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Autoversicherer profitieren von CoronaBekommen Autofahrer jetzt Prämien zurück?

Weil der Strassenverkehr lahmt, zahlen US-Versicherer Gewinne an Autobesitzer zurück. Und in der Schweiz? Was Anbieter sagen, und was Kunden tun können.

Besonders an Wochenenden und auf grenznahen Strassen wie in der Genferseeregion in Richtung Frankreich ist wenig motorisierter Verkehr unterwegs.
Besonders an Wochenenden und auf grenznahen Strassen wie in der Genferseeregion in Richtung Frankreich ist wenig motorisierter Verkehr unterwegs.
Foto: Keystone / Salvatore Di Nolfi

Vor allem an Wochenenden hat der motorisierte Verkehr auf Schweizer Strassen deutlich abgenommen. Gemäss Zahlen des Bundesamts für Strassen (Astra) lag das Verkehrsaufkommen am Gotthard über Ostern bei 5 bis 10 Prozent des Vorjahres. Auf Autobahnen im Raum Bern betrug es rund die Hälfte der Vorjahreswerte, in Basel gar nur 20 Prozent. An Werktagen gibt es etwas mehr Privatverkehr – je nach Region liegt er aber um 30 bis 50 Prozent unter den Vergleichszahlen des Vorjahres. Weniger Verkehr bedeutet weniger Unfälle. Bei Autoversicherern dürften deshalb die Kosten für Schäden entsprechend sinken.

In den USA habe einzelne Autoversicherer bereits reagiert. «Wir zahlen den Kunden mehr als 600 Millionen Dollar zurück», kündigt Tom Wilson, Geschäftsführer der grossen US-Versicherungsgesellschaft Allstate, in einem werbemässig geschickt inszenierten Video auf der Internetseite des Unternehmens an. Mit American Family will eine andere Gesellschaft pro Wagen 50 Dollar an Versicherte zurückerstatten.

«Wir zahlen den Kunden mehr als 600 Millionen Dollar zurück.»

Tom Wilson, CEO des US-Autoversicherers Allstate

Sara Stalder, Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz, fordert, dass auch Schweizer Versicherer zusätzliche Gewinne, die aufgrund der Corona-Krise anfallen, an Konsumentinnen und Konsumenten weitergeben. Die Finanzmarktaufsicht (Finma) solle ihren Regulierungsspielraum nutzen und dies durchsetzen. Dass amerikanische Unternehmen von sich aus Rückerstattungen ankündigen, führt Stalder darauf zurück, dass in den USA Gruppenklagen möglich sind. In der Schweiz müsste jede versicherte Person individuell klagen, was aufgrund des Kostenrisikos und des zeitlichen Aufwands nicht empfehlenswert sei.

Für Deutschland hat die in Köln ansässige Versicherungsberaterin Meyerthole Siems Kohlruss vor wenigen Tagen festgestellt, dass die Unfälle im motorisierten Verkehr seit dem Lockdown um 50 Prozent rückläufig seien. «Bis Ende April kann die Branche voraussichtlich mehr als eine Milliarde Euro an Schadenaufwendungen einsparen», wird der Versicherungsmathematiker Onnen Siems in einer Medienmitteilung zitiert.

Die Alternative: Nummernschilder hinterlegen

Für die Schweiz ist es noch schwierig, Zahlen zu den Auswirkungen des Lockdown zu erhalten. Autoversicherer reagieren zurückhaltend. Die Mobiliar teilt mit, dass ihr Geschäft langfristig ausgerichtet sei: «Die Prämien nach ein paar schadenarmen Wochen zu senken, wäre ebenso verfehlt, wie sie bei vorübergehend höherer Schadenlast anzuheben.» Ähnlich argumentiert die Helvetia, die auch auf verzögerte Effekte verweist. So könnten Reparaturen später nachgeholt werden. Und vielleicht gebe es im Sommer zusätzlichen Autoverkehr, wenn der Flugbetrieb weiterhin eingestellt ist. Auch der Versicherungskonzern Axa plädiert für «nachhaltige Prämien». Denn gäbe es kurzfristige Rückerstattungen, müssten im volatilen Versicherungsgeschäft umgekehrt auch kurzfristig Prämien erhöht werden, wenn zum Beispiel bei einem Unwetter hohe Schäden anfallen. Die Zurich-Versicherung kommt zum Schluss, dass manche Autobesitzer aufgrund von Einschränkungen im öffentlichen Verkehr ihr Fahrzeug sogar häufiger nutzen als vor dem Corona-Lockdown. Zudem sei die Nutzung von Privatfahrzeugen in der Schweiz weniger stark eingeschränkt als in den USA.

Manche Versicherer verweisen zudem auf Mehrausgaben, beispielsweise wegen vieler Reiseannullationen oder anderer Folgen der Pandemie. Im Bereich der Autoversicherungen dürften aber im laufenden Jahr Gewinne anfallen, die nicht direkt an die Versicherten ausbezahlt werden. Wer während des Lockdown zu Hause arbeitet und nicht auf das Fahrzeug angewiesen ist, kann aber immerhin die Nummernschilder hinterlegen und die Versicherung vorübergehend sistieren. Bis zum Versicherungsunterbruch kann es rund eine Woche dauern. Wer die Hinterlegung der Versicherung telefonisch meldet, kann die Sistierung in der Regel beschleunigen.

Überschüsse bei Krankenkassen

Auch im Gesundheitswesen werden dieses Jahr aufgrund der ausserordentlichen Situation in gewissen Bereichen höhere und in anderen tiefere Kosten anfallen. «Ein ausserordentlicher Prämienanstieg 2021 kann jedoch ausgeschlossen werden», sagt Rudolf Bruder, Geschäftsleitungsmitglied der Krankenversicherung Helsana. Die aktuellen Einmaleffekte durch Corona hätten keinen Einfluss, da die Prämien vom nächsten Jahr jeweils die Leistungen desselben Jahres decken müssten.

Die Corona-Krise dürfte letztlich auch bei den Krankenkassen zu einer Entlastung führen. Die Zahlen der Berufs- wie auch der Nichtberufsunfälle sinken, da die Leute derzeit zu Hause bleiben und viele Freizeitsportveranstaltungen ausfallen. Rudolf Bruder weiss von Ärzten, die bei Behandlungen einen deutlichen Rückgang feststellen. Es sei aber noch zu früh, um die Auswirkungen seriös abschätzen oder gar Zahlen nennen zu können. Die Krankenversicherung CSS bestätigt auf Anfrage, dass vor allem bei den Zusatzversicherungen weniger Leistungen anfallen dürften: Der vom Bundesrat angeordnete Lockdown führe dazu, dass Therapien im Bereich der Komplementär- und Alternativmedizin nicht mehr nachgefragt würden.

«Der Anstieg der Kosten aufgrund der Behandlung von Covid-19-Patienten wird geringer sein als die Kostenreduktion, die sich abzeichnet, weil viele nicht dringende Untersuchungen sowie Behandlungen ausfallen», sagt Felix Schneuwly, Krankenversicherungsexperte beim Vergleichsdienst Comparis. Zudem wird ein grosser Teil der mit der Corona-Pandemie verknüpften Gesundheitskosten von der öffentlichen Hand getragen, weil beispielsweise das Freihalten von Betten und Infrastruktur nicht den Krankenkassen belastet werden kann, wie Schneuwly erläutert. Zudem verfügten die Krankenversicherer über acht Milliarden Franken Reserven, falls die Zahl der Covid-19-Patienten nochmals stark ansteigen sollte.

Rückerstattungen?

«Sollten in diesem Jahr Überschüsse resultieren, würden diese unseren Versicherten zugutekommen – in welcher Form auch immer», sagt Rudolf Bruder von der Helsana. Dies werde zu gegebener Zeit zu prüfen sein. Krankenkassen können Überschüsse an die Versicherten zurückerstatten. Sie können sie aber auch dazu verwenden, die Prämienlast aufgrund der anhaltenden Kostensteigerung etwas zu kompensieren.