Bei von Graffenried sitzen Frauen in der zweiten Reihe

Bern

Falls Alec von Graffenried (GFL) Stadtpräsident wird, geht er nicht nur als erster Grüner im Erlacherhof in die Geschichte ein – sondern auch als Verhinderer der ersten Frau in diesem Amt. Als Frauenförderer tut er sich auch sonst nicht hervor.

Mann vor Frau: Wahlplakate von Alec von Graffenried (GFL) und Franziska Teuscher (GB) letzten Samstag an der Mittelstrasse in der Berner Länggasse.

Mann vor Frau: Wahlplakate von Alec von Graffenried (GFL) und Franziska Teuscher (GB) letzten Samstag an der Mittelstrasse in der Berner Länggasse.

(Bild: Keystone)

Christoph Hämmann

Gremien möglichst vielfältig zu besetzen, gilt heute für die allermeisten als selbstverständlich. Vom Mix aus Geschlechtern, Altersgruppen oder Kulturen erhofft man sich bessere, weil ausgewogenere Ergebnisse. Bei Bern Tourismus scheint diese Erkenntnis allerdings noch nicht gereift zu sein. Im neunköpfigen Vorstand sitzen: neun Männer.

Präsident von Bern Tourismus ist Alec von Graffenried, der GFL-Kandidat für Gemeinderat und Stadtpräsidium. Er hat intakte Chancen, als erster grüner Stadtpräsident Berns in die Geschichte einzugehen. Historisch wäre an seiner Wahl aber auch, dass er ­damit die erste Frau im Erlacherhof verhindert hätte. Gibt es ein gegen Frauen gerichtetes «System von Graffenried»?

«Das ist ein Schwachpunkt»

Wir erinnern uns: Mit seiner Kandidatur greift von Graffenried seine beiden Bündnispartnerinnen Ursula Wyss (SP) und Franziska Teuscher (GB) an, zwei amtierende Gemeinderätinnen. Wochenlang hatte das Ringen ­innerhalb von Rot-Grün-Mitte um diese Dreierkandidatur die Stadt beschäftigt. Lange schlossen sich die Vorgaben der einzelnen Partner gegenseitig aus, das Bündnis drohte zu zerbrechen – etwa weil das Grüne Bündnis (GB), mit welchem von Graffenrieds GFL auf kantonaler und nationaler Ebene eine gemein­same Partei bildet, einstimmig eine Resolution verabschiedet hatte, wonach 2017 eine Frau ins Stadtpräsidium ein­ziehen solle.

«Das ist ein Schwachpunkt, der uns seit langem bewusst ist», sagt von Graffenried zur rein männ­lichen Zusammensetzung des Bern-Tourismus-Vorstands. Es sei eine verpasste Chance, in diesem Gremium keine Frauenstimme zu haben. Die Schwierigkeit liege darin, dass der Vorstand aus Verbandsvertretern zusammengesetzt sei, die ihrerseits von den jeweiligen Verbänden nominiert würden – so seien die letzten vier Nominationen solche gewesen, zu denen Bern Tourismus nichts zu sagen gehabt habe. «Hingegen haben wir die Verbände immer darauf hingewiesen, dass Frauenkandidaturen besonders erwünscht sind und bevorzugt ­werden.»

Vergeblich. Wie man ein solches Nominationssystem so ausgestalten kann, dass eine aus­geglichenere Geschlechter­zusammensetzung durchsetzbar ist, hätte von Graffenried ausgerechnet bei den Grünen Kanton Bern lernen können – wo er ebenfalls im Vorstand sitzt. Wie Bern Tourismus hat die Partei die Rechtsform eines Vereins, und wie bei Bern Tourismus die Verbände sind es bei den Grünen die Regionalparteien, die bis zu 13 Vertreterinnen und Vertreter in den Vorstand delegieren können.

Damit eine ausgewogene Verteilung der Geschlechter sichergestellt werden kann, heisst es in den Statuten: «Jedes Geschlecht ist mit mindestens fünf Personen im Vorstand vertreten.»

«Unterstütze Frauenquote»

Warum hat der Vorstand von Bern Tourismus, wenn ihn das Problem derart stört, die Statuten nicht um einen ähnlichen Passus ergänzt? In den letzten zwei Jahren habe man das Projekt Bern Welcome aufgegleist, in dem Bern Tourismus aufgehen werde, erklärt von Graffenried. «Da wäre es nicht sinnvoll gewesen, für die kurze Zeit noch die Statuten zu ändern.» Die Kritik, dass er aber doch schon seit über sieben Jahren im Vorstand von Bern Tourismus sei, lässt von Graffenried so stehen.

Bei Bern Welcome jedenfalls werde es einen neuen Verwaltungsrat geben, sagt er. «Dieser wird anders zusammengesetzt sein.» Er sei überzeugt, dass gemischte Teams besser funktionieren und bessere Leistungen erbringen würden. «Ich unterstütze eine Frauenquote und alle Massnahmen, die den Aufstieg von Frauen in Führungspositionen und das Ausüben von Führungspositionen durch Frauen erleichtern.» Mit Blick auf Bern Tourismus klingt dies nach einem Lippen­bekenntnis. Ob er als Gemeinderat oder als Stadtpräsident damit Ernst macht, wird sich weisen, falls er gewählt wird.

Berner Zeitung

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