Für Ernährungssouveränität».

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Niemand wählt gern zwischen Pest und Cholera. Glaubt man am Dienstag gefallenen Worten im Nationalrat, stehen die Bauern genau vor diesem Dilemma: Ein «tödlicher» Wettbewerb mit dem Ausland führt zu einem forcierten Bauernsterben. Ebenso untauglich ist der Gang in die vollständige Abschottung. Herbeigeführt hat diese erbarmungslose Ausgangslage der Bundesrat. Er brachte Anfang November seine eigene Vision als Alternative zur kompromisslosen Volksinitiative «Für Ernährungssouveränität» ins Spiel. Während der Bundesrat vorschlägt, dass die Agrarzölle stark sinken sollen, will die Volksinitiative den Grenzschutz auf immer und ewig in der Ver­fassung festschreiben. Davon hält der Bundesrat nichts.

Seither laufen die Bauern Sturm. Einiges spricht dafür, dass es der Bundesrat bewusst auf diese Provokation ankommen liess. Die heftige Debatte vom Dienstag im Nationalrat hat durchaus ihr Gutes. Sie sorgt für eine wohltuende Klärung nach derunsäglichen Abstimmung über den Ver­fassungsartikel zur Ernährungssicherheit am 24. September 2017. Dessen wohl­tönende Floskeln konnte schon im Abstimmungskampf jeder nach seinem Gutdünken interpretieren. Das Resultat – eine hoch ausgefallene Zustimmung von 78,7 Prozent – ist dementsprechend wertlos.

Mit Verwedeln lassen sich Probleme eben nicht lösen. Die zweite Chance für eine ehrliche Richtungsdebatte zur Schweizer Landwirtschaft für die Jahre nach 2021 bietet sich jetzt. Selbst den Bauern kommt die neue Volksinitiative der Westschweizer Bauerngewerkschaft Uniterre und von rund siebzig Interessenorganisationen mit ihrer verklärten Sicht auf die Vergangenheit verdächtig vor. Forderungen wie eine staatlich verordnete Erhöhung der Beschäftigten im Landwirtschaftssektor oder ver­fassungsmässig garantierte Agrarzölle sind schlicht realitätsfremd.

Ein Land, das jeden zweiten Franken im Export verdient, muss sich dem Wandel stellen. Einigt sich die EU mit den Mer­cosur-Staaten Ende Jahr auf mehr Frei­handel, können deutsche Autoindustriezulieferer ihre Waren um bis zu 35 Prozent günstiger nach Lateinamerika liefern als Schweizer Konkurrenten. Erinnert sei auch an Klagen der Hoteliers über teures Fleisch oder den Einkaufstourismus.

Um solche Zusammenhänge kann sich die Schweiz nicht foutieren. Wer wie die Initianten von Uniterre ein Ende des Bauernsterbens fordert, tut jedoch genau dies. Aber auch die Schocktherapie des Bundesrats kuriert kein Leiden. Sollen sich die Bauern der Zukunft erfolgreich stellen, brauchen sie genügend Anpassungszeit und eine finanzielle Abfederung der Folgen. Die Schweizer sind bereit, sich dies zu leisten. Das zumindest lässt sich aus dem Ja vom September ableiten.

christoph.aebischer@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.12.2017, 07:07 Uhr

BZ-Redaktor Christoph Aebischer.

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