Pionier mit dem Stoff, aus dem die Träume sind

2013 hat Hyundai mit dem ix35 Fuel Cell das erste Wasserstoff-Fahrzeug lanciert. Nun doppeln die Koreaner mit dem Nexo nach.

Dem Nexo fehlt nur eines: Ein dichtes Tankstellennetz. Foto: PD

Dem Nexo fehlt nur eines: Ein dichtes Tankstellennetz. Foto: PD

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Man wird doch wohl noch träumen dürfen. Wie wäre es damit: Man füllt Wasserstoff in ein Auto, fährt damit Hunderte Kilometer, und aus dem Auspuff strömt nur Dampf. Besser noch, das Auto filtert die angesaugte Luft und stösst sie gereinigt wieder aus – je länger man also fährt, desto grösser ist der Gefallen, den man der Umwelt erweist. Klingt das nach einem verrückten Traum?

Tatsächlich könnte dieses Szenario real werden. Die Brennstoffzelle, die durch eine Reaktion von Wasserstoff und Sauerstoff elektrische Energie erzeugt, ist uralt, geht auf eine Erfindung von Christian Friedrich Schönbein von 1838 zurück. Sie als Antriebstechnik zu nutzen, ist längst serienreif. Das haben mehrere Hersteller bewiesen, allen voran Hyundai, der 2013 mit dem ix35 Fuel Cell das erste Serienfahrzeug auf den Markt brachte.

Nur 25 ix35 in der Schweiz

Dennoch bleibt die Vision, dass wir zumindest beim Fahren nur noch Luft und Wasser emittieren, vorerst eine Träumerei. Es fehlt die Infrastruktur, und für die Industrie fehlen Anreize, um die Investitionen zu stemmen. Ohne Tankstellennetz kaufen die Kunden aber keine Fahrzeuge – ein Teufelskreis. Immerhin, Impulse hin zu einem Wasserstoff-Tankstellennetz sind erkennbar, auch in der Schweiz, wo es nur zwei öffentliche Tankmöglichkeiten gibt, eine in Hunzenschwil AG, die andere in Dübendorf ZH.

Man muss also schon Idealist sein, um heute ein Brennstoffzellenfahrzeug zu kaufen. Das zeigen auch die Zahlen. Vom Hyundai ix35 Fuel Cell, mit über 70 Prozent Marktanteil klarer Leader der Wasserstoffautos in Europa, sind gerade mal 25 in der Schweiz unterwegs; ein grosser Teil in Flottenhand. Neben dem Hyundai sind derzeit nur zwei weitere Modelle auf dem Markt, der Toyota Mirai und der Honda Clarity FC. Vom Durchbruch im Strassenverkehr ist die Brennstoffzelle noch weit entfernt.

An dieser Problematik wird auch der neue Hyundai Nexo nicht viel ändern. Ausgestattet mit der neuesten Generation von Hyundais Brennstoffzelle, die effizienter arbeitet, einen Wirkungsgrad von 60 Prozent erzielt und eine maximale Reichweite von 666 Kilometern nach WLTP ermöglicht, ist der SUV ein spannender Ausblick in eine mögliche Zukunft – und steht damit im Abseits. Doch für Hyundai ist er ein Wegbereiter. «Der Nexo unterstreicht unser klares Bekenntnis für eine Zukunft der sauberen Mobilität», sagt Thomas A. Schmid, Chief Operating Officer von Hyundai Europe. «Er zählt zu den wichtigen Schritten unserer Nachhaltigkeitsstrategie, mit der wir bis 2025 weltweit 18 neue, umweltfreundliche Fahrzeuge einführen.»

Die im Nexo unter der Motorhaube verbaute Brennstoffzelle wandelt also den getankten Wasserstoff in elektrische Energie um, die wiederum den Elektromotor antreibt. Das Betanken mit 700 bar der drei im Fahrzeugboden platzierten Drucktanks, die insgesamt 156,6 Liter gasförmigen Wasserstoff aufnehmen, dauert nur fünf Minuten und ist problemlos durchführbar. Das Kofferraumvolumen wird durch die Tanks – zwei liegen vor der Hinterachse, einer dahinter – sowie die Batterieeinheit an der Hinterachse zwar eingeschränkt; für einen 4,67 Meter langen SUV ist die Ladekapazität von 461 bis 1466 Litern aber absolut konkurrenzfähig. Mit einer Leistung von 120 kW (163 PS) und einem maximalen Drehmoment von 395 Newtonmetern beschleunigt der 1948 Kilogramm schwere SUV in 9,2 Sekunden auf Tempo 100 und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 179 km/h – damit ist er ausreichend motorisiert.

Bremspedal wird überflüssig

Was kompliziert klingen mag, fährt sich sehr einfach. Wie ein batterieelektrisches Fahrzeug hat der Nexo nur einen Vorwärts- und einen Rückwärtsgang, wählbar per Tastendruck. Aussergewöhnlich ist sonst nur das Regeln der Rekuperation, also der Energierückgewinnung im Schubbetrieb. Anstelle von Schaltwippen sind dafür zwei Paddels hinter dem Lenkrad angebracht, über welche die Rekuperationsstärke in vier Stufen gewählt werden kann. Je nachdem verzögert der Nexo im Schubbetrieb mehr oder weniger stark, was wie eine herkömmliche Motorbremse genutzt werden kann. Hält man die linke Wippe gezogen, verzögert das Fahrzeug progressiv stärker, womit man das Bremspedal in vielen Situationen nicht mehr braucht. One- Pedal-driving nennt sich das auf Neudeutsch und ist etwas gewöhnungsbedürftig, kann aber durchaus bequem sein.

Als Wegbereiter in eine Wasserstoffzukunft ist der Nexo mit der Technik ausgerüstet, um autonom fahren zu können (Level 4). In Europa ist dieser Level jedoch noch nicht zugelassen, hier muss sich der Nexo auf einen adaptiven Tempomaten mit aktivem Spurhalteassistenten beschränken. Dafür darf er selbstständig parkieren, auch fernbedienbar mit dem Fahrzeugschlüssel. Und noch ein technisches Schmankerl bietet der Koreaner: Anstatt nur vor Fahrzeugen im toten Winkel zu warnen, blendet der Nexo wann immer sinnvoll ein Kamerabild von diesem blinden Fleck auf dem Screen hinter dem Lenkrad ein. Das kann anfänglich irritieren, erhöht aber die Sicherheit .

Auch wenn sich der Nexo in der Praxis nicht ganz so kompakt und ausgereift anfühlt wie andere Hyundai-SUV, ist er doch ein attraktives Fahrzeug mit aussergewöhnlichem Design und einer spannenden Antriebstechnik. Die fehlende Infrastruktur wird ihn leider zu einer raren Erscheinung auf unseren Strassen machen, was vom stolzen Verkaufspreis von 84 900 Franken noch unterstützt wird. Doch er verleitet zum Träumen von einer automobilen Zukunft ohne Umwelt- und Lärmprobleme. Und träumen wird man wohl noch dürfen.

Dave Schneider fuhr den Nexoauf Einladung von Hyundai Schweiz in Oslo. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2018, 22:38 Uhr

Hyundai Nexo

Modell: Kompakt-SUV mit Wasserstoffantrieb

Masse: Länge 4670 mm, Breite 1860 mm, Höhe 1630 mm, Radstand 2790 mm

Kofferraum: 461 bis 1466 Liter

Motor: Permanentmagnet-Elektromotor (120 kW)

Fahrleistungen: Von 0 auf 100 km/h in 9,2 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit von 179 km/h

Verbrauch: 0,84 Kilogramm Wasserstoff auf 100 Kilometer

CO2-Ausstoss: 0 Gramm pro Kilometer

Markteinführung: Ab Oktober

Preis: 84 900 Franken

Infos: www.hyundai.ch

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