Bei Huawei steht das Team über den Chefs

Die Chinesen sind in der Schweiz auf Einkaufstour. Wie ist es, als Schweizer für eine chinesische Firma zu arbeiten? Statt der Einzelperson steht die Gemeinschaft im Vordergrund, wie ein Besuch beim Telecomkonzern Huawei zeigt.

Spontane Besprechung in einem zwischenkulturellen Firmenumfeld: Felix Kamer, Vizepräsident von Huawei Schweiz, tauscht sich mit Kundenbetreuer Hugo Arn (rechts) aus. Yenling Li vom Personalwesen hört zu.

Spontane Besprechung in einem zwischenkulturellen Firmenumfeld: Felix Kamer, Vizepräsident von Huawei Schweiz, tauscht sich mit Kundenbetreuer Hugo Arn (rechts) aus. Yenling Li vom Personalwesen hört zu.

(Bild: Beat Mathys)

Jon Mettler@jonmettler

Im Alter von 62 Jahren hat Hugo Arn noch einmal die Stelle gewechselt. Seit vergangenem Oktober arbeitet er in Liebefeld bei Bern für den Telecomkonzern Huawei als Kundenbetreuer der öffentlichen Hand (siehe Kasten). «Hätte mir vor 20 Jahren ­jemand gesagt, dass ich einmal für eine chinesische Firma arbeiten werde, hätte ich nur den Kopf geschüttelt», sagt Arn.

Einen Kulturschock habe er beim Jobwechsel zwar nicht erlebt, sagt Arn. «Es schlafen keine Chinesen unter den Bürotischen.» Als langjähriger ehemaliger Mitarbeiter von Bundesbetrieben, zuletzt auch in Leitungsfunktionen, war sich Arn ein behäbigeres Arbeitsumfeld gewohnt. Trotzdem sind ihm bei Huawei Un­terschiede zu seinen früheren Schweizer Arbeitgebern aufgefallen. Da sind zum einen die strengen Vorkehrungen bei der Internetsicherheit, die das chi­nesische Unternehmen regelmässig und streng überprüft. «Bei Schweizer Firmen wird diesbezüglich viel geredet, bei Huawei wird gehandelt», sagt Arn.

Auch der Umgang mit den chinesischen Mitarbeitern gestaltet sich anders. «Ich bin für sie nicht nur ein Arbeitskollege, sondern so etwas wie eine graue Eminenz», sagt Arn. Bei Schweizer Betrieben würde er wohl bereits zum alten Eisen gehören. «Hier bringen mir die chinesischen Kollegen Respekt entgegen, weil ich wegen meines Alters für Erfahrung stehe. Sie sind an meinen Einschätzungen interessiert und holen sich meinen Rat», sagt Arn.

Überraschungen bei Huawei erlebt selbst Felix Kamer noch. Der erfahrene Telecommanager hat mitgeholfen, die Schweizer Ländergesellschaft aufzubauen. Er ist aktuell Vizepräsident von Huawei Schweiz und Chef der wichtigen Sparte Firmengeschäfte. Als Kamer Mitte 2014 einge­laden wird, am Hauptsitz in Shenzhen ein Managementseminar zu besuchen, staunt er nicht schlecht: Er muss den Kurs aus der eigenen Tasche berappen.

Der «anfängliche Schock» darüber legt sich während der Weiterbildung, die neun Tage am Stück dauert. «Ich fand mich in der Rolle des zahlenden Kunden wieder und war nicht mehr nur Kursteilnehmer», sagt Kamer. Eine gewisse disziplinierende Wirkung war die Folge. «Alle Kursbesucher erschienen pünktlich und blieben bis zum Schluss. Die Kursleiter waren gefordert, weil die Ansprüche der ‹Kunden› hoch waren.»

Weihnachtsfest mit Familie

Die Gemeinschaft spielt bei Huawei ebenfalls eine grosse Rolle. «Das hat einerseits mit dem chinesischen Kollektivgedanken zu tun», sagt Kamer. In Bezug auf die Schweizer Ländergesellschaft bedeutet das etwa: Zum jährlichen Weihnachtsfest sind nicht nur die Mitarbeiter eingeladen, sondern auch deren Lebenspartner und die Kinder. Andererseits verantwortet Huawei weltweit für Telecomanbieter komplexe In­frastrukturprojekte. «Da braucht es gemeinsame Anstrengungen, damit solche Aufträge erledigt werden können», sagt Kamer.

Teamarbeit ist deshalb in den Firmenrichtlinien als Grundwert festgehalten. Dabei treibt Huawei das «Zusammenspiel», so die wörtliche Übersetzung, sehr weit. Es gibt nicht nur einen Bonus, wenn ein Mitarbeiter seine individuellen Ziele erreicht. Huawei schüttet auch Boni für Teams aus, welche Projekte erfolgreich abgeschlossen haben.

Der Projektleiter entscheidet, wie er den finanziellen Anreiz verteilt. Es ist durchaus möglich, dass einzelne Teammitglieder leer ausgehen. Bei einem Schweizer Unternehmen würde ein Teambonus eher gleichmässig auf alle Mitglieder verteilt. «Wir bei Huawei diskriminieren nach Leistung», sagt Kamer.

Auch die Hierarchie funktioniert bei Huawei anders als bei westlich geprägten Betrieben. Die wichtigsten Unterschiede: Zuoberst im Organigramm stehen die Kunden- und Projektteams; die Kaderpositionen sind zuunterst. Eine feste Geschäftsleitung gibt es nicht. Stattdessen führen sogenannte Komitees die Geschicke des Unternehmens. Sie setzen sich jährlich aus ausgewählten Mitarbeitern neu zusammen und tagen jeden Monat einmal.

Komitees führen die Firma

Das Personalkomitee beispielsweise befindet über Beförderungen. Kamer hält diese Art der ­Organisation für transparenter als die westlichen Strukturen. «In Schweizer Firmen treffen wenige Verantwortliche im stillen Kämmerlein Personalentscheide. Bei uns im Komitee beteiligen sich ­alle an solchen Entschlüssen. Das führt zu kontroversen Diskussionen und hoffentlich besseren Entscheidungen.»

Ob fernöstliche oder westliche Firmenkultur – es gibt doch eine wesentliche Gemeinsamkeit: Huawei sei eine privatwirtschaftliche Firma, die auf Umsatz und Gewinn aus sei, sagt Kamer. «Da ist auch bei uns Pragmatismus ­gefragt.»

Fettnäpfchen lassen sich im Kontakt mit der chinesischen Kultur trotzdem nicht ganz vermeiden. Das musste Daniel Burri von der Swisscom erfahren. Als Gesamtprojektleiter für das Ausrollen der Übertragungstechnologie G.fast hat er als Kunde mit Huawei zu tun. Die Chinesen liefern der Swisscom Komponenten, um das Internet auf den herkömmlichen Kupferleitungen zu beschleunigen.

Vor sechs Jahren gab Burri nach dem Abschluss des ersten gemeinsamen Projekts den chinesischen Managern ein Feedback. Er nutzte dazu bei seiner Präsentation symbolisch Verkehrsampeln mit den Farben Rot, Orange und Grün, um die Zufriedenheit auszudrücken. Die meisten Ampeln standen auf Grün. «Dumm nur, dass in China Grün für Schlechtes steht und Rot für Gutes oder Glück», sagt Burri.

Es ist nicht das einzige Lehrgeld, das der heute 56-Jährige zahlen musste. «Kritik sollte ge­genüber Chinesen nicht direkt geäussert werden, weil der Kritisierte das als Gesichtsverlust empfindet.»

Doch es gibt auch Gepflogenheiten, die Burri schätzen gelernt hat. Im Reich der Mitte sei der persönliche Kontakt zum Verantwortungsträger wichtig. Handelspartner gingen zuerst zusammen essen, um sich näher kennen zu lernen. Erst dann rede man übers Business. «Das ist eine Art, die mir gefällt», sagt Burri.

Im Westen ist es genau umgekehrt: Nach einem erfolgreichen Vertragsabschluss gehen die Geschäftspartner essen, um gehörig zu feiern.

Berner Zeitung

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