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Eine Reise im Kriegssommer«Bei der Abfahrt heizten und rauchten die Pneus»

Margreth Bösiger-Uetz radelte 1943 mit ihrer Pfadfinderinnengruppe mitten durch das Reduitgebiet. Eine Reise, welche die Thunerin nie vergessen wird.

Trotz der Vorbehalte ihres Schuldirektors konnten die Pfadfinderinnen der Gruppe Hohwacht Langenthal 1943 zum Sustenpass reisen.
Trotz der Vorbehalte ihres Schuldirektors konnten die Pfadfinderinnen der Gruppe Hohwacht Langenthal 1943 zum Sustenpass reisen.
Foto: zvg

Länder und Kulturen entdecken – für viele eine grosse Leidenschaft. 2020 haben wir gelernt, dass solche Erlebnisse nicht selbstverständlich sind. Und während die meisten von uns zu Hause sitzen und auf bessere Zeiten warten, haben wir gedacht, es wäre schön, wenigstens in Gedanken wieder aufzubrechen. Und hier kommen Sie ins Spiel, liebe Leserinnen und Leser: Erzählen Sie uns von der Reise Ihres Lebens. So wie Margreth Bösiger-Uetz aus Thun. Die heute 92-Jährige machte vor 77 Jahren, mitten im Zweiten Weltkrieg, eine Reise mit ihrer Pfadfinderinnengruppe – gegen die Konventionen der Zeit.

Eine Velotour mit Hindernissen

Im Sommer 1943 war ich in der neunten Klasse und Mitglied der Pfadfinderinnen Hohwacht Langenthal. Trotz Krieg durften ich und sechs weitere Mädchen in unseren Schulferien eine achttägige Velotour zum Sustenpass machen – mitten ins Reduitgebiet. Mit diesem hatte ich auch eine persönliche Verbindung. Mein Vater war Kommandant im Reduit. Wo genau, durften ich und meine Familie nicht wissen – es herrschte Spionagegefahr. Wir haben ihn jeweils wochenlang nicht gesehen. Auch während dieser Reise nicht, unser Ziel war nämlich der Besuch der Passstrasse am Sustenpass. Diese befand sich damals gerade im Bau. Sie verbindet heute die Kantone Uri und Bern.

Dass wir diese Reise als Frauengruppe überhaupt machen durften, war eine grosse Ausnahme. Mädchen sah man damals eher im Haushalt als in der Pfadi. Kommt dazu, dass wir in unseren Ferien noch einige Wochen Landdienst zu leisten hatten. Im Krieg, als viele Bauern in die Armee eingezogen wurden, brauchte es zusätzliche Hilfskräfte auf den Feldern.

Ich erinnere mich noch genau, wie wir Mädchen ins Büro unseres Schuldirektors zitiert wurden. Er warnte uns eine nach der anderen, dass wenn unsere Noten auch nur einen halben Punkt sinken würden, es das gewesen sei mit der Pfadi. Von unserer Velotour konnte er uns jedoch nicht abhalten. Unsere Reise habe ich Tag für Tag in meinem Tagebuch festgehalten.

Von Langenthal aus führte uns unsere Tour an den ersten drei Tagen mit dem Rad, dem Zug und zu Fuss zuerst nach Fiesch und von dort aus nach Guttannen. Dies war ein Zentrum für sogenannte Strahler – Kristall- und Mineraliensucher. Ein Bergführer zeigte uns seine Bergkristalle, und wir lauschten seinen spannenden Geschichten. Am nächsten Tag radelten wir hinunter nach Innertkirchen. Das war umständlicher, als man es sich vielleicht heute vorstellt. Die Strassen waren kaum geteert, und die meisten unserer Fahrräder hatten Rücktritt. Durch das viele Bremsen bei der Abfahrt heizten und rauchten die Pneus unserer Velos, und wir mussten des Öfteren am Strassenrand eine Pause machen. Auf unserem Weg trafen wir kaum Autos an. Lediglich Militär- und Krankenwagen sowie Postautos waren zu Kriegszeiten unterwegs. In Innertkirchen wurden unsere Fahrräder am Bahnhof Richtung Wassen verladen, und wir reisten weiter nach Gadmen. Zu Fuss erreichten wir von dort das Berghotel Steingletscher unterhalb des Sustenpasses. Ein Strassenbauingenieur führte uns am darauffolgenden Tag zu den verschiedenen Baustellen an der Passstrasse. Dort arbeiteten Schweizer und internierte Männer zusammen, es war harte Arbeit – auch gefährliche. Die Strasse musste dem Felsen abgerungen werden, sodass die Kurven spezielle Namen erhielten, wie Haarnadelkurve, Teufelskurve, Himmelskurve – leider gab es auch Todesfälle.

Auch den 1. August verbrachten wir dort. Grosser Besuch wurde erwartet: ein Gast aus dem Bundeshaus. Bundesrat Eduard von Steiger eröffnete die Feier. Er dankte den Arbeitern, dem Ingenieur und den Helfern aus dem Tal. Die Schweizer Fahne flatterte im Bergwind, die Militärmusik spielte die Schweizer Hymne. Wir sangen mit, und Dankbarkeit ergriff uns. Damals wusste niemand, ob die Schweiz nicht doch noch angegriffen wird. Da hatte das «Heil dir, Helvetia!», wie es in der damaligen Nationalhymne hiess, noch eine Bedeutung. An unserem letzten Tag stiegen wir frühmorgens zur Passhöhe auf. Zum Abschied wanderten wir durchs Meienthal – mit sommerlichen Blumenwiesen – nach Wassen, wo wir unsere Fahrräder am Bahnhof wiederfanden. Auf Wiedersehen Kirche von Wassen hiess es dann im Zug Richtung Luzern. Müde, aber glücklich und dankbar, dass wir diese spezielle Reise in der Kriegszeit machen durften, trafen wir wieder zu Hause in Langenthal ein.

Margreth Bösiger-Uetz, Thun

1 Kommentar
    Ernest

    Wunderbar zu lesen!

    Ich hoffe und sehne mich, dass die in diesem Artikel reflektierten Werte unserer Schweiz wieder mehr beachtet und geschätzt werden.

    TV, Radio und Presse überbieten sich geradezu, jeden Tag beängstigendes rund um die Welt berichten zu können - medial ausgelebte Globalisierung der permanenten Verbreitung von Schreckensnachrichten.

    Daher habe ich alle diese sensationsgeilen News-Apps gelöscht, lebe seither signifikant positiver und freue mich einmal mehr über solche wohltuende. Berichte, wie dieser es ist.

    Bitte noch mehr solche Beiträge!