«Behindert ist nur ein Wort»

Ausgabe 15.10.2013

Eine Behinderung ist ein Tabuthema, darüber wird in der Gesellschaft nicht geredet – oft nicht. Wir sehen Menschen mit einer körperlichen Behinderung, aber sie sind den «Normalen» fremd. Doch sie sind genauso Menschen wie wir. Aleksandar Maksimovic gibt dem PFEFFER einen Einblick in seinen Alltag als Jugendlicher mit einem Handicap.

Aleksandar Maksimovic: «Behindert ist nur ein Wort, damit ist nicht ja nicht die Person gemeint.»

Aleksandar Maksimovic: «Behindert ist nur ein Wort, damit ist nicht ja nicht die Person gemeint.»

(Bild: zvg)

Was ist normal? Und was ist behindert? Um diese Fragen macht sich Aleksandar Maksimovic keine grossen Gedanken. Der 20-Jährige bezeichnet sich als normal. «Ich kann genauso sein wie jeder andere.» Aleksandar ist im letzten Jahr in der Ausbildung zum Kaufmann. In seiner Freizeit fährt er gerne Handbike, hört Musik oder trifft sich mit Freunden. Zwischendurch geht er auch gerne in den Ausgang. Und doch sind manche Dinge anders. Denn Aleksandar hat eine körperliche Behinderung. Er ist Paraplegiker, das heisst, er kann seine Beine nicht bewegen.

Als er ein Baby war, zerstörte ein Tumor die Nervenverbindung zu den Beinen, seitdem braucht er einen Rollstuhl. Diese Tatsache führt zu gewissen Einschränkungen in seinem Leben. Unter der Woche wohnt Aleksandar in der Stiftung Rossfeld in Bern, dort wohnt er und macht auch seine Ausbildung.

Auto macht ihn unabhängig

Eine Einschränkung betrifft zum Beispiel Regale: Ab einer gewissen Höhe erreicht er sie nicht mehr. «Aufstehen kann ich ja nicht», sagt Aleksandar. Auch Orte ohne Behinderten-WC gebe es zu häufig. Wenn er den Zug benutzen will, muss er sich immer vorher anmelden, und ein Bus ohne Rampe ist ein Problem. Darum fährt Aleksandar inzwischen Auto. «Das funktioniert alles per Handgetriebe», erklärt er stolz. So kann er auch spontan entscheiden, ob er jetzt an einem Ort noch länger bleiben will oder nicht. «Das Auto hat für mich eine grosse Bedeutung.» Auch in der Berufswahl war er eingeschränkt. «Es gab für mich nur Elektronik oder das KV», erinnert er sich. Aber ihm gefällt seine Arbeit, und es gibt viele Möglichkeiten, sich weiterzubilden.

Aleksandars Ziel ist es, möglichst selbstständig zu sein. «Ich will möglichst viel selber machen», sagt er selbstbewusst. Später möchte er in einer eigenen Wohnung leben und in einem normalen Betrieb arbeiten, nicht in einer Institution mit Betreuung wie dem Rossfeld.

Behindert oder behindert?

Aleksandar ist nicht wütend oder verzweifelt wegen seiner körperlichen Behinderung. «Ich kenne ja nur dieses Leben.» Für andere, die nicht von Anfang an körperlich behindert waren, sondern vielleicht einen Unfall hatten, ist es schwieriger. «Das sind die Leute, die es wirklich schwer haben», meint er nachdenklich. «Ich kann verstehen, dass sie damit Schwierigkeiten haben und vielleicht wütend sind.»

Unter Jugendlichen benutzt man den Ausdruck «behindert» abschätzig für ein dummes Verhalten. Aber für Aleksandar ist das kein Problem: «Wieso sollte mich das verletzen? Ich fühle mich ja nicht behindert.» Er benutzt das Wort in diesem Sinne auch selber. Wenn andere Leute jammern, dass sie das Wort behindert verletzt, versteht er das nicht. «Behindert ist nur ein Wort, damit ist nicht ja nicht die Person gemeint.»

Sich aufregen ist sinnlos

Es gibt aber trotzdem Momente, wo er wütend wird, zum Beispiel wenn etwas mit dem Rollstuhl nicht funktioniert. Dann kommen Gedanken wie: «Wieso geht das nicht, warum ist das nicht rollstuhlgängig, warum bin ich so?» Aber er beruhige sich auch wieder schnell. Sich so aufzu-regen, sei sinnlos, und am Schluss gebe es immer wieder einen Weg.

Manchmal lacht Aleksandar auch selber über seine körperliche Behinderung: «Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Darum kann ich darüber lachen.» Gesundheit betrifft aus seiner Sicht nicht nur das Körperliche, sondern auch das Seelische oder gar das soziale Umfeld. Wenn beides ausgewogen sei, sei die Person gesund, auch wenn sie körperlich behindert sei.

Behinderte und «Normale»

Seine körperliche Behinderung ist eher für andere Menschen ein Problem. Einmal war Aleksandar mit einem Kollegen in Bern im Ausgang. Aber als sie in den Club wollten, durfte Aleksandar nicht rein. «Die Securitymitarbeiter meinten, dass sie kein Problem mit einem körperlich Behinderten hätten, sondern mit dem Rollstuhl», erinnert sich Aleksandar. «Aber ich bin auf den Rollstuhl angewiesen, er ist ein Teil von mir.» Jeweils von Montag bis Donnerstag seien Rollstühle erlaubt, am Wochenende aber unerwünscht. «Ich fühlte mich verarscht, wir leben immerhin im Jahr 2013», ärgert sich Aleksandar.

Manchmal schauen ihn andere Leute auch komisch an, aber daran hat er sich inzwischen gewöhnt. «Ich denke dann einfach, ‹jaja, ich weiss, dass ich gut aussehe›», meint er verschmitzt. Solange sie ihn in Ruhe liessen und keine dummen Fragen stellen würden, sei es ihm egal. Bei Kindern verstehe er es aber, diese seien einfach neugierig. Schlecht findet er es aber, wenn die Kinder Fragen stellen wollen und von den Eltern davon abgehalten werden. «Wieso nicht, es ist doch nicht tolerant, wenn man sagt: ‹Du darfst nicht fragen›», sagt er kopfschüttelnd. Kindern sollte man ehrlich antworten, so hätten sie auch keine Angst oder Scheu.

Helfen schon, aber

Aleksandar will wegen seines Handicaps nicht irgendwie bevorzugt oder schonend behandelt werden. Aber es sei normal, dass es Unsicherheiten gebe. Wenn ihn Leute fragen, ob er Hilfe brauche, etwa an einem steilen Hang, störe ihn das nicht. Aber wenn jemand, ohne zu fragen, einfach an seinem Rollstuhl schiebe, sei das für ihn nicht angenehm. «Dann fühle ich mich wie ein Idiot», entrüstet sich Aleksandar. «Das ist respektlos, auch wenn es gut gemeint ist.» Er will selber entscheiden, wann er Hilfe braucht und wann er es alleine schaffen kann.

Viele Leute wissen nicht, wie sie mit Menschen mit einer körperlichen Behinderung umgehen sollen, aber das ist nicht allein ihre Schuld. «Es ist auch an den Betroffenen, auf die Leute zuzugehen. Beide Seiten müssen aktiv werden, damit sich etwas ändern kann.»

Miriam Lenoir (19) besucht die Fachmittelschule in Thun und wohnt in Einigen. Sie liebt ihren Drahtesel und mag Begegnungen mit interessanten Menschen. Ausserdem ist sie ein nimmersatter Bücherwurm mit einer Vorliebe für Schokolade.

Thuner Tagblatt

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt