Tag des Donners

Der Sand spritzt meterhoch, Benzinschwaden hängen in der Luft – am Motorfestival auf der dänischen Nordseeinsel Römö lebte Anfang September eine Tradition wieder auf.

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Jens Cooper ist sauer und sein Gesicht vor Wut fast so grün wie der Lack seines Autos. Denn ausgerechnet jetzt zickt die Diva und verweigert den Dienst. Dabei wollte Cooper nicht zu irgendeiner Ausfahrt starten. Und sein Wagen ist auch nicht irgendein Oldtimer. Sondern Cooper steht am Start des Strandrennens auf der dänischen Nordseeinsel Römö, und die zickige Diva ist das Grüne Monster, ein fast schon mystisch-mächtiger Rennwagen, mit dem Werksfahrer Carl Jörns vor 96 Jahren auf der Nachbarinsel Fanö fabelhafte 228 km/h erreicht hat. 

Aus wegen Sand im Vergaser

Beim Training in den Tagen davor ist das fast sechs Meter lange Ungetüm noch durchs Watt gefahren und hat die wenigen Zuschauer ahnen lassen, welche Urgewalt im grössten Motor steckt, der je bei Opel gebaut wurde. Donnernd laut, mit einer meterhohen Sandfontäne im Schlepp und einer Wolke aus Russ aus dem glühenden Auspuff, hat er den Strand erbeben lassen. Und selbst wenn Cooper aus Respekt vor den zwei Millionen Euro Versicherungssumme natürlich nie Vollgas gegeben hat, konnte man sich vorstellen, wie es damals gewesen sein muss, als ein paar furchtlose Himmelhunde die Grenzen des Machbaren überwinden wollten. Doch jetzt, wo weit über zehntausend Zuschauer in den Dünen hocken und die Boxengasse voll ist von Rennfahrern und Mechanikern in Kostümen aus der Vorkriegszeit, ausgerechnet jetzt macht der Motor keinen Mucks mehr. Sand im Getriebe – das kann man in diesem Fall wörtlich nehmen, der feine Flugsand vom Vortag, der in den Vergaser geraten ist, hat der Diva die Laune verdorben. 

Deshalb steht das Grüne Monster nun friedlich und vor allem ungewöhnlich still ein paar Meter neben der Startlinie, und Cooper muss traurig mitansehen, wie die anderen Rennfahrer eine einzigartige Epoche der Automobil- und Renngeschichte aufleben lassen: «Nirgendwo auf der Welt war man damals schneller unterwegs als auf diesem Stück Sandstrand», sagt Steffan Skov, der sich seinen Spitznamen Staf auf die alte Bomberjacke hat sticken lassen.

Denn der Sand am Strand von Fanö war härter, glatter und griffiger als das Kopfsteinpflaster auf den Strassen oder der Schotter auf den sonstigen Rennstrecken in Europa, fasst Staf die mittlerweile 99 Jahre alte Geschichte des Beach Racing in Dänemark zusammen: «Lange bevor in den USA am Strand von Daytona oder auf den Salzseen von Bonne­ville gefahren wurde, ist die PS-Elite dieser Zeit auf Fanö gegen die Rekorde angerannt. Reiche Draufgänger, Privatiers, Hasardeure und eine Handvoll Profis.» Opel-Rennfahrer Carl Jörns war einer von ihnen und hat mit dem Grünen Monster 1922 das Tempo auf schier unglaubliche 228 km/h geschraubt, der Brite Sir Malcom Campbell war ein anderer, der es mit seinem berühmten Bluebird noch viel weiter­gebracht hat.

Dass Staf sich damit so gut auskennt, hat einen einfachen Grund: Zusammen mit einer Handvoll Kumpels lässt er diese Tradition wieder aufleben, nachdem sie durch einen Unfall 1924 beendet wurde. Damals wurde ein Jugendlicher von einem Rad erschlagen, das sich von Campbells Bluebird gelöst hatte. Vor drei Jahren haben sie dafür auf Fanös Nachbarinsel Römö nach fast zehn Jahren Planung und Papierkram zur eigenen Verwunderung mitten in einem Nationalpark zum ersten Mal das Motorfestival ausrichten dürfen. Und was damals mit vielleicht 30 Fahrzeugen klein angefangen hat, ist mittlerweile eine Grossveranstaltung mit zwei Tagen Konzert und Party geworden, die trotzdem ihren Charme bewahrt hat. Über 100 Fahrzeuge – je etwa zur Hälfte Autos und Motorräder – aus elf Ländern sind an den Strand gekommen, um auf der Rennstrecke gegeneinander anzutreten. Und drum herum auf den Parkplätzen steht mehr amerikanisches Alteisen als bei jedem anderen Autotreffen.

Dänen verehren US-Modelle

Denn seit Ford nach dem ersten Weltkrieg ein Montagewerk erst für das Modell T und später für das Modell A in Kopenhagen eröffnet hat, schwärmen die Skandinavier vor allem für US-Autos und leben diese Liebe bei Events wie dem Motorfestival in vollen Zügen aus. Kein Wunder also, dass sich auf dem schmalen Damm zur Insel in diesen Tagen Hotrods und Heckflossen, Muscle Cars und Pick-ups stauen, als hätte jemand die Zeit zurück gedreht und die Welt eine halbe Umdrehung nach Westen gerückt.

Auch auf dem Strand kommt «Amerika first»: Harley-Davidsons und Indians bei den Motorrädern und vor allem Hotrods auf Basis amerikanischer Oldtimer, dem Reglement nach vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut und mit Teilen getunt, die den Stand von 1947 oder früher haben, scharren deshalb mit ihren Speichenrädern im Sand, skurrile Eigenbauten und mächtige Maschinen wie das Grüne Monster. Manche sind Rostlauben, die ihre Besitzer für 3000, 4000 Euro zusammengeschraubt haben, sagt Staf:»Aber viele sind hohe sechsstellige Summen wert.» Geschont werden sie trotzdem nicht. «Wir gebrauchen und missbrauchen die Oldtimer genau dafür, wofür wir sie monatelang gehegt und gepflegt haben,» sagt Staf und lacht. »Um damit unseren Spass im Sand zu haben.» Das Auto als faszinierendes Fahrzeug für Freaks und Fans, statt als elitäres Kunststück für Millionäre.

Deshalb lassen sie alle die Kupplung schnalzen, wenn eines der Girls mit fast akrobatischer Fertigkeit die Startflagge schwingt, und gehen mit Vollgas auf die Strecke. Anders als früher auf Fanö ist die zwar nur eine Achtelmeile oder rund 200 Meter lang, sodass hier sehr zur Freude der gelangweilten Rettungskräfte niemand auch nur annähernd seine Höchstgeschwindigkeit erreicht. Doch auf 70, 80 bisweilen sogar 100 Sachen kommen sie hier allemal, und das Spektakel ist garantiert. Zumal es bei Oldtimerrennen eben nicht nur was für die Augen gibt, sondern auch für die Ohren und für die Nase. Und wenn Autos wie der American La France  mit seinem 27 Liter Hubraum grossen Flugzeugmotor über die Startlinie rüberdröhnt, dann kann man die Kraft sogar mit den nackten Fusssohlen im Sand spüren, so stark lässt er den Strand beben.

Das Publikum, meist in Rock-’n’-Roll-Uniform, Harley-Shirts oder alter Mechanikerkluft, ist begeistert und quittiert jeden Gasstoss mit einem tiefen Raunen. Nur Jens Cooper steht neben seinem Grünen Monster und ist traurig. Denn eigentlich hätte er es sein sollen, der hier die grosse Show abzieht und dem König der Küste noch einmal sein Reich zeigt. Doch Cooper hat einen kleinen Trost: Im Jahr 2019 gibt es wieder ein Motorfestival auf Römö, genau 100 Jahre nach dem ersten Rennen auf Fanö, und dann vielleicht sogar auf einer längeren Strecke. «Wäre doch eine gute Gelegenheit, das Grüne Monster noch einmal von der Leine zu lassen», hofft Cooper. Wenn die Diva denn mag.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2018, 23:01 Uhr

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