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Grenzen des guten GeschmacksBackstreet Boys und andere Peinlichkeiten

Selbst die ach so kultivierte Kulturredaktion ist nicht frei von geschmacklichen Fehltritten. Die Enthüllung ihrer heimlichen Vergnügen.

Als Schlagzeuger einer Punkband musste unser Autor darauf achten, dass niemand von seiner Liebe für einen Song der Backstreet Boys erfährt. Hier zu sehen sind sie an einem Auftritt im Jahr 2006.
Als Schlagzeuger einer Punkband musste unser Autor darauf achten, dass niemand von seiner Liebe für einen Song der Backstreet Boys erfährt. Hier zu sehen sind sie an einem Auftritt im Jahr 2006.
Reuters

Backstreet Boys

Die 90er-Jahre waren ein verstörendes Jahrzehnt, auch was die Musik angeht. Zunächst jammerten Nirvana von ennet dem Atlantik allen schattigen Gemütern aus dem Herzen, und zugleich zündeten Eurodance-Produzenten auf dem europäischen Festland ein heimdiscotaugliches Euphoriefeuerwerk, ein Graus. Dann kam die Hochblüte der Boybands, der Gipfel der kommerziellen Verwertung in der Musikbranche. Boybands zielten auf die Kaufkraft pubertärer Mädchen, sie versammelten eine relativ diverse Gruppe junger, gecasteter Männer, da war für jede etwas drunter. Und die Mannen playbacksangen und tanzten zu seichter Popmusik. Das Genre stand für alles, was ich verabscheute. Als 1997 die Backstreet Boys ihren Überhit «Everybody (Backstreets back)» veröffentlichten, war ich Schlagzeuger der über die Region hinaus unbekannten Deutschpunk-Band Notlüge. Zu meinen bestgehüteten Geheimnissen gehört, dass mich diese verfluchten Backstreet Boys auf Schritt und Tritt verfolgten, weil dieser Song einfach unglaublich knackig war, ich konnte mich nicht dagegen wehren. Wenn das die Zuhörerinnen und Zuhörer meiner ohrenbetäubenden Trommelei gewusst hätten! (mfe)

Vampir-Romane

Es gab da diese Phase, in der ich Vampirromane nahezu verschlang. Nein, ich war nicht 16 Jahre alt, sondern immerhin schon fast 30. Angefangen hatte es wie bei so vielen mit «Twilight». Hach, war das erste Buch der Reihe romantisch! Wenn die Autorin Stephenie Meyer beschreibt, wie sich Bella und Edward langsam näherkommen, dann musste ich an meine eigenen ersten Schulliebeleien denken. Was war das damals aufregend und verstörend! Stundenlang konnte ich darüber nachsinnieren, wieso sich der Angebetete so oder so verhieltähnlich wie Bella dies tut.

Vampir-Romane wurden meine neue Passion. Aber irgendwann wurden die Neuerscheinungen in meinem Empfinden immer schlechter. Oder vielleicht wurde ich auch einfach älter. Jedenfalls läuft mir heute ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich in Buchhandlungen die zig Fantasy-Romane für junge Leserinnen sehe. So kitschig! So pubertär! Habe ich mich wirklich mal dafür begeistert? Nur gut, dass kaum einer von meiner peinlichen Spätjugendsünde weiss. (mjc)

«Germany’s Next Topmodel»

Ihr nennt es Guilty Pleasure, ich Sozialanthropologie – «Die Darstellung junger Frauen in Reality-TV-Shows» könnte der Titel meiner Studien lauten. Aber klar, «Germany’s Next Topmodel» ist verabscheuungswürdig, Intellektualisierung hin oder her. Wenn die «Mädchen» – so nennt Heidi Klum die Teilnehmerinnen ihrer Showirgendetwas nicht tun wollen, beispielsweise sich die Haare abschneiden lassen, sich vor der Kamera ausziehen oder sich an halb nackte Männermodels schmiegen, kommt Klums Mantra zum Einsatz: «Wenn du Model werden möchtest, musst du XY einfach tun.» Etwa so muss auch Harvey Weinstein argumentiert haben. Die Show vermittelt zudem das Bild, dass Frauen grundsätzlich Konkurrentinnen sind und Probleme nur mittels Zickereien lösen können. Und dass man alles erreichen kann, wenn man sich nur genug anstrengtwas im Umkehrschluss bedeutet, dass man sich einfach keine Mühe gegeben hat, wenn mal etwas nicht klappt. «Du musst selbstbewusster sein», sagt Klum dann gerne, als wäre Selbstbewusstsein etwas, das man mit einem Schalter an- oder ausknipsen könnte. (akn)

«Cocktail»

Es ist ein ganz und gar schrecklicher Film. Deshalb ist auch der Inhalt schnell erzählt: Brian Flanagan (Tom Cruise) kommt aus einem Vorort nach New York, um an der Wallstreet reich zu werden. Brian ist zwar aussergewöhnlich gut aussehend und hat eine einschmeichelnde Art, aber leider keinen Universitätsabschluss. Deshalb büffelt er tagsüber fürs Diplom als Finanzhai. Das Studium verdient er sich nachts als Barmann. Gemeinsam mit dem erfahrenen Barkeeper Douglas Coughlin (Bryan Brown) legt Brian dann aber eine sehr steile Karriere als Showmixer hin. In Jamaika wollen die beiden später eine eigene Bar eröffnen. Dort verliebt sich Brian in die Künstlerin aus reichem Haus Jordan Mooney (Elisabeth Sue).

Wie schrecklich der Film ist, zeigen folgende Fakten: «Cocktail» gewann in seinem Erscheinungsjahr 1988 die Goldene Himbeere als schlechtester Film des Jahres. Ein Kritiker schrieb, «Cocktail» sei eine Flasche Fusel in einer Dom-Perignon-Schachtel. Und die «New York Times» schrieb damals: «Es ist ein albernes romantisches Drama, das nur ein sehr junger, sehr naiver Barkeeper mögen könnte.»

Nun, ich war ein sehr naiver junger Mann, als ich den Film zum ersten Mal sah. Und ich muss voller Scham zugeben: Der Film beeinflusste meine jungen Jahre – ein bisschen. Diese «Alles-ist-möglich-Attitüde» im New York der späten 1980er-Jahre, der grenzenlose, dollargrüne Optimismus, den der Film versprüht, der Traum von einer Bar in der Karibik, das leichte, ungezwungene Leben eines Barkeepers: All das war ungemein reizvoll.

In Elisabeth Sue mit den braunen Hundeaugen habe auch ich mich gleich verliebt. Das intime und ziemlich dümmliche Gespräch zwischen ihr und Tom Cruise über Cocktail-Schirmchen in einer Strandbar ist mir noch lange in Erinnerung geblieben, wie auch die Sexszene unter dem Wasserfall. Und der Beach- Boys-Song «Kokomo» war lange der klangliche Stoff, aus dem meine naiven, meerblauen Zukunftsträume waren.

Der Film hat das Showmixen nicht nur weltweit richtig populär gemacht, sondern auch mich dazu gebracht, einen Barkeeper-Kurs zu besuchen, der sehr viel kostete, aber nur ein paar Tage dauerte. Die Ernüchterung kam bald: auch wenn ich später tatsächlich in einer Bar arbeitete. Was ich im Kurs gelernt hatte, konnte ich nie anwenden. Der Shaker kam nur für kalte Schokolade zum Einsatz. Sonst zapfte ich vor allem Bier. (mbu)

Die Kunstbanausin

Ich fühle mich geschmacklich eigentlich ziemlich stilsicher. Aber es gibt da einen blinden Flecken. Dabei handelt es sich um die Verzierung meiner Wände. Während es in meiner früheren WG noch ein als besonders ästhetisch empfundenes Ikea-Bild einer stilisierten Audrey Hepburn aus «Breakfast at Tiffany’s» tat, war es in meiner heutigen Küche lange ein am Kunstsupermarkt in Solothurn erstandenes Werk. Es zeigt stilisierte Sardellen in einer stilisierten Büchse auf einem eigenartig bordeauxroten Hintergrund. Weil auch noch eine kleine polnische Aufschrift auf die stilisierte Büchse aufgemalt ist, erschien es mir lange Zeit als besonders schick und exotisch. Mehrmals wurde ich von Besucherinnen und Besuchern darauf angesprochen, ob ich es selbst gemalt hätte. Ich empfand das als Kompliment. Bis mein Mann nach unserer Küchensanierung fand, mein Bild passe da nicht mehr so gut rein. Da dämmerte es mir. Das Bild steht nun in meinem Büro neben den gebastelten Sachen meiner Kinder. Mir gefällt es immer noch. (bol)