«Boom bei Elektroautos erfolgt Ende 2019»

Auto-Schweiz-Direktor Andreas Burgener hält den heutigen Marktanteil von Elektrofahrzeugen in der Schweiz für «ernüchternd», sieht aber Steigerungspotenzial.

Andreas Burgener: «Es geht langsam aufwärts.» Foto: Ruben Wyttenbach

Andreas Burgener: «Es geht langsam aufwärts.» Foto: Ruben Wyttenbach

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Andreas Burgener, blättert man die Schlagzeilen der Medien durch, könnte man meinen, die ganze Autowelt stünde unter Strom. Sehen Sie das auch so?
Elektromobilität ist ein grosses mediales Thema, keine Frage. Die Realität, also die Marktanteile elektrischer Fahrzeuge, sieht aber heute noch ernüchternd aus. Aber wir gehen davon aus, dass sich das in den kommenden Jahren rasant ändern wird. Nicht umsonst wollen wir mit unserem 10/20-Ziel einen Marktanteil an Elektroautos und Plug-in-Hybriden von 10 Prozent im Jahr 2020 erreichen.

Energieeffiziente Autos mit einem maximalen Ausstoss von 95 Gramm CO2 will auch der Bund mit seiner Kampagne co2tieferlegen.ch promoten. Ist dies der richtige Ansatz?
Da die Politik absolute Grenzwerte, wie 95 Gramm CO2 pro Kilometer, vorschreibt, ist dies der bessere Ansatz als die Energieetikette. Und natürlich befürworten wir Anstrengungen der Verwaltung, welche helfen, unser Ziel 10/20 zu erreichen.

Der Marktanteil rein elektrischer Fahrzeuge in der Schweiz lag nach dem ersten Halbjahr erst bei 1,5 Prozent gegenüber 1,3 Prozent im Vorjahr. Hätten Sie mehr erwartet?
Nicht unbedingt. Einen richtigen Schub bei Elektroautos wird es erst in den kommenden beiden Jahren geben, wenn viele neue Modelle vieler unterschiedlicher Hersteller auf den Markt kommen. Heute ist die Modellauswahl noch überschaubar, aber es sind schon gute Autos dabei.

In absoluten Zahlen sprechen wir von 2404 neu zugelassenen Stromern von Januar bis Ende Juni. Weshalb kommen die lautlosen Fahrzeuge in der Schweiz nicht vom Fleck?
Weil die Rahmenbedingungen noch nicht ideal sind. Die öffentlich verfügbare Ladeinfrastruktur wächst zwar, aber nur langsam und für viele nicht sichtbar. Zudem sind E-Fahrzeuge noch teurer als vergleichbare Modelle mit Verbrennungsmotor. Das liegt an den hohen Entwicklungs- und Batteriekosten. Auch die Reichweiten mit einer Akkuladung sind noch nicht da, wo viele Kunden sie gerne hätten. All diese Schwierigkeiten werden in den kommenden Jahren überwunden.

Klarer Leader bei den alternativen Antrieben ist der Benzin-Hybrid, der seine Marktanteile von 3,3 Prozent auf 4,2 Prozent steigerte. Weshalb setzen Herr und Frau Schweizer lieber auf den kombinierten Antrieb aus Stromer und Verbrenner?
Sie haben den Vorteil der grossen Reichweite des Verbrenners, können Energie durchs Bremsen rückgewinnen, und, gerade im städtischen Bereich, rein elektrisch fahren. Derzeit sehen wir vor allem bei den Plug-in-Hybriden ein starkes Wachstum. Hier gab es in den ersten sechs Monaten über 40 Prozent mehr Immatrikulationen als im Vorjahr.

Das erstaunt, denn gerade beim Plug-in-Hybrid haben unabhängige Tests gezeigt, dass der theoretische Wert im realen Betrieb nicht zu erreichen ist.
Die Herstellerangaben beruhen heute immer noch zu grossen Teilen auf dem alten Messzyklus NEFZ. Dieser ist weit entfernt vom echten Fahren auf der Strasse. Deshalb wird er vom neuen WLTP-Zyklus abgelöst.

«Man muss sich die Frage stellen: Für welche Strecken wird das Fahrzeug meist eingesetzt?»

Und was heisst das für den Konsumenten?
Da die neuen Tests länger dauern, dynamischer und mit einer höheren Durchschnitts- und Höchstgeschwindigkeit und mit effektivem Fahrzeuggewicht durchgeführt werden, sind realistischere Werte das Resultat. Die Abweichungen zwischen Strasse und Datenblatt werden bei den WLTP-Werten deutlich geringer.

In der Schweiz befindet sich der Diesel weiter im Sturzflug: minus 19,1 Prozent im ersten Halbjahr. Ist das ungerecht?
Definitiv. Modelle mit der neuesten Abgasnorm (Euro 6d-Temp) sind sehr sauber und haben mit der älteren Technik nichts mehr zu tun. Wir sehen auch erste Gegenbewegungen im Markt. Bei einigen Herstellern steigt der Dieselanteil bei Neubestellungen wieder spürbar an.

Und warum schafft es der relativ günstige Erdgasantrieb nicht aus der Nische?
Das ist eine gute Frage und hat wahrscheinlich mit der Angst zu tun, mit Gastanks im Auto herumzufahren. Die Explosionsbefürchtungen sind aber bei CNG (Compressed Natural Gas) unbegründet. Gerade für Vielfahrer wäre der Gasantrieb finanziell sehr spannend, zudem gibt es zahlreiche Tankmöglichkeiten.

Welchen Rat geben Sie Unentschlossenen, die sich nicht zwischen den verschiedenen Antrieben entscheiden können?
Man muss sich die Frage stellen: Für welche Strecken wird das Fahrzeug grösstenteils eingesetzt? Wenn man viel Langstrecken fährt und flexibel bleiben will, ist ein Diesel- oder Gasauto sicher die günstigste Wahl. Als Pendler entlang derselben Strecke kann je nach Distanz ein Elektroauto oder Plug-in-Hybrid interessant werden, sofern man bei der Arbeit oder zu Hause eine Lademöglichkeit hat. Für diejenigen, die mit dem Auto wenig unterwegs sind, bietet sich ein Benziner oder ein Hybrid an.

Bis 2020 soll jeder zehnte neue Personenwagen, der in der Schweiz oder in Liechtenstein immatrikuliert wird, ein Elektroauto oder Plug-in-Hybrid sein. Glauben Sie noch an das Erreichen Ihres Ziels?
Selbstverständlich. Uns ist aber auch bewusst, dass der richtige Anstieg erst Ende 2019 kommen wird, wenn viele neue Modelle verfügbar sind. Im ersten Halbjahr 2018 lagen wir immerhin bei 2,8 Prozent Marktanteil, nach 2,2 Prozent im Vorjahr. Es geht also langsam aufwärts.

Warum sind Sie so zuversichtlich?
In den nächsten Monaten kommen attraktive E-Modelle auf den Markt – vom praktischen Kleinstwagen über elegante Limousinen bis zum sportlichen SUV. Zudem werden die Preise konkurrenzfähiger, und die Reichweiten wachsen ebenso wie die Anzahl Ladestationen. Und elektrisch fahren macht einfach Spass.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2018, 19:14 Uhr

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Andreas Burgener

Der Direktor von Auto-Schweiz, der Vereinigung Schweizer Automobil-Importeure fährt einen Kia Stinger, fliegt Delta und Gleitschirm und träumt von einer KTM Duke. Sein erstes Auto war ein Citroën GS, sein Traumauto ist der Alpine A110. (red)

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