Wenn das Geld kaum für die Lebensmittel reicht

Bern

Auf dem Berner Rathausplatz demonstrierten am Dienstag Hunderte gegen die geplanten Kürzungen bei den Sozialhilfebeiträgen. Einer von ihnen legte dieser Zeitung sein Budget offen.

Vor dem Berner Rathaus herrschte Einigkeit: Hunderte demonstrierten gegen die Sozialabbaupläne.

Vor dem Berner Rathaus herrschte Einigkeit: Hunderte demonstrierten gegen die Sozialabbaupläne.

(Bild: Andreas Blatter)

Philippe Müller

Alfred Mosimann* ist ernüchtert. «Das Geld reicht mir schon heute nicht zum Leben», sagt der Mittfünfziger. «Es reicht kaum, um ­alle offenen Rechnungen zu bezahlen.» Er bezieht seit vier Jahren Sozialhilfe. In diese Situation kam er, nachdem er wegen eines Firmenkonkurses seine Stelle verloren hatte. Wegen einer Fusserkrankung ist er im Moment ­zudem arbeitsunfähig, die IV hat ihm im ersten Anlauf eine Teilrente verweigert.

Nun droht sich seine Lebenssituation erneut zu verschlechtern. Denn Gesundheits- und Fürsorgedirektor Pierre Alain Schnegg (SVP) will mittels Teilrevision des Sozialhilfegesetzes die Leistungen in der Sozialhilfe kürzen (wir berichteten). Schnegg will zum einen den Grundbedarf generell um 10 Prozent kürzen, womit die Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) unterschritten würden. Im Gegenzug sollen der Einkommensfreibetrag sowie die Inte­grationszulage erhöht werden.

Kein Geld für Lebensmittel

Heute hat Alfred Mosimann pro Monat 600 Franken zur Verfügung. Eigentlich wäre sein Grundbedarf 748 Franken pro Monat, weil er in einem Zweipersonen-Haushalt lebt. Wegen Vorleistungen durchs Sozialamt muss er jedoch einen Abzug in Kauf nehmen. Davon muss er Telefonkosten, Billag-Gebühren, die Haftpflichtversicherung und persönliche Anschaffungen bezahlen.

«Für Lebensmittel reicht mein Geld nicht, ich kann nie einkaufen», sagt Mosimann. «Zum Glück habe ich eine Partnerin, die das übernimmt.» Zusätzlich bezahlt ihm das Sozialamt die Hälfte an die Mietwohnung und die ganze Krankenkassenprämie. Wird Schneggs Reform wie geplant umgesetzt, würde Mosimanns Barbetrag von 600 auf etwa 540 Franken pro Monat sinken. «60 Franken sind für mich enorm viel Geld.»

Von den «Zückerchen» der ­Sozialreform könnte Mosimann wohl kaum profitieren. Ein zusätzliches Einkommen, das ihm dank höherem Einkommensfreibetrag erlaubt wäre, kommt nicht infrage. Zumindest nicht, solange er arbeitsunfähig ist.

Hunderte demonstrierten

Weil ihm die Zukunft Angst macht, begab sich Alfred Mosimann am Dienstagnachmittag auf den Berner Rathausplatz. Dort rief das Komitee Verkehrt zur ­Demonstration auf gegen den geplanten Sozialabbau. Dem Komitee gehören die Berner Sektion des Schweizerischen Dachverbandes Avenir Social, das Forum für kritische soziale Arbeit Kriso sowie das Komitee der Arbeitslosen und Armutsbetroffenen Kabba an. Neben Mosimann folgten dem Demoaufruf mehrere Hundert weitere Teilnehmer.

Die Botschaft vor dem Berner Rathaus, wo am Dienstag die Sommersession des Grossen Rates begann, war klar: Schon das heutige Sozialhilfemodell des Kantons Bern sei nicht besonders konkurrenzfähig. So sei den Sozialhilfebezügerinnen und -bezügern der Teuerungsausgleich im Kanton Bern seit Jahren nicht mehr gewährt worden. Gegen den neusten «Frontalangriff auf die Ärmsten» gelte es sich zu wehren, riefen die Verantwortlichen der ­Demo am Dienstag in die Menge. Auf einzelnen Plakaten wurde SVP-Regierungsrat Schnegg offen zum Rücktritt aufgefordert.

Alfred Mosimann macht kein Geheimnis daraus, dass das Geld nicht seine einzige Sorge ist. «Als Sozialhilfebezüger ist man ziemlich ausgeschlossen. Man bewegt sich am Rand der Gesellschaft.» Mit der Teilnahme an der Kundgebung wollte er den «Schreibtischtätern» die Augen öffnen.

Neue Hoffnung

Für sich persönlich hat Mosimann die Hoffnung nicht aufgegeben. «Mit dem Fuss wird es besser.» Er will demnächst Bewerbungen schreiben und zurück auf den Arbeitsmarkt. «Ende Jahr bin ich hoffentlich von der Sozialhilfe weg.»

* Name geändert

Berner Zeitung

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