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Die dritte Wiedergeburt des Klassikers

Fiat überrascht: Die neue Generation des 500 wird es nur noch mit Elektroantrieb geben. Das aktuelle Modell mit Verbrennungsmotor bleibt allerdings vorerst im Verkauf.

Clever gelöst: Der neue Fiat 500 kann in nur fünf Minuten Strom für weitere 50 Kilometer nachladen. Da ist Reichweitenangst kein Thema mehr. Fotos: PD
Clever gelöst: Der neue Fiat 500 kann in nur fünf Minuten Strom für weitere 50 Kilometer nachladen. Da ist Reichweitenangst kein Thema mehr. Fotos: PD

Was der Käfer von Volkswagen für die Deutschen verkörpert, das ist der Fiat 500 für die Italiener: eine Ikone der eigenen Autoindustrie, ein zeitloser Klassiker. Beide waren ein kommerzieller Erfolg und wurden später in einer modernen Interpretation neu aufgelegt. Doch die Bedeutung dieser Modelle geht weit darüber hinaus: Sie trugen zu einer Art Revolution der individuellen Mobilität bei: Der Käfer (ab 1938) und der Cinquecento (ab 1957) waren in der Nachkriegszeit die einzigen Autos, die sich viele überhaupt leisten konnten. Der Stellenwert dieser Modelle ist entsprechend hoch.

Während VW den Käfer respektive den New Beetle inzwischen ganz eingestellt hat, läuft der Fiat 500 weiterhin vom Band. Er wurde vor 13 Jahren in einer modernen Form neu aufgelegt und hat seither unzählige Facelifts erhalten. Und nun das: Fiat bringt den Cinquecento nicht nur endlich in einer neuen Modellgeneration, sondern radikal neu. «Für uns ist es nicht die dritte Modellgeneration – es ist die dritte Wiedergeburt», sagt Fiat-Chef Olivier François. «Wir gehen mit dem neuen 500e ‹all in› und schauen nicht zurück.» So hat der Cinquecento noch einmal die Gelegenheit, die individuelle Mobilität zu revolutionieren – denn: Das neue Modell wird es fortan nur noch mit reinem Elektroantrieb geben.

DiCaprio als Werbefigur

Ein kühner Schachzug, zumal dieses Modell für mehr als ein Viertel der gesamten Verkäufe von Fiat verantwortlich ist. Das gibt auch François zu. «Doch für uns ist es der einzig sinnvolle Schritt.» Entsprechend wichtig ist es für die Italiener, dass der neue 500e ein durchschlagender Erfolg wird – und dafür legen sie sich mächtig ins Zeug. Werbebotschafter ist kein Geringerer als Hollywoodstar Leonardo DiCaprio – der US-Schauspieler wurde 2014 zum Friedensbotschafter der Vereinten Nationen ernannt und setzt sich seither im Kampf gegen die Klimaerwärmung ein. «Bist du bereit für eine Wiedergeburt?», fragt er provokant im Werbespot.

Die Filmlegende vor den PR-Karren zu spannen, ist ein weiser Entscheid. Ebenso clever wurden die Eckdaten des 500e definiert. Dank einer 42-kWh-Batterie soll der kleine Italiener eine Reichweite von 320 Kilometer nach WLTP schaffen, im Stadtbetrieb sollen gar 400 Kilometer möglich sein. Dank der Ladeleistung von 85 kW wird in nur fünf Minuten Strom für weitere 50 Kilometer nachgeladen – Reichweitenangst ist da kein Thema mehr. 80 Prozent der Batterie sind in etwas mehr als einer halben Stunde wieder voll.

Fast alles im Cockpit wird über das grosse Touch-Display bedient.
Fast alles im Cockpit wird über das grosse Touch-Display bedient.

Der E-Motor leistet 87 kW (118 PS) und beschleunigt den Winzling in 3,1 Sekunden auf 50 km/h – den Wert auf Tempo 100 verschweigen die Italiener; Schluss ist bei maximal 150 km/h. Das reicht allemal. Zu einem Stolperstein könnte die Preisgestaltung werden: Noch sind die genauen Preise nicht bekannt, doch das Lancierungsmodell «La Prima» soll rund 40'000 Franken kosten. Sehr viel billiger wird das Basismodell wohl nicht sein. Allerdings: Der bereits vor der Lancierung hochgelobte Honda E kostet ebenfalls über 40'000 Franken und schafft bei der Reichweite nur wenig mehr als die Hälfte.

Doch nicht nur der Antrieb und das Design sind neu, sondern auch der Innenraum. Fast alles wird über ein grosses Touch-Display über der Mittelkonsole oder eine Sprachsteuerung (Amazon Alexa) bedient – das Cockpit ist entsprechend schnörkellos gestaltet. Für eine bessere Nachhaltigkeit sorgen unter anderem Sitzbezüge aus recyceltem Plastik aus dem Meer. Zur Weltpremiere wurden drei Unikate von Giorgio Armani, Bulgari und dem Möbelunternehmen Kartell entworfen – der gesamte Erlös aus dem Verkauf dieser Unikate geht an eine der Umweltorganisationen von UNO-Botschafter DiCaprio.

Verbrenner bleibt im Angebot

Und trotz dem Corona-Schock beweisen die Italiener beim neuen Modell auch ein wenig Humor: Das künstlich erzeugte Fahrgeräusch, das E-Autos als Fussgängerschutz haben müssen, klingt beim 500e nicht etwa wie bei vielen Konkurrenten nach einem startenden Raumschiff, sondern der kleine Fiat spielt in langsamer Fahrt munter einen italienischen Walzer. Das hat Stil.

«Mit diesem Modell bricht für uns eine neue Ära an», sagt Fiat-­Chef Olivier François. Die Entscheidung, sich mit dem wichtigsten Modell der Marke voll zur Elektromobilität zu bekennen, dürfte tatsächlich etwas bewirken. Konkurrent Mini hat diese Chance verpasst – die BMW-Tochter hat lediglich eine Elektrovariante des bestehenden Modells lanciert, genau wie Opel mit dem Corsa oder Peugeot mit dem 208. Doch auch bei Fiat muss der angekündigte Schritt ins neue Zeitalter relativiert werden: Die Italiener lassen den aktuellen 500 mit Verbrennungsmotor im Angebot – auf unbestimmte Zeit. Der Mut zum ganz grossen Schritt fehlte letztlich doch.

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