Wohnen ohne Stromanschluss

Die Vision von energieautarken Häusern ­ohne externen Anschluss rückt näher. Die Testphase ist an­gelaufen. Doch es gibt noch hohe Hürden, wie sich an der ­Energie- und Klimakonferenz Swiss ECS in Bern zeigte.

Das Minihaus Ecocapsule macht Strom- und Wasserleitung überflüssig.

Das Minihaus Ecocapsule macht Strom- und Wasserleitung überflüssig.

(Bild: zvg)

Der Trend ist klar: Hauseigentümer produzieren vermehrt mit Solaranlagen selber Strom und heizen mit Erdwärmesonde und Wärmepumpe. Es gibt sogenannte Nullenergiehäuser, die im ­Jahresmittel so viel Energie produzieren, wie sie brauchen. Am Swiss Energy and Climate Summit (Swiss ECS) in Bern präsentierte die slowakische Firma Ecocapsule gestern gar ein Minihaus, das weder Strom- noch Wasseranschluss benötigt.

Auf kleiner Fläche

Ecocapsule sieht aus wie ein liegendes graues Ei. Es verfügt über Solarzellen und eine Windkraftturbine. Mit der Batterie könne genügend Strom gespeichert werden dazu, während fünf Tagen normal zu leben, auch wenn die Sonne nicht scheinen und kein Wind wehen würde. Das sagte Ecocapsule-Mitgründer Tomas Zacek im Gespräch mit dieser Zeitung. Im Normalfall kann sich Ecocapsule aber über lange Zeit selber mit Energie versorgen. Und es sammelt das auf die Aussenhaut fallende Regenwasser und gewinnt daraus mit einer Filteranlage Trinkwasser.

«Es ist ein Minihaus, das keine Infrastruktur braucht», sagte Zacek. Es eigne sich nicht nur als ­Ferienhäuschen, sondern auch als Büro in abgelegenen Gebieten oder als kleiner Shop. 50 Stück des Prototyps sind laut Zacek ­verkauft. Der Kaufpreis sei mit 80 000 Euro noch zu hoch. In der Massenproduktion solle Ecocapsule deutlich billiger werden.

Die Innenfläche entspricht mit knapp 7 Quadratmetern bloss der eines Wohnwagens. Die Bewohner müssen sich mit einer Kochnische, einer kleinen Dusche im WC, einem Bett sowie Ablageflächen begnügen. Zu einer anderen Kategorie gehört ein Pilotprojekt der Umwelt-Arena Spreitenbach: In Brütten bei Winterthur sind im Juni freiwillige Testpersonen in das erste Mehrfamilienhaus der Welt eingezogen, das ohne ­externen Anschluss für Strom, Öl und Erdgas auskommt.

Um garantiert unabhängig zu sein, verfügt es über eine spezielle und noch ziemlich teure Batterie: Strom der Solaranlage wird mit einem Elektrolyseur in Wasserstoff umgesetzt (Power to Gas). Bei Bedarf wird der Wasserstoff mittels Brennstoffzellentechnologie wieder in elektrische Energie umgewandelt.

Jahreszeiten sind ein Problem

Für Andreas Bittig, Leiter der Sparte Energy Solutions des Berner Energiekonzerns BKW, sind autarke Einfamilienhäuser in der Schweiz denn auch eine Utopie. Denn der hundertprozentigen Selbstversorgung stünden die Jahreszeiten im Weg: «Ein Haushalt braucht im Winter etwa zwei Drittel des Stroms, kann dann aber nur ein Drittel produzieren.

Im Sommer ist es umgekehrt.» Bittig glaubt, dass deshalb in Zukunft trotz neuer Technologien über 99 Prozent der Haushalte den Stromnetzanschluss behalten werden. Aber die Kunden würden immer mehr selber Strom produzieren.

Die BKW setzt daher wie andere Versorger auf Energiedienstleistungen. Dazu gehören Systeme mit dem Ziel, den eigenen Stromverbrauch zu optimieren. Überschüssiger Solarstrom wird dabei fürs Heizen und die Aufbereitung von Warmwasser genützt respektive in einer Batterie oder im Elektroauto gespeichert. Mit einem solchen «Dreamteam» zu Hause lasse sich im Massenmarkt ein Eigenversorgungsgrad von bis zu 70 Prozent erreichen, sagte Bittig am Rande des Forums auf Anfrage. Der Kauf einer intelligenten Energiesteuerung rechne sich bereits nach einem Jahr.

Thomas Ammann vom Hauseigentümerverband (HEV) dämpfte am Swiss ECS allerdings die Erwartungen. Viele Hauseigentümer seien im Rentenalter und wollten nicht mehr gross investieren. Und viele Ölheizungen seien noch lange nicht am Ende der Lebensdauer angelangt.

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