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Republikaner stehen vor Scherbenhaufen

Der Triumph der Demokraten markiert den Beginn einer politischen Neuausrichtung der USA. Die Republikaner laufen Gefahr, die demoskopische Entwicklung zu verpassen.

«Irgendwo im Universum hat sich ein Gang in der Maschinerie verschoben», beschrieb einst der radikale schwarze Aktivist Eldridge Cleaver jenen Moment, als sich die Afroamerikanerin Rosa Parks 1955 in Birmingham im Südstaat Alabama weigerte, ihren Sitz zu räumen und im hinteren Teil des Busses Platz zu nehmen, wo Schwarze zu sitzen hatten. Ähnliches fühlt der Betrachter gegen Ende dieser geschichtsträchtigen Woche, da sich ein Afroamerikaner anschickt, die Vereinigten Staaten zu regieren. Vor dem Hintergrund einer bedrohlichen Wirtschaftskrise könnte der überzeugende Sieg Barack Obamas mehr als nur ein politisches Mandat auf vier Jahre bedeuten.

Denn durchaus ist vorstellbar, dass der Triumph der Demokraten ein «Realignment», also eine politische Neuausrichtung, ankündigt und somit eine ähnliche Zäsur wäre wie 1860 der Wahlsieg Abraham Lincolns, der den Bürgerkrieg und das Ende der Sklaverei einläutete, oder der Erfolg William McKinleys 1896, mit dem ein republikanisches Zeitalter heraufzog. Weitere historische Einschnitte waren der Sieg Franklin Roosevelts 1932 und die folgende Dominanz der Demokraten sowie 1980 der Aufstieg Ronald Reagans, mit dem das Zeitalter des modernen amerikanischen Konservatismus begann. Selbst die Präsidentschaften Bill Clintons wurden überwiegend von den Ideen der Konservativen bestimmt, war es doch der Demokrat Clinton, der verkündete, die Ära des «grossen Staates» sei vorüber.

Das Zeitalter des reaganschen Konservatismus aber hat sich erschöpft: Von Demoskopen am Dienstag befragt, wünschten 51 Prozent der Amerikaner «mehr Staat» – was keineswegs die Rückkehr zu einem etatistischen Modell signalisieren dürfte, sondern eher eine Kalibrierung weg von den Exzessen der Deregulierung in der jüngsten Vergangenheit. Zumal das klare Ergebnis der Präsidentschafts- und Kongresswahlen nahelegt, dass sich der republikanisch-konservative Kulturkampf der letzten drei Jahrzehnte, wie er etwa über das Recht auf Schusswaffen oder die Abtreibungsfreiheit geführt wurde, seine Wirkung weitgehend verloren hat.

Ein Hort weisser Männer

Offensichtlichstes Resultat dieser vielleicht epochalen Neuordnung ist die politische Zertrümmerung der Republikanischen Partei: Statt mit einer von George W. Bushs Berater Karl Rove avisierten «permanenten Mehrheit» zu regieren, droht der Partei nun auf beträchtliche Zeit ein Minderheitenstatus. Immerhin entschieden sich zwei Drittel junger Amerikaner ebenso für die Demokraten wie über neun Zehntel der Afroamerikaner und zwei Drittel der hispanischen Wähler. Gerade Letztere, eine schnell wachsende Wählergruppe, die über ihre Hochburgen in Kalifornien und im Südwesten hinausgewachsen ist und ansehnliche Wählerkontingente in Staaten wie North Carolina oder Illinois stellt, behindert die Zukunft einer Partei, die zu einem Hort weisser Männer geworden ist und dadurch Gefahr läuft, den Anschluss an die demoskopische Entwicklung des Landes zu verlieren.

Dass die Demokraten zudem die 19 Bundesstaaten mit dem höchsten Anteil der am besten ausgebildeten Wähler sämtliche für sich entschieden, spricht geradeso Bände wie die Tatsache, dass sich neben den Städten nun auch die Agglomerationen solide ins demokratische Lager einreihten – womit den Republikanern neben den weit von den Metropolen entfernten äusseren Vorstädten vor allem ländliche Gebiete verbleiben. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass die am wenigsten innovativen Regionen – die Appalachen, der tiefe Süden sowie dünnbesiedelte Gebiete auf den Prärien des Mittleren Westens – neben Texas die verbleibenden Bastionen der Partei sind. Und auch in Texas droht wegen des rasanten Zuzugs von Latinos Gefahr, wie der demokratische Wahlerfolg in der Millionenstadt Dallas zeigt.

Was bleibt, sind ärmere Regionen mit einem geringeren Bildungsgrad, wo der republikanische Anti-Intellektualismus mit seinen Ressentiments weiterhin politische Resonanz fand. Abgesehen von den Appalachen, spielten Rassenvorurteile in kaum einer Region eine Rolle, erhielt Obama doch mehr weisse Stimmen als der Demokrat John Kerry vor vier Jahren. Angesichts der republikanischen Niederlage fasste Floridas moderat-republikanischer Ex-Gouverneur Jeb Bush, der Bruder des Präsidenten, die Sachlage zusammen: «Ich schlage vor, dass sich die Konservativen in die Mathematik der neuen Demografie der USA vertiefen sollten; wir können nicht antihispanisch, antijung, antidies und -das sein und dann überrascht tun, wenn wir Wahlen verlieren.»

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