VW prüft Atlas-Varianten für den US-Markt

Volkswagen zeigt an der Monterey Car Week zwei Studien auf Basis seines Bestseller-SUV Atlas, damit zielt die Marke auf das grösste Absatzsegment in den USA.

Ein Riese: Der Tanoak misst 5,44 Meter und überragt den Atlas gar um 34 Zentimeter. Foto: PD

Ein Riese: Der Tanoak misst 5,44 Meter und überragt den Atlas gar um 34 Zentimeter. Foto: PD

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Nirgends in der Autowelt sind die Grenzen so weich und die Grauzonen so gross wie rund um den Concours d’Elegance in Pebble Beach in Kalifornien. Denn zwischen überrestaurierten Oldtimern, visionären Designstudien und aufwendig zurechtgeschnittenen Schönheiten kann man schnell die Orientierung zwischen den Welten verlieren. Daselbst bat VW jüngst zur ersten Testfahrt mit zwei Autos, die es so (noch) gar nicht gibt: Denn nur vier Monate nach der Atlas-Weltpremiere an der New York Motorshow flanieren in diesen Tagen die beiden Atlas-Studien Cross Sport und Tanoak über den 17-Miles-Drive und sollen dort ausloten, wie ein schnittiges Coupé und ein Mid-Size-Pick-up aus dem Werk in Chattanooga beim Publikum ankommen könnten.

Wie tief VW sich damit in die US-Volksseele einschmeicheln will, zeigt insbesondere der Tanoak. Als ebenso rustikaler wie robuster Pick-up bedient er schliesslich nicht nur das liebste Klischee, sondern vor allem das grösste Segment des US-Marktes. Dafür hat VW den modularen Querbaukasten, der eigentlich für die Golf-Klasse entwickelt wurde, bis ans Ultimo gedehnt: Stattliche 5,44 Meter misst der Pritschenwagen mit Doppelkabine und überragt sogar den Atlas um 34 Zentimeter. Und damit man auch in der zweiten Reihe noch halbwegs gut sitzen kann, wächst der Radstand um 28 Zentimeter auf in dieser Architektur noch nie da gewesene 3,26 Meter.

Natürlich sind die Lichtspiele an der Front und die LED-Inszenierung an der Ladeklappe überzeichnet, der Namenszug unter dem Kühler könnte auch ein bisschen dezenter ausfallen und die schwarzen Radläufe sind buchstäblich ein wenig dick aufgetragen – doch im Grunde gibt es vom 280 PS starken V6-Motor bis zum digitalen Interieur kaum etwas an der Studie, was nicht in Serie gehen könnte. Zumal VW mit einer Produktion im Atlas-Werk Chattanooga die leidige Chicken-Tax umgehen könnte, die den gewinnbringenden US-Import des Amarok mit einem Strafzoll von 25 Prozent unmöglich macht.

Cross Sport europatauglich?

Spätestens wenn die Studie den Strand von Pebble Beach entlangrollt, hat man den Amarok ohnehin vergessen. Obwohl noch ein Einzelstück und weitgehend von Hand gebaut, wirkt der Atlas-Pick-up viel komfortabler und kultivierter als der Amarok. Kein Wunder, bei einer selbsttragenden Karosserie und einem Fahrwerk, das eher auf Leistung als auf Lasten abgestimmt ist. Ausserdem fährt sich das Auto handlicher und ist natürlich – zumindest als Studie – viel besser ausgestattet. Denn von digitalen Instrumenten zum Beispiel können sie bei der Nutzfahrzeugsparte von VW derzeit nur träumen. Träumen müssen möglicherweise auch die Tanoak-Fans, denn US-Chef Hinrich Woebcken spricht derzeit nur von einem Gedankenspiel, mit dem VW zeigen will, wie ernst es der Marke mit den Amerikanern ist.

Doch es gibt ja noch eine zweite Atlas-Studie, für die Wolfsburg bereits grünes Licht und 340 Millionen Dollar zur Erweiterung des Werkes in Chattanooga gegeben hat – den Atlas Cross Sport. Um 25 Zentimeter gekürzt, mit fünf statt sieben Sitzen, die dank der um zehn Zentimeter versetzten Rückbank spürbar mehr Platz bieten, sowie einem etwas schnittigeren Heck bei trotzdem riesigem Kofferraum verspricht er mehr Sport als Utility und wird so zu einem Auto, an dem auch Europäer Gefallen finden können – zumal er mit 4,85 Metern selbst in unsere Parkplätze passen sollte. Sogar auf den aus gutem Grund nicht einmal erwähnten Diesel unter der Haube könnte man da gut verzichten. Nicht umsonst rollt der Showcar mit einem Plug-in-Hybridtrieb. Weil es neben dem 280 PS starken VR6- Motor noch zwei E-Maschinen mit 75 PS vorn und 115 PS hinten gibt, hat der Cross Sport Allradantrieb und kann bis zu 70 Kilometer ohne Verbrenner fahren.

Atlas als Rettungsanker

Zwar wird es noch ein bisschen dauern, bis der Cross Sport in den USA auf die Strassen rollt. Aber die Wolfsburger wären schlecht beraten, wenn sie nicht auch den Tanoak auf den Weg brächten. Denn nach wie vor kommt kein Auto in Amerika so gut an wie ein Pick-up, und keine Marke kann den Zuspruch der Amerikaner so gut gebrauchen wie der vom Dieselskandal gebeutelte VW-Konzern. Zumal sich der Atlas für die Deutschen in Amerika ohnehin als Glücksfall erwiesen hat: Während Passat und Jetta unter dem Niedergang der Limousinen leiden und der neue Tiguan noch nicht so richtig präsent ist, sieht man den grossen Geländewagen tatsächlich an jeder Ecke – kein Wunder, weil VW innert zweier Jahre immerhin 100'000 Autos verkauft hat, derzeit jeden Monat 6000 dazukommen und es bald noch mehr werden könnten, wenn der Cross Sport oder gar sogar der Pick-up in Serie gehen.

Dieser Erfolg macht mittlerweile andere Märkte neidisch, zumal es den Atlas als Terramont auch in China gibt. Deshalb hört man selbst aus Deutschland erste Stimmen, die sich den Atlas für die Autobahn wünschen. Vielleicht nicht das Standardmodell, weil das mit seinen knapp 5,10 Metern womöglich ein bisschen lang ist. Und vielleicht erst recht nicht den 5,44 Meter langen Pick-up, weil der Markt für zwei Pritschenwagen aus Wolfsburg womöglich noch zu klein ist und es zumindest eine Zeit lang noch den Amarok gibt. Aber der Cross Sport könnte zur ebenso eleganten wie preiswerten Touareg-Alternative werden, hört man aus dem Wolfsburger Vorstandsbau. Gut möglich also, dass der Atlas demnächst den ganzen Globus kennen lernt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2018, 18:25 Uhr

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