Wenn der Roboter für Sie überholt

Selber einparken war gestern. Das machen Autos heute eigenständig. Und nicht nur das, wie man am Auto-Salon verblüfft feststellt. Sie überholen autonom, sie sorgen fürs Wohlbefinden, sie vermeiden Unfälle.

Am Steuer essen: Dies könnte in Zukunft dank der Technologie problemlos möglich sein.

Am Steuer essen: Dies könnte in Zukunft dank der Technologie problemlos möglich sein.

(Bild: Screenshot Youtube)

Lucie Machac@liluscha

Ein sonniger Nachmittag, irgendwo in einer Schweizer Kleinstadt. Anna setzt sich ans Steuer. Sie will noch schnell den Einkauf fürs Wochenende erledigen. Der Verkehr ist überschaubar, doch die Sonne blendet. Anna kramt nach der Sonnenbrille in ihrer Tasche auf dem Beifahrersitz, für ein paar Sekunden lässt sie die Strasse aus den Augen.

Sie merkt nicht, dass der Velofahrer vor ihr ausschert, weil er die Spur wechseln will. Als Anna wieder aufschaut, ist es zu spät. Es knallt, der Velofahrer liegt am Boden. Er muss sofort ins Spital gebracht werden, sein Velo ist Schrott. Anna hat einen Schock, ihr Auto eine Beule.

Mit den neuesten Automodellen, zum Beispiel von Volvo oder Mercedes, wäre dieses Szenario ganz anders gelaufen. Anna hätte höchstens eine Schreck­sekunde erlebt, dem Velofahrer wäre wohl nicht einmal etwas aufgefallen. Denn: Heute passt das Auto besser auf als der Mensch – und es leitet auch gleich selbst entsprechende Massnahmen ein, um Menschenleben zu retten.

Während Anna abgelenkt ist, scannt das Fahrzeug dank eingebauten Kameras, Sensoren und einem Radar permanent die Umgebung und analysiert die gesammelten Daten in Echtzeit. Den Unfall hätte das Auto ohne weiteres verhindert.

Der neue Volvo XC60 oder die neuen E-Klasse-Modelle von Mercedes, die zurzeit am Auto-Salon in Genf vorgestellt werden, erkennen automatisch Fussgänger, Autos, Velofahrer oder Tiere auf der Strasse. Errechnet das Fahrzeug eine mögliche Kollision, löst es in Sekundenbruchteilen eine Notbremsung aus.

Und nicht nur das: Sollte Anna im letzten Moment panisch ein Ausweichmanöver versuchen, greift das Fahrzeug ein. Die eingebaute Lenkunterstützung tariert Annas hektische Lenkbewegung aus und hilft ihr, den Velofahrer möglichst sicher zu umfahren.

Am Steuer telefonieren oder essen: Das Selbstfahrprojekt «Drive Me» von Volvo soll es möglich machen. Quelle: Youtube

Diese sogenannten Assistenzsysteme, die den Fahrer im Prinzip entmachten, dafür aber die Fahrsicherheit erheblich erhöhen, liegen bei den Autoherstellern im Trend. Sicherheit ist Trumpf, vor allem in der Oberklasse. Die Industrie hat längst Assistenten entwickelt, die für Anna pannenfrei einparken. Oder ihr Lenkrad in Vibration versetzen, sollte sie am Steuer einem Sekundenschlaf erliegen.

Seit kurzem gibt es Assistenten, die für Anna die Spur halten und sie vor dem Ausscheren auf die Gegenfahrbahn bewahren. Neuerdings gibt es Assistenten, die Anna vor Fahrzeugen im toten Winkel warnen. Und es gibt sogar Assistenten, die Anna das Überholen auf der Autobahn abnehmen.

Die neue E-Klasse von Mercedes hat einen solchen Helfer an Bord. Anna braucht bloss den Blinker zu betätigen, und schon setzt das automatisierte Überholsystem auf der Autobahn zum Manöver an. Der Tempomat misst den Abstand zwischen Annas Auto und dem zu überholenden Lastwagen. Sensoren, Kameras und Software checken ab, ob die Bahn frei und der Zeitpunkt günstig ist. Und dann überholt Anna den Lastwagen, ohne nur einen Finger zu rühren.

Abstands- und Geschwindigkeitskontrolle, Spurwechsel- und Nothaltassistent: Mercedes nähert sich dem autonomen Fahren an. Quelle: Youtube

Dumm nur: Die Verantwortung trägt weiterhin Anna. Sie darf während des Überholmanövers nicht in ihrer Tasche nach der Sonnenbrille kramen, obwohl sie es gefahrlos könnte. Das Strassenverkehrsgesetz verbietet es heute noch, die Hände während der Fahrt vom Lenkrad zu nehmen. Der Fortschritt lässt sich dadurch aber nicht aufhalten.

Schon heute könnten Autos theoretisch autonom fahren, die Technologie dafür ist vorhanden. Doch bevor selbstfahrende Autos für den Verkehr zugelassen werden, müssen etliche rechtliche Fragen zur Haftung, aber auch viele ethische Fragen geklärt werden. Wenn sich ein Unfall nicht vermeiden lässt, fährt das Auto besser die alte Frau oder den jungen Mann an? Oder wird es am Schluss gar Anna in die Wand manövrieren?

Die Gesetzgebung kommt den Autoherstellern nur vorsichtig entgegen: Seit letztem Jahr sind automatische Assistenzsysteme wie die Überholhilfe zulässig, wenn sie der Fahrer jederzeit abschalten oder übersteuern kann.

Nicht alle intelligenten Assistenten sind jedoch auf Fahrsicherheit programmiert. Mindestens so wichtig ist den Autoherstellern Annas Wohlbefinden. In der neuen Mercedes S-Klasse setzt man deshalb auf Wellness. Anna könnte im Navigationsmenü zwischen einem Entspannungs- und Aktivierungsprogramm namens «Energizing Comfort» wählen.

Je nachdem, wie sie sich gerade fühlt, verändert sich das Ambiente in ihrem Auto. Die Klimatisierung und die Innenbeleuchtung werden entsprechend eingestellt, Annas Sitz wählt vielleicht eine Hot-Stone-Massage aus, und die Luft im Auto wird mit wohlriechenden Essenzen angereichert.

Klar darf heutzutage auch der Funfaktor nicht zu kurz kommen. In einem 5er- oder 7er-BMW könnte Anna zum Beispiel die Musik aufdrehen, ohne einen Knopf oder Touchscreen zu berühren. Wie das? Seit einem Jahr lässt sich dies im BMW mit Gesten erledigen. Allerdings erkennt der Assistent erst vier Handbewegungen.

Wenn Anna unter dem Sensor am Innenspiegel mit ihrer Hand nach links wischt, nimmt sie damit einen Anruf entgegen. Nach rechts wischt sie den Anrufer weg. Dreht sie den Zeigefinger im Uhrzeigersinn oder in Gegenrichtung, regelt sie damit die Lautstärke.

Mehr als «nur» Touchscreen: BMW bietet immer mehr Möglichkeiten, mit seinem Fahrzeug zu interagieren. Quelle: Youtube

Aber vielleicht ist Anna gar kein verspielter Technikfreak. Vielleicht mag sie es lieber wie früher, als die Zeiten noch analog waren. Dann könnte sie es zum Beispiel bei Opel versuchen. Der Autohersteller bietet einen Concierge-Service an – mit echten Menschen am Telefon.

Angenommen, Anna ist in einer fremden Stadt unterwegs und möchte wissen, wo sie eine gute Pizza essen oder komfortabel übernachten kann. Ruft sie vom Auto aus den Concierge-Dienst an, wird sie mit einem freundlichen Mitarbeiter im Callcenter verbunden, der ihr die gewünschte Restaurantadresse aufs Navi schickt oder sie mit einem Hotel in der Nähe verbindet, das noch freie Zimmer hat.

Kommunikation ist heute allerdings längst nicht mehr Menschen vorbehalten. Auch Autos unterhalten sich miteinander, indem sie über eine Cloud Daten untereinander austauschen. Würde Anna in Schweden oder in Norwegen einen Volvo fahren, könnte sie von dieser Car-to-car-Kommunikation profitieren.

Wenn ihr Volvo zum Beispiel Glatteis auf der Strasse feststellt, schickt das Fahrzeug die Information an alle Volvos, die mit dem entsprechenden System ausgestattet sind, und ebenfalls an das zuständige Strassenverkehrsamt. Anna wird dann, sollte sie auf die vereiste Stelle zufahren, von ihrem Fahrassistenten rechtzeitig gewarnt.

Das Ganze hat momentan aber noch einen grossen Haken: Volvo spricht nur mit Volvo, Mercedes nur mit Mercedes. Solange nicht alle Automarken miteinander vernetzt sind, macht die Technologie im Verkehr wenig Sinn. Angesichts des Fortschritts der letzten Jahre ist dieses Problem allerdings bloss eine Frage der Zeit. Wenn Annas Auto künftig ganz eigenständig fahren soll, muss es zwingend lernen, mit den anderen Gspänli zu kommunizieren.

Berner Zeitung

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