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So tickt man hierBern erklärt für Aussenstehende

Das neue Buch «Liebe Aare» ist eine Hommage. Eine Ostschweizerin erklärt, was Nichtberner sonst noch alles wissen müssen über Bern und seine Bewohner.

Aarewasser in all seinen unterschiedlichen Farben.
Aarewasser in all seinen unterschiedlichen Farben.
Foto: Aus dem Buch «Liebe Aare. Ein grafisches Fanbuch über den schönsten Fluss der Welt»

Bern kann man natürlich nicht in ein paar wenigen, lapidaren Sätzen erklären, man muss Stadt und Kanton erleben. Aber Nichtbernerinnen und -berner tun gut daran, sich an ein paar unausgesprochene Regeln zu halten. Das sind die wichtigsten:

Zürich ist bäh!

Lassen Sie in die Konversation mit Einheimischen unauffällig Sätze einfliessen wie: «Zürich ist ja schon schön, wenn da nur nicht so viele Zürcher wären!» Das bringt stets Sympathiepunkte. Denn Züri, das ist zwar gross und wichtig, doch nach Meinung vieler Bernerinnen und Berner werden diese Eigenschaften masslos überschätzt. Gemütlichkeit und Lebensqualität zählen. Und davon hat Bern wahrlich mehr als genug.

Schwärmen Sie!

Sagen Sie gerne bereits jetzt: «Die Aare ist zwar noch etwas kühl, aber ich freue mich schon darauf, wieder in ihr zu schwimmen.» Die Aare, das müssen Sie wissen, ist so etwas wie eine Heilige in Bern.

Nie, niemals dürfen Sie Sätze sagen à la: «So ein Fluss wird doch überschätzt. Ein warmer See ist viel schöner.» Das käme einem Sakrileg gleich. Und glauben Sie mir: Nach ein paar Zügen im smaragdgrünen Wasser, vorzugsweise bei Aussentemperaturen von über 30 Grad, werden auch Sie zum Fan werden.

Das Gleiche wie für die Aare gilt übrigens für die diversen anderen Berner Heiligtümer: YB, den Gurten, den Dialekt – Falls Sie das alles noch nicht lieben, dann tun sie wenigstens so, als ob.

Lernen Sie Berndeutsch!

Apropos Dialekt, hier begeben wir uns auf dünnes Eis. Berndeutsch darf man im Grunde nur sprechen, wenn man es absolut perfekt beherrscht. Ansonsten wird das Nachahmen schnell als Anbiederung empfunden – oder noch schlimmer: als Nachäffen. Als Mittelweg empfiehlt es sich, zumindest die wichtigsten Ausdrücke zu kennen und zu verwenden.

Sagen Sie deshalb nicht: «Ich habe ein Häkli gesetzt.» Sondern: «Ich habe das Gutzeichen gemacht.» Denken Sie nicht, Ihre Kinder hätten einen Sprachfehler, wenn sie Gspänli fragen: «Hiufsch abmache?» In anderen Dialekten mag «helfen» für eher unangenehmere Aufgaben stehen, wie helfen, das Geschirr abzutrocknen, oder helfen, aufzuräumen. Im Berndeutschen bedeutet es so viel wie «Bist du dabei?».

Lernen Sie auch Slangausdrücke wie zum Beispiel «Würk?». Das klingt gleich viel einheimischer als ein «Würklech?». Und was sich fast von selbst versteht: Ein «Grüezi» ist absolut tabu. Damit sind Sie sofort untendurch. «Grüessech» heisst es. Lassen Sie sich Zeit beim Aussprechen, ein «Grüessech» wirft man dem Gegenüber nicht vor die Füsse, sondern man zelebriert es.

Vermeiden Sie blöde Sprüche!

Auch wenn die einhellige Begeisterung der Einheimischen für alles Bernische Sie zu Widerspruch reizt, lassen Sie sich nicht zu Provokationen hinreissen. Zum Beispiel kommt es nicht sehr gut an, einem Berner zu sagen, dass er mit den «falschen» Karten jasse. Natürlich kriegt man mit den französischen Karten keinen richtigen Schellenjass hin, und natürlich ist das ein grosses kulturelles Versäumnis. Aber dieser berechtigte Hinweis stösst auf allgemeines Unverständnis – Und ja, die Autorin weiss das aus eigener Erfahrung.

Ebenfalls befremdend für Neu-Berner ist, wenn die Kassierin oder der Kassierer sagt: «Zäh Franke füfzg, we Dir wettet so guet sy.» Sprüche wie «Und wenn ich nicht so gut bin?» sind nicht angebracht. Es handelt sich um eine Höflichkeitsfloskel, die zwar alles etwas verlangsamt, aber das Miteinander angenehmer macht.

Berner sind nicht langsam!

Damit sind wir bei einem fatalen Vorurteil angelangt. Bernerinnen und Berner sind nicht prinzipiell langsam. Aber die Einhaltung formaler Regeln ist in diesem Kanton, in dem viele Beamte leben und arbeiten, ungleich wichtiger als in anderen Regionen. Das heisst, auch wenn es schnell gehen muss, hält man die Reihenfolge ein: Man grüsst zuerst und wartet, bis der Gruss erwidert wird. Erst dann fragt man, wo der Weg langgeht. Das gilt auch, wenn man mit dem Auto mitten auf einer Kreuzung steht und alle hinter einem wild hupen.

Zeigen Sie Ihr Insiderwissen!

Hören Sie Züri West, lesen Sie Pedro Lenz, lernen Sie die Lieder von Mani Matter kennen. Es wird immer wieder Gelegenheiten geben, Ihr Wissen in Gesprächen zu zitieren. Reden Sie vom «Goalie», vom «Coifför», vom Glück, das «eim irgendeinisch fingt». So signalisieren Sie: Sie gehören dazu – oder tun zumindest so, als ob.