Die grosse Illusion

Die Verwandtschaft zum Peugeot 3008 ist dem neuen Midsize-SUV von Opel kaum anzusehen. Der Grandland X trägt seine französische Basis untendrunter wie ein Dessous.

Mit 4,47 Meter Länge bietet der Grandland X von Opel viel Platz für die Passagiere. Foto: PD

Mit 4,47 Meter Länge bietet der Grandland X von Opel viel Platz für die Passagiere. Foto: PD

Die deutsch-französische Kooperation als Ausweg aus der Krise: Was bei der EU noch Hoffnung und leere Formel ist, hat sich bei Opel bereits bewährt. Seit der französische PSA-Konzern letztes Jahr bei Opel eingestiegen ist, hat die kriselnde Rüsselsheimer Traditionsmarke wieder an Traktion gewonnen.

Der Grundstein dafür wurde freilich schon vor Jahren gelegt. Damals, als die deutsch-französische Kooperation eine gleichberechtigte war. Vor sechs Jahren verständigten sich die Konzerne auf eine weitreichende Zusammenarbeit. Das erste Produkt war letztes Jahr der Crossland X, das Schwestermodell des Peugeot 2008, der rechtzeitig zur Übernahme fertig wurde. Im gleichen Jahr legte Opel im Oktober nach mit dem Grandland X, der deutschen Version des Peugeot 3008.

Eigentlich wurde damit nur nachgeholt, was Opel lange schuldig geblieben war. Ohne ein breit gefächertes SUV-Programm ist heute für keinen Hersteller mehr etwas zu holen. Im Heimmarkt erlebt Opel dank der beiden SUV gerade das beste Verkaufsjahr seit zehn Jahren. In der Schweiz legte die Marke 2017 gegenüber 2016 zwar um 6,5 Prozent auf knapp über 14'000 verkaufte Fahrzeuge zu. Doch im Vergleich zum Resultat von 2007 mit 20'500 Fahrzeugen ist das immer noch (zu) wenig – nach drei Monaten lag Opel schon wieder 3,5 Prozent hinter dem Vorjahr zurück.

WLAN und Concierge-Service

Trotzdem stehen die Zeichen auf Besserung. Und das liegt nicht allein am Nachholeffekt, sondern auch an der guten ­Basis: Nicht ganz zufällig ist der Peugeot3008 im vergangenen Jahr zum «Car of the Year» gewählt worden. Zu sehen, das ist durchaus erstaunlich, ist von der französischen Grundlage im Opel allerdings fast nichts. Die Proportionen verraten am ehesten die Verwandtschaft. Front, Heck und Interieur sind aber eigenständig. Auch für den Opel gilt: Die Optik ist flott, die Materialien sind wertig. Damit kann man dem Marktführer Tiguan an die Stossstange fahren.

Was auffällt im Cockpit: Wo Peugeot auf sein Mini-Lenkrad und darübergestellte Anzeigen setzt, findet man im Opel ein konventionelles Layout mit einem grossformatigen Volant, das den Blick auf die dahinterliegenden Rundinstrumente frei lässt. Das wirkt deutlich altbackener als das virtuelle Cockpit des 3008. Dafür haben die Deutschen nicht nur ein Navi- und Multimediasystem, sondern auch einen WLAN-Hotspot und den Concierge-Service On-Star zu bieten. Bei den Assistenten ist die Übernahme vollständig. Der Grandland X hat in höheren Versionen einen vollautomatischen Parkassistenten, eine Rundumkamera, einen Abstandstempomaten und eine autonome Notbremsfunktion.

Weitere Annehmlichkeiten im Testwagen: Die Heckklappe öffnet per Fusskick, die Sitze vorne und hinten sind beheizt, und Mobiltelefone jüngeren Datums laden induktiv. Ein solches Handy sollte sich der Grandland-X-Kunde unbedingt zulegen, denn die tief in einer Einbuchtung verbaute USB-Buchse mit dem Ladekabel zu erreichen, ist eine Geschicklichkeitsübung.

Der französisch-deutsche Fahrwerksmix gefällt

Beim Raumkonzept ist der Opel ganz wie der Peugeot. Auf den 4,47 Meter Länge ist viel Platz für die Passagiere, auch im recht luftigen Fond, allerdings ist die Rückbank nicht verschiebbar. Der Kofferraum ist gutes Mittelmass und topfeben. Richtig gut gefällt der französisch-deutsche Fahrwerksmix: Die Abstimmung ist zwar komfortabel, aber so straff, dass sich der Wagen nie aufschaukelt und auch nicht selbstbestätigend nickt nach der Fahrt über ein paar Bodenwellen. Die Sechsgangautomatik war im Testwagen mit dem stärksten Diesel ab Serie verbaut und arbeitete unauffällig. Die 177 PS aus zwei ­Litern Hubraum schieben gut an und reichen locker für die Aufgaben des Alltags. Weil der Grandland X mit 1,4 bis 1,5 Tonnen zu den leichteren Vertretern seiner Zunft gehört, reichen dafür sicher auch die kleineren Motoren, ein Dreizylinderbenziner mit 130 oder ein kleiner Diesel mit 120 PS.

Eine Plug-in-Hybrid-Variante mit angetriebener Hinterachse ist angekündigt und dürfte als Löwe und als Blitz auf­laufen. Bis dahin müssen sich die ­Grandland-X-Kunden auch mit dem ­Vorderradantrieb begnügen. Die dafür angebotenen verschiedenen Traktionsprogramme, wie Offroad-Modi via Drehschalter wählbar, sind eher eine schöne Fantasie als eine Hilfe. So wie dieses ganze Auto eine grosse Illusion ist, um den Filmklassiker von Jean Renoir zu ­zitieren. Allerdings dürfte die deutsch-französische Verbindung im Fall dieses «französischen» Opel ein besseres Ende nehmen.

Tages-Anzeiger

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