Zum Hauptinhalt springen

Visuelle Informationen zu CoronaAusnahmezustand für die Gebärdensprache

Tanja Joseph und Monika Beyeler sind Dolmetscherinnen für Gebärdensprache. Derzeit übersetzen sie auch die Pressekonferenzen zur Corona-Pandemie.

Das ist die Gebärde für das Coronavirus: Gebärdensprachdolmetscherinnen Monika Beyeler und Tanja Joseph (v.l.) erhalten seit dem Ausbruch so viel Aufmerksamkeit wie noch nie.
Das ist die Gebärde für das Coronavirus: Gebärdensprachdolmetscherinnen Monika Beyeler und Tanja Joseph (v.l.) erhalten seit dem Ausbruch so viel Aufmerksamkeit wie noch nie.
Manuel Zingg

Das hat es vorher noch nie gegeben: Auf dem wichtigsten Fernsehkanal in diesem Land, auf SRF 1, sind während der Pressekonferenzen zur Corona-Pandemie rechts unten Gebärdensprachdolmetscher eingeblendet. «Wenn diese Krise etwas Gutes hat», sagt Monika Beyeler, «dann das. So viel Aufmerksamkeit haben die Gehörlosen und die Gebärdensprache noch nie bekommen.»

Vier Informationssendungen werden vom Schweizer Fernsehen via Dolmetscherinnen in die Gebärdensprache übersetzt: «Kassensturz», «Tagesschau», «Puls» und neu auch die «Rundschau», und die laufen sonst immer auf SRF info oder sind Wiederholungen.

Das erste Mal live auf SRF 1

Es ist Sonntagnachmittag, herrlichstes Ausflugswetter. Der Sonntag, so sagte Monika Beyeler zuvor am Telefon, sei der einzige Tag, an dem ein Interviewtermin ganz sicher möglich sei. An allen anderen Tagen seien sie und Tanja Joseph auf Abruf und nicht so flexibel.

Monika Beyeler (33) und Tanja Joseph (48) sind diplomierte Dolmetscherinnen für Gebärdensprache. Für Procom, die national tätige Dolmetschvermittlung, arbeiten sie auf Auftragsbasis in der Deutschschweiz. Sie übersetzen an Seminaren, an Gerichtsterminen, während Weiterbildungen und sogar an Konzerten. «Begriffe wie unterstützen oder helfen passen nicht zu unserem Beruf», sagt Tanja Joseph. «Wir sind keine Sozialarbeiter, sondern erbringen eine neutrale Dienstleistung.»

«Wir bauen Brücken zwischen Gehörlosen und Hörenden und sorgen so indirekt für mehr Gleichberechtigung.»

Monika Beyeler, Dolmetscherin für Gebärdensprache

Seit das Coronavirus die Wirtschaft lahmgelegt hat, haben auch Beyeler und Joseph viel weniger Aufträge. Ausser beim Schweizer Fernsehen, wo sie in einem Team von 19 Dolmetscherinnen und Dolmetschern die erwähnten Sendungen übersetzen. Und seit das Virus wütet, dolmetschen sie eben auch die Pressekonferenzen des Bundesrats. Zum ersten Mal live auf SRF 1.

Und jetzt also sitzen sie mit Corona-bedingt genügend Abstand auf dem Rand des Bernabrunnens neben dem Bundeshaus, unweit des Medienzentrums, während die Sonne noch handflächenbreit über den Dächern hängt. Sitzen und erzählen, zwei Stunden lang, von diesem Beruf, der, das hört man gleich, vor allem eine Leidenschaft ist, eine Berufung fast. «Wir brennen für diese Arbeit», sagt Monika Beyeler. «Wir bauen Brücken zwischen Gehörlosen und Hörenden und sorgen so indirekt für mehr Gleichberechtigung.»

«Wir erfüllen einen Auftrag. Es ist eine neutrale Rolle, die wir jedoch als Mensch ausfüllen.»

Monika Beyeler, Dolmetscherin für Gebärdensprache

So viel Publikum wie bei den Corona-Pressekonferenzen hatten sie beide tatsächlich noch nie. Der Druck war noch nie so hoch. «Nervös bin ich nicht», sagt Tanja Joseph. «Angespannt schon. Der Adrenalinschub hilft aber, klar zu denken, konzentriert zu bleiben.» Beide scheuen eigentlich die Aufmerksamkeit. Was gut ist, denn: Eine Dolmetscherin, die im Mittelpunkt stehen wolle, sei keine gute Dolmetscherin, wie Beyeler sagt. «Wir erfüllen einen Auftrag. Es ist eine neutrale Rolle, die wir jedoch als Mensch ausfüllen

Höchste Konzentration

Für dieses Gespräch haben sie ihre Arbeitskleider aus dem Schrank geholt. Beide tragen eine dunkelblaue Bluse, dazu einen schwarzen Blazer. Die dunklen Farben sind wichtig, damit die Gebärden gut erkennbar sind. Während sie jetzt erzählen, sind ihre Haltungen sehr aufrecht, ihr Gebaren hat etwas Offizielles. Ihre Aussagen unterstreichen sie mit präzisen, ruhigen Gesten. Zwischen den Sätzen lassen sie die Hände verschränkt ruhen.

«Gebärdet wird in einem sogenannten Gebärdenraum vor dem Körper», erklärt Monika Beyeler. Zur Gebärdensprache gehörten die Hände, die Körperhaltung, der Kopf, die Mimik, der Blick. Das Fingeralphabet könne bei Fachausdrücken oder Fremdwörtern helfen. «Die Gebärdensprache kennt bildhafte Ausdrücke, sie kennt Nuancen, vom Flüstern bis zum Schreien», ergänzt Joseph.

Bei komplexen Anlässen, wie den Pressekonferenzen, sind sie gar immer im Duo im Fernsehstudio und wechseln alle zehn Minuten ab, um die Konzentration aufrechtzuerhalten.

Da Beyeler und Joseph beide aus dem Kanton Bern stammen, haben sie oft gemeinsame Einsätze. Für solche, die mehr als zweieinhalb Stunden dauern, arbeiten Dolmetscherinnen meist zu zweit.

Bei komplexen Anlässen, wie den bundesrätlichen Pressekonferenzen, sind sie gar immer im Duo im Fernsehstudio in Zürich und wechseln alle zehn Minuten ab, um die Konzentration aufrechtzuerhalten. Während die eine Person übersetzt, sitzt die andere unterhalb der Kamera, beobachtet, hört mit und zeigt zur Not Schlüsselwörter.

Corona: Faust mit Krone

Dass die beiden ein eingespieltes Team sind, ist unverkennbar. Während des Gesprächs fallen sie sich nicht ein einziges Mal ins Wort. Ständig tauschen sie Blicke aus, warten ab, hören zu. Eine solch enge Zusammenarbeit verlangt blindes Vertrauen. Gerade Pressekonferenzen sind höchst anspruchsvoll. Man muss auf sich abgestimmt sein. Sich aufeinander verlassen können. Und: Es braucht viel Vorbereitung.

Die Gebärden der Stunde (Video):
Die Gebärden der Stunde (Video):

Beyeler und Joseph müssen sich absprechen, müssen recherchieren. Um etwa den Begriff «Test-Kit» gebärden zu können, mussten sie zuerst genau wissen, wie so ein Test funktioniert, weil ein Begriff oft als ganzer Bewegungsablauf gezeigt wird, als sogenannte Handhabung. Wörter wie «Wuhan» mussten sie sich zuerst in den aktiven Gebärdenschatz holen, sie müssen die Namen und Funktionen der Anwesenden kennen.

Und wie in der gesprochenen oder geschriebenen Sprache, erweitert sich auch die Gebärdensprache mit neuen Wörtern. Zum Beispiel: Corona. Anfangs wurde das Virus als Lungenkrankheit mit den Händen auf der Brust gezeigt. Doch durch die Bilder in den Nachrichten, die das Virus als Kugel mit Stacheln zeigten, wird es nun als Faust mit einer Krone aus Fingern dargestellt.

Letztlich ist es meistens der Schweizerische Gehörlosenbund SGB-FSS, der neue Gebärden kommuniziert. Zuvor aber entstehen sie in der Gehörlosen-Community und werden eifrig diskutiert.

Neue oder wieder aktuell gewordene Gebärden

Eine, die viel Hoffnung in sich birgt: Tanja Joseph zeigt die Gebärde für «Immunität».
Eine, die viel Hoffnung in sich birgt: Tanja Joseph zeigt die Gebärde für «Immunität».
Foto: Manuel Zingg
Die Gehörlosen-Community hat sich darauf geeinigt: Monika Beyeler zeigt die neue Gebärde für «Corona».
Die Gehörlosen-Community hat sich darauf geeinigt: Monika Beyeler zeigt die neue Gebärde für «Corona».
Manuel Zingg
Noch so ein Schlagwort:  Monika Beyeler zeigt die Gebärde für «Solidarität».
Noch so ein Schlagwort: Monika Beyeler zeigt die Gebärde für «Solidarität».
Manuel Zingg
1 / 6

Inzwischen liegt der Bernabrunnen im Schatten. Es ist Abend geworden, und Beyeler und Joseph kommen ins Schwärmen. «Die Gebärdensprache ist eine eigene Welt, eine eigene Kultur und ja, auch ein eigener Blick auf die Welt», sagt Beyeler und erzählt, was viele eben nicht wissen.

Dass die Deutschschweizer Gebärdensprache eine eigene, visuelle Sprache mit einer eigenen Grammatik ist. Die Basis der geschriebenen Sprache ist für den Hörenden der Klang der Wörter. Für Gebärdensprachler jedoch ist die Basis alles Sichtbare, eine Form oder Bewegung.

Das heisst: Wer eine Buchstabenfolge nicht mit Klang verbinden kann, muss sich jeden Begriff in der gesprochenen Sprache einzeln und mühsam aneignen; seine Aussprache, seine Bedeutung, seine grammatikalische Verwendung. Kurz: Die geschriebene Sprache ist für Gehörlose eine Fremdsprache. «Deshalb sind Untertitel problematisch», sagt Monika Beyeler. «Gehörlose sind jedoch genauso Bürger und Steuerzahler und haben ein Anrecht, in ihrer Muttersprache informiert zu werden.»

Das ist der Grund, weshalb die beiden Dolmetscherinnen jetzt auch von einem kleinen Triumph sprechen, einem Lichtblick in dieser Krise, wenn diese Sprache jetzt so viel Aufmerksamkeit bekommt. «Was ich mir wünsche, ist, dass die Gebärdensprache auch in der Schweiz offiziell als Sprache anerkannt wird», sagt Beyeler noch, und Tanja Joseph sagt: «Aus der Arbeit mit der Gebärdensprache habe ich gelernt, genauer hinzusehen, mir Zeit zu nehmen für die Menschen, ihnen mehr zuzuhören und sie so besser zu verstehen. Schön wäre es, wenn das anderen auch so erginge.»

PS: Das mit der Losung «Hände nicht ans Gesicht» ist für Gebärdensprachler alles andere als einfach: