Ausdauersportler mit zwei Sternen

Würde Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes MP 4-16 von 2001 beim kommenden Grand Prix von Monaco vorn mitfahren? Kaum. Vor 100 Jahren aber siegte ein Mercedes GP – 13 Jahre nach seinem ersten Start.

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Der Mercedes-GP-Rennwagen von 1914 fuhr bis 1927 Siege heraus, während sich die Autotechnik damals nicht unbedingt langsamer entwickelte als heute. Sonst wäre Carl-Friedrich Benz im Jahr 1920 wohl auch nicht mit folgendem Spruch verewigt worden: «Das Auto ist fertig entwickelt. Was kann noch kommen?»

1914 aber wurde noch eifrig entwickelt – und das aus gutem Grund: Das Reglement für den französischen Grand Prix begrenzte das Gewicht eines Rennwagens auf 1100 Kilogramm und den Hubraum des Motors auf 4,5 Liter, der in früheren Jahren teilweise über 10 Liter schlucken durfte. Mercedes hatte nichts Passendes im Regal und musste den Motor komplett neu konstruieren.

Paul Daimler und seine Spezialisten entschieden sich für einen Vierzylinder mit vier Ventilen pro Zylinder, damals keine exotische Bauweise. Die Ventile wurden von einer obenliegenden Nockenwelle via Kipphebel betätigt. Die Nockenwelle selber wurde von einer Königswelle angetrieben. Drei Kerzen pro Einzelzylinder sorgten für die Verbrennung, zwei Bosch-Magneten für die Erzeugung des Zündfunkens.

Um die für die damalige Zeit astronomische Drehzahl von 3500 Umdrehungen pro Minute auch länger erreichen zu können, wurde die Kurbelwelle fünffach gelagert und aus speziell hartem Stahl gefertigt. Das Ergebnis waren 105 PS bei 3100 U/min, also eine Literleistung von knapp über 23 PS.

Beim Fahrgestell nahm man gegenüber dem Vorgängermodell ebenfalls einige Modifikationen vor. So wurde die Kraft via Kardanwellen statt Ketten auf die Hinterräder übertragen, und die Hinterachse wurde vom Serienfahrzeug übernommen. Der Pressstahlrahmen wurde so umgestaltet, dass der gesamte Wagen insgesamt tiefer lag. Die Karosserie glich weitestgehend jener des Vorjahres.

Dreifachsieg beim Grossen Preis von Frankreich

Gestartet wurde bei Lyon am 4. Juli um 8 Uhr, und zwar paarweise alle 30 Sekunden, weil ein Massenstart zu gefährlich gewesen wäre. 300'000 Zuschauer verfolgten den Grossen Preis von Frankreich und konnten den Triumphzug der Mercedes-Rennwagen miterleben. Sie gewannen dank der überlegenen Motorleistung, mit der sie die Vierradbremsen, über die Delage, Peugeot und Fiat bereits verfügten, kompensieren konnten. Es war ein epochaler Triumph.

Bei dieser Fahrt leisteten die Fahrer Schwerstarbeit: 6 Stunden und knapp über 26 Minuten dauerte die Fahrt des Siegers. Ohne Servolenkung und mit kräftezehrenden Schalt- und Bremsmanövern. Wie dies die Fahrer damals überstanden, kann man sich heute kaum ausmalen, denn die meisten der Draufgänger waren schmächtige Gestalten, und einen persönlichen Fitnesstrainer hatten sie auch noch nicht ... Und sie mussten auch alle Wartungsarbeiten während der sechs Stunden selber ausführen!

Bis zum Rekord am Klausenpass

Während des Ersten Weltkriegs ruhten die Rennaktivitäten in Europa, doch die Mercedes-Grand-Prix-Wagen fuhren weiter, und zwar in den USA, wo zum Beispiel die 500 Meilen von Indianapolis im Jahr 1915 gewonnen werden konnten. Nach Kriegsende kamen sie auch in Europa wieder zum Einsatz. So trat Graf Giulio Masetti 1921 und 1922 mit dem Mercedes an und war unter anderem bei der Targa Florio im April 1922 siegreich.

Im Jahr 1924 wurde der Vierventilmotor in einen Targa-Florio-Rennwagen eingebaut, dieses Mal mit einem Kompressor bestückt. Denselben Wagen fuhr Otto Salzer bei Sprint- und Bergrennen, unter anderem am Semmering. Und noch zwei Jahre später konnte Rudolf Caracciola genau dieses Fahrzeug noch mal zum Sieg beim Semmeringrennen fahren.

Bis 1930 dauerte die aktive Rennzeit der inzwischen 16-jährigen Konstruktion, Alfred Rosenberger fuhr damit im August 1927 auch noch eine Rekordzeit beim Klausenpassrennen.

Inspiration für Flugzeugmotor

Der erfolgreiche Vierventilmotor erfreute sich aber noch einer weiteren Karriere. Nach Kriegsausbruch war der Motor eines Grand-Prix-Rennwagens, der sich zu Werbezecken in England befunden hatte, zu Rolls-Royce gelangt, wo er erprobt und zerlegt wurde. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse flossen direkt in die Rolls-Royce-Produktion ein, und so kann man mit Fug und Recht behaupten, dass der Mercedes-Vierventiler alle Rolls-Royce-Flugmotoren des Ersten Weltkriegs konstruktiv beeinflusste.

Wer einen der überlebenden Mercedes-Grand-Prix-Wagen aus dem Jahr 1914 im Massstab 1:1 sehen möchte, der erhält an der Swiss Classic World in Luzern am 24. und 25. Mai 2014 Gelegenheit dazu, und eigentlich lohnt allein schon diese innovative Rarität eine Reise in die Innerschweiz.

Weitere Informationen, technische Daten und viele Bilder zum Mercedes-Benz-Grand-Prix-Rennwagen von 1914 finden sich auf www.zwischengas.com. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.04.2014, 15:44 Uhr

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