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«Barack hat keinen Zauberstab»

Der Wahlsieg Obamas weckt Hoffnungen bei den Schwarzen in den USA. Ganz besonders in Altgeld Gardens, jenem Schwarzenquartier im Süden von Chicago, wo er als Sozialarbeiter tätig war.

Im Staub zwischen verwaisten Backsteinhäusern lungern ein paar Jugendliche. Fenster und Türen sind mit dicken Sperrholzplatten zugenagelt. Selbst frisch renovierte Wohnungen nebenan sehen schon wieder trostlos aus. Altgeld Gardens, tief im Süden Chicagos zwischen Autobahn und Müllhalde gelegen, ist kein Ort für kühne Träume. «Hier ist alles total am Arsch. Gangs, Drogen, Morde, die ganze Scheisse», erzählt Steve Jackson, der in der schwarzen Sozialsiedlung zu den wenigen gehört, die Arbeit haben. Einen Friedhof gibt es hier nicht. An einer Hauswand stehen dicht gedrängt die Namen.

Sozialarbeiter Obama

«Hier», sagt Jackson, «Makia Jones, das war mein Cousin. Die Kugel hat ihn im Nacken getroffen.» Jackson tippt wahllos auf einige Namen: Nachbarn, Freunde, Verwandte. Jeffrey Prowell, sein bester Kumpel, nachts abgeknallt, als zwei Gangs um Territorium stritten. Theodus Spence zog gleich da hinten auf dem Parkplatz beim Messerkampf den Kürzeren. Craig Wasp, gerade 17, wurde an gleicher Stelle niedergeschossen. «Hier überlebst du nur, wenn du hart bist», sagt Jackson. Er hat es immerhin 32 Jahre lang geschafft.

Ende der 80er-Jahre war auch Barack Obama mal hier, als junger Sozialarbeiter. In Altgeld Gardens kämpfte der Community Organizer einer kleinen Kirchenstiftung gegen Asbest in den Wohnungen und für eine Buslinie ins abgelegene Getto. Die gibt es heute. Die Stadt saniert gerade die Siedlung, die nach dem Zweiten Weltkrieg für heimkehrende Soldaten gebaut wurde. Auch Altgeld Gardens hat Obama gewählt, sogar die apathischen Jungen, erzählt der Lehrer Duane Taylor: «Alle erwarten, dass er ihr Leben verbessert.» Auch in Chicagos berühmtestem Getto hat Amerikas erster schwarzer Präsident Hoffnungen geweckt. «Jobs, Jobs, Jobs», sagt Eddie Brown, der mit Freunden auf Klappstühlen im Park sitzt, eine Bierflasche in der Hand. «Die Türen zum gelobten Land werden sich öffnen», glaubt Donald Burrows, der früher mal Hausmeister war in Altgeld Gardens und selbst die übelsten Ecken hier kennt. «Obama ist der erste schwarze Bruder im Weissen Haus», nickt Dusty, ein Typ mit falscher Goldbrille, «warum sollen wir keine Hoffnungen haben?» Linda Randle kennt die hohen Erwartungen an ihren Freund im Weissen Haus. Die schwarze Frau mit den kaputten Knien war Sozialarbeiterin wie Obama, beide haben sich damals kennen gelernt, voriges Jahr hat er sie in Altgeld Gardens besucht, am Dienstag war sie Ehrengast bei seiner Siegesfeier in Chicago. «Ich sage allen, ja, es wird sich etwas verändern, aber Barack hat keinen Zauberstab, den er schwingen kann», erzählt Randle, «die Leute müssen die Hoffnung, die er bietet, schon ergreifen und selbst anpacken.»

Wahlsieg als Weckruf

Auch der Lehrer Duane Taylor ist skeptisch. Auch er hofft auf bessere Bildung, mehr Jobs. Doch Obamas Wahlsieg ist für ihn auch ein Weckruf an die Menschen hier: «Viele Barrieren bilden wir uns oft nur ein. Ein 20-Jähriger muss hier nicht rumhängen und sagen, dass ich Drogen nehme und aus der Schule geflogen bin, ist alles die Schuld der Weissen.» Obama, hofft er, könne für junge Schwarze zum Vorbild werden, auch etwas aus ihrem Leben zu machen. Natürlich müsse die Regierung den Menschen ganz unten besser helfen: «Aber wenn die Leute glauben, ein schwarzer Präsident macht alles für sie, ist das naiv. Fortschritt muss immer erkämpft werden.» «Komm weg hier, diese Wand macht mich depressiv», sagt Steve Jackson. Seine vierjährige Tochter zeigt stolz eine Wahlquittung. Mit der Grossmutter war sie am Dienstag im Stimmlokal. «Mir ist egal, ob der Präsident weiss oder schwarz ist», sagt der Vater, «Hauptsache, hier ändert sich was.»

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