BMW baggert im Harley-Land

Mit der K 1600 B bringen die Bayern einen potenten Konkurrenten für die Dickschiffe von Honda und Harley-Davidson auf den Markt.

Vorne hoch, nach hinten abfallend und integrierte Koffer: Stilistisch liegt die Bagger voll im Trend. Foto: PD

Vorne hoch, nach hinten abfallend und integrierte Koffer: Stilistisch liegt die Bagger voll im Trend. Foto: PD

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Töfffahrer sind aus der Sicht der meisten Nicht-Töfffahrer Menschen, die ein rätselhaftes Hobby betreiben, das erstens gefährlich ist und zweitens überflüssigen Lärm erzeugt. Um welches Motorrad es geht, ist dabei völlig egal. Biker hingegen wissen, dass ihre Welt in ganz unterschiedliche Fraktionen zerfällt, je nach der Art der Maschine. Und dass sich diese Fraktionen untereinander keineswegs alle grün sind, auch wenn sie sich auf der Strasse mit erhobener linker Hand grüssen. Ein Tourenfahrer, der gerne ausgedehnte Reisen unternimmt, hat mit dem Heizer, der in unbequemer Zwangshaltung über dem Tank seines Supersportlers hängt, nur wenig zu tun.

Erstaunlich leicht lenkbar

Und von der Cruiser-Fraktion denken die meisten anderen Motorradfahrer, dass man mit solchen unhandlichen Eisenhaufen sowieso nicht richtig Motorrad fahren kann. Die Japaner haben die Schwergewichtsklasse dieses Segments mit der Verschärfung der Abgasnormen aufgegeben, hier dominiert mit weitem Abstand Harley-Davidson. Neben der derzeit barocken Harley-Welt gibt es noch ein paar andere Dickschiffe. Honda hat nach 17 Jahren endlich eine komplett neue Goldwing herausgebracht, und dann gibt es natürlich auch noch BMW.

Dort hat man schon immer auch schwere Tourenmaschinen gebaut, an denen zwar technisch meist nicht viel auszusetzen war, die aber optisch, nun ja, nicht so die Hingucker waren. Doch inzwischen weiss man auch bei BMW, dass attraktives Design und eine emotionale Botschaft neue Kunden anlocken können. Also hat man dem Flaggschiff der Marke, dem Sechszylinder-Tourer nebst einigen technischen Veränderungen ein zusätzliches neues Gewand spendiert, oder besser gesagt: zwei neue Gewänder. Im Sommer 2017 kam die K 1600 B (das B steht für Bagger) auf den Markt, ein halbes Jahr später die K 1600 Grand America. Schon die Namen zeigen, welchen Markt man dabei vor allem Visier hat: die USA, das Harley-Land.

Vor allem die Bagger liegt vom Styling her voll im Trend: vorne hoch, mit einer abfallenden Linie nach hinten und ins Motorrad integrierten Seitenkoffern, aber ohne monströses Topcase (das die Grand America genauso wie viele Harleys hat). Wer zum ersten Mal vor einer Bagger steht, einem Koloss mit laut Werksangaben 336 Kilo Leergewicht, fragt sich unwillkürlich: Was macht man eigentlich, wenn einem das Ding umkippt? Die Antwort darauf ist auch ohne Praxistest einfach: Man wird in jedem Fall Helfer brauchen.

Doch sobald man den Startknopf gedrückt hat (den Zündschlüssel muss man bei so einem Motorrad natürlich nicht mehr ins Schloss stecken), weicht der ehrfürchtige Respekt sofort. Das Schwere wird plötzlich ganz leicht. Geradezu spielerisch, wie man es einem Motorrad mit diesen Dimensionen niemals zutrauen würde, lässt sich die Maschine dirigieren, bereitwillig folgt sie den Lenkimpulsen, stabil liegt sie auf der Strasse, ohne dabei schwerfällig zu wirken. Das Glanzstück ist ohne Zweifel der Motor. Sicher, 160 PS und 175 Newtonmeter maximales Drehmoment sind eine klare Ansage, dass hier Leistung im Überfluss zur Verfügung steht. Aber man muss diese Kraft auch richtig auf die Strasse bringen.

Geschmeidige Schaltung

Der Sechszylinder ist hier in jeder Hinsicht mustergültig. Er arbeitet praktisch vibrationsfrei, hat schon im Drehzahlkeller einen immensen Schub und gibt seine Leistung sanft und gleichmässig ab, ohne jemals angestrengt zu wirken. Der Kardanantrieb harmoniert ausgezeichnet mit diesem Triebwerk, es sind so gut wie keine Lastwechselreaktionen zu spüren. Auch das Getriebe leistet seinen Beitrag zu einem geschmeidigen Fahrerlebnis, was bei BMW keine Selbstverständlichkeit ist. Beim Bestseller, der grossen Reiseenduro 1200 GS, ist das immer wieder ein Kritikpunkt. Bei der K 1600 B arbeitet es einwandfrei, wozu auch der Schaltassistent beiträgt, mit dem man ohne kuppeln schalten kann, was die Gangwechsel noch flüssiger macht.

Selbst wer glaubt, mit so einer schweren Maschine werde es im Kurvengeschlängel heikel, wird eines Besseren belehrt. Auch schnelle Wechselkurven sind kein Problem, die Maschine bietet dabei überraschend viel Schräglagenfreiheit. Und auch die Angst vor steilen und engen Kurven bergauf erweist sich im Nachhinein als unbegründet. Bei vielen Motorrädern muss man da bis in den ersten Gang zurückschalten und aufpassen, nicht zu langsam zu werden, weil sonst die ganze Fuhre umkippen könnte. Doch die Bagger fährt stoisch und ruckfrei im zweiten Gang nach oben. Oben angekommen, braucht man sich nicht vor dem Rangieren zu fürchten – der hat ein aufpreispflichtiges Extra, für das vor allem die Goldwing berühmt ist: einen Rückwärtsgang.

Das alles hat natürlich seinen Preis. Bei der Bagger beginnt er bei 23300 Franken, bei der opulenteren Grand America gar bei 27'070 Franken. Und das lässt sich leicht noch um einige Tausend Franken nach oben schrauben. Damit bewegt man sich in der Zweirad-Luxusklasse. Nichts für Anfänger, Zielgruppe sind eher die arrivierten Silberrücken. Die bekommen für das Geld nicht nur eine Menge Motorrad. Sondern auch eine Menge Fahrspass.

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Erstellt: 22.08.2018, 17:59 Uhr

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