Barcelona kämpft mit sich selbst

Spaniens Meister steckt in einer Krise. Nicht nur spielerisch. Und nicht nur wegen Messis Verletzungen.

  • loading indicator

Theoretisch macht er nur das, was alle wollen. Nur ertragen tun es die wenigsten. Gerard Piqué ist einer, der ziemlich direkt sagt, was er denkt. Es dürfte ihm bewusst sein, dass er polarisiert, scheint das sogar zu geniessen. Gerade das macht es für viele noch schwerer, ihn zu mögen. Dazu ist er äusserst talentiert, (erfolg)reich, offenbar recht intelligent, mit einem Weltstar namens Shakira verheiratet. Ausserhalb Kataloniens hat der Innenverteidiger des FC Barcelona viel mehr Feinde als Freunde. Und jetzt knöpft er sich noch seine eigenen Leute vor.

Dafür musste er etwas warten. Denn Piqué stichelt zwar gerne, aber normalerweise nur nach Siegen. Davon gab es Anfang Saison etwas weniger als gewohnt. Zwei Niederlagen und ein Remis in den ersten fünf Spielen bedeuteten den schlechtesten Start der letzten 20 Jahre. Also wartete er, bis nach dem 2:1-Heimsieg gegen Villarreal am 6. Spieltag. Da sagte Piqué: «Diese Saisonvorbereitung hat uns nicht wirklich geholfen.»

Tatsächlich begannen die Barça-Spieler eine Woche später als die Konkurrenz, reisten dann zuerst nach Japan, kamen für ein paar Tage zurück, bevor in den USA zwei Spiele gegen Napoli stattfanden. Eines in Michigan, nahe an der kanadischen Grenze, danach in Miami, ganz im Süden. Weil es zu heiss war, mussten in Florida Trainings gestrichen werden. Im Wissen, was bald auf ihn einprasseln dürfte, ergänzte Piqué: «Aber bei uns werden keine Ausreden akzeptiert.»

Chaos? Machtfrage?

Das wurden sie wirklich nicht. Die Sportpresse in Barcelona reagierte entrüstet, die Zeitungen in Madrid nahmen diese Reaktionen genüsslich auf, titelten von einem «Chaos» beim Erzrivalen. Am meisten Aufsehen erregte ein Artikel bei «Mundo Deportivo», einer von zwei dem Verein sehr nahe stehenden Zeitungen, in dem erklärt wird, wie es den Barça-Spielern gelang, die Macht im Verein an sich zu reissen. Das gehe von Lustlosigkeit bei Lauftrainings bis zum Verhindern von Transfers, die den Grössen gerade nicht in den Kram passen sollen. So sei Piqué dafür verantwortlich gewesen, dass sich Abwehrtalent Matthijs de Ligt für einen Wechsel zu Juventus statt zu Barcelona entschieden habe. Piqué soll ihm in Angst um den eigenen Stammplatz von Barça abgeraten haben.

Irgendwie schien es kein Thema zu sein, dass in der Kritik des streitbaren Abwehrchefs auch Wahrheit stecken könnte. Dass auch Barças Schönspieler eine physische Basis brauchen, um Erfolg zu haben. Neben dem Ausfall von Schlüsselspieler Lionel Messi, der aussergewöhnlich viele Muskelprobleme hatte in den vergangenen beiden Monaten, ist das schwache bis inexistente Pressing ein Faktor für die spielerische Baisse. Zu guten Zeiten wurde der Gegner nach Barças Ballverlust von einer rot-blauen Welle überrollt, jetzt gelingt es auch den Aufsteigern Osasuna und Granada, sich mühelos und spielerisch zu befreien.

Nur das Budget ist top

Nur setzt Pressing eine gewisse Fitness voraus, die Barcelonas Spieler noch nicht richtig aufbauen konnten. Dem Verein war es wichtiger, nach der Asien-Tour in die USA zu reisen, weil so erstmals ein Budget von über einer Milliarde Euro präsentiert werden konnte. Die erste Quittung gab es mit dem schwachen Saisonstart. Für etwas Entlastung sorgte immerhin das 2:0 bei Getafe am Wochenende – der erste Auswärtssieg seit fünf Monaten.

Dass dennoch keine Ruhe einkehrt, dafür war dann Piqué im TV-Interview nach der Partie wieder zuständig. «Wir wissen genau», begann er, «wer all diese Artikel schreibt. Auch wenn in der Autorenzeile ein anderer Name steht.» Ein klarer Giftpfeil in Richtung Vereinsführung. Immerhin gab es aber noch ein Versöhnungsangebot: «Wir sollten zusammenhalten und uns nicht gegenseitig zerfleischen.» Dem Vernehmen nach sieht das Präsident Josep Maria Bartomeu ähnlich, und er soll Piqué für die nächsten Tage zum klärenden Gespräch eingeladen haben.

Und jetzt: Inter

Die Tonalität dieser Sitzung dürfte auch vom Champions-League-Spiel von morgen gegen Inter Mailand abhängen. Denn ein schlechtes Abschneiden in der Königsklasse würde auch den Verein schmerzen. Wenn etwas finanziell lukrativer ist als eine US-Tour, dann sind es die Honigtöpfe der Champions League.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt