Herzensbrecherin

Mit der Giulia mischt Alfa Romeo endlich wieder in der Mittelklasse mit. Design und Handling stimmen, und der stärkere Diesel mit 180 PS spielt seine Rolle mit Verve. Abzüge gibt es in der B-Note.

  • loading indicator

Die Begeisterung war zu Beginn riesig. So unsäglich lange hatte die Durststrecke gedauert, dass die Rückkehr von Alfa Romeo in die Mittelklasse an sich zum Ereignis wurde und die Giulia mit dem Nimbus einer Erlöserin antrat.

Unterdessen ist ein halbes Jahr rum, die ersten knapp 500 Giulias sind in der Schweiz verkauft und das Auto, das so lange Projektionsfläche und Sehnsuchtsobjekt war, muss sich im Alltag gegen Audi, BMW und Mercedes beweisen.

Im Vorgarten genau dieser Konkurrenten hat die rassige Italienerin jüngst einen nicht unbedeutenden Triumph verbucht. Die Leser der deutschen «Auto-Bild» wählten die Giulia zusammen mit Experten zum schönsten Auto und hängten ihr das goldene Lenkrad um.

Nicht nur Romeo verfällt also seiner schönen Nachbarin. Auch die Herzen von Horst, Rüdiger und Uwe fliegen der gebürtigen Capulet zu.

Souverän und sanftmütig

Aber Scherz und Shakespeare beiseite. Das Design vermerken wir auch in unserem Alltagstest auf der Plusliste. Zwar sieht unser Testwagen mit dem 2,2-Liter- Turbodiesel und 180 PS nicht ganz so scharf aus wie die Quadrifoglio-Version, der 510 PS starke BMW-M3-Jäger. Aber die Proportionen sind ausgewogen.

Der ikonische Kühlergrill und die schmalen Scheinwerfer lassen die Giulia souverän und sanft­mütig zugleich blicken. Das Heck wirkt schön gerafft, mit sauber eingebundenen Leuchten.

Stilsicher und eigenständig ist die Formensprache auch innen, wo sich das Armaturenbrett gegen den Fahrer öffnet und über den ­Beinen der Beifahrerin verjüngt. Auch der rahmenlose Navigationsbildschirm gefällt uns gut, wenngleich er potenzielle Anzeigefläche verspielt.

Trotz allem melden sich Vorbehalte: Ist es das Leder, sind es die Kunststoffe, ist es das Finish? Die Qualitätsanmutung im fast 65 000 Franken teuren Testgefährt (bei einem Basispreis von 47 350 Franken) löst die Erwartungen nicht ganz ein.

An der Bedienung liegt es nicht. Einfache Drehregler, wenig Knöpfe, ausser auf dem sportlichen, unten abgeflachten Lenkrad – das passt. Dass der Screen nicht auf Berührungen reagiert, wirkt vormodern, ist aber in der Praxis nicht gross von Bedeutung. Wer während der Fahrt schon an Touchscreens herumgefummelt hat – entgegen der gesetzlichen Vorschrift –, weiss warum.

Der Vierzylinder vorne unter der Haube ist eine Neuentwicklung, der erste Diesel von Alfa Romeo, der komplett aus Aluminium gefertigt wurde. Das macht ihn leicht und spart Sprit. Und auch die Direkteinspritzung und ein Turbolader mit einstellbaren Schaufelrädern sollen die Effizienz steigern. Vom Resultat sind wir dann aber nicht restlos überzeugt.

Lässt man den Drehregler im sparsamsten der drei Fahrmodi, ist die Giulia eine liebestrunkene Tagträumerin, mit einer grossen Anfahrtsverzögerung und ohne Aggressivität. Das wäre an sich nicht schlimm – wer den Diesel kauft, muss ja nicht zwingend jede Kurve jagen. Aber die durchschnittlich 7,6 Liter, die wir entgegen der Werksangabe laut NEFZ von 5,3 Litern im Bum­melmodus verbrauchen, sind schlicht zu viel.

Das Handling: eine Wucht

Eine andere Wende nimmt das Drama, wenn man den Drehregler auf Sport stellt und die Giulia ihr Temperament entfalten lässt. Dann kommt sie zügig aus den ­Puschen, hängt direkt am Gas und schwächelt erst beim Durchzug wieder etwas. Das Handling ist bei alledem eine Wucht. Die ausgewogene Gewichtsverteilung und eine hohe Karosseriesteifigkeit mögen daran ihren Anteil haben.

Vor allem aber haben die Italiener mit dem Alfa Active Suspension eines der derzeit besten Fahrwerke auf dem Markt gebaut. Und auch die Lenkung fällt nicht ab. Der Hersteller behauptet, es sei die direkteste im Marktumfeld.

Unter dem Strich fühlt sich diese Diesellimousine sportlicher an als alles, was sonst so mit einem 180-PS-Selbstzünder herumrollt. Dass es auf den Rücksitzen ein bisschen eng zugeht, die Übersicht mässig und die Abmessungen schwer einzuschätzen sind und dass Alfa die gängigen Assistenten anbietet (wenn auch nicht ganz so vollständig wie die deutsche Konkurrenz), wollen wir hier alles nicht vertiefen.

Bei Romeo und Giulia geht es schliesslich um Emotionen. Gut, am Ende sind beide tot. Wer sagt aber, dass die Geschichte nicht auch anders ­laufen kann?

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt