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«Mein Stiefvater: Eine sexuelle Bestie, aber sehr liebenswert»

Mit der liberalen Erziehung und der sexuellen Freizügigkeit in seinem Umfeld kam der Attentäter von Oslo nicht zurecht. Sein wirres Manifest gewährt auch Einblicke in das Familienleben von Anders Breivik.

Jens Breivik war geschockt, als er erfuhr, dass sein Sohn Anders die Massaker in Norwegen verübt hatte. Er habe nichts von der extremistischen Neigung seines Sohnes gewusst, sagte der in Frankreich lebende Mann gemäss Medienberichten. Er habe niemals mit seinem Sohn zusammengelebt, aber sie hätten während seiner Kindheit einige Kontakte gehabt. «Er war ein gewöhnlicher Junge, aber verschlossen. Er interessierte sich damals nicht für Politik.» Der pensionierte Ökonom hatte sich kurz nach der Geburt seines Sohnes von dessen Mutter scheiden lassen und nach eigenen Angaben seit 1995 keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn gehabt. «In meinen dunkelsten Momenten denke ich, Anders hätte sich selbst umbringen sollen, statt all diese Leute», sagte Breivik senior in einem Fernsehinterview.

Der 32-jährige Attentäter aus Oslo hat einen familiären Hintergrund mit Vater, Mutter, Stiefvater und vier älteren Halbgeschwistern. In seinem Manifest «2083. Eine europäische Unabhängigkeitserklärung» geht Anders Behring Breivik zwar auf seine Familie ein, allerdings erst nach über 1300 Seiten, in denen er sein wirres Weltbild ausbreitet. Die Patchwork-Familie, wie sie eigentlich millionenfach vorkommt, hat beim jungen Breivik offenbar Spuren hinterlassen.

«Zu viel Freiheit hat mich feminisiert»

Er habe «keine negativen Erfahrungen in der Kindheit» gehabt, schreibt Anders Breivik. Er schreibt sogar von einer «privilegierten Kindheit mit verantwortungsvollen und intelligenten Menschen». Sein Vater wie auch seine leibliche Mutter seien Sympathisanten der Arbeiterpartei gewesen, die am Freitag zum Ziel seiner Anschläge in Oslo und Utöya wurde. Stiefvater Tore sei ein «moderater Rechter», die zweite Frau des Vaters eine «moderate Kulturmarxistin und Feministin», heisst es im Manifest.

Das Heranwachsen in einem gesellschaftlichen Klima mit «zu viel Freiheit» und ohne Disziplin habe ihn «bis zu einem gewissen Grad feminisiert». Mehr noch: Ganz Europa sei auf dem Weg der «Feminisierung». Dazu gehöre auch die Zuwanderung von Muslimen, die rückgängig gemacht werden müsse, schreibt Anders Breivik, der sich in der Rolle des «Kreuzritters» eines «ethnisch-christlichen» Europa sieht.

Sexualität bedeutet Geschlechtskrankheiten

Der 32-jährige Norweger, der laut eigenen Angaben nie eine feste Beziehung zu einer Frau hatte, kritisiert insbesondere die sexuelle Freiheit, die er in eine Reihe mit anderen «kulturmarxistischen Übeln» wie alleinerziehende Mütter stellt. Er beklagt insbesondere den schmutzigen Einfluss von Popmusikerinnen wie Lady Gaga auf die Menschen und die Vielzahl «weiblicher Schlampen» mit Geschlechtskrankheiten. Über Sexualität schreibt er vor allem im Zusammenhang mit Geschlechtskrankheiten.

Sein Stiefvater Tore und einige Freunde, die Hunderte von Sexualpartnern gehabt haben sollen, beschreibt Anders Breivik als «lebende Manifestationen des kompletten Zusammenbruchs der Sexualmoral». Er erwähnt, dass sein Stiefvater seine Mutter mit einer Geschlechtskrankheit angesteckte, die eine fatale Gehirnentzündung ausgelöst haben soll. Und dies habe den Verstand seiner Mutter – der Frau, mit der er bis zur Tat zusammenlebte – auf das Niveau «einer Zehnjährigen» reduziert.

Der Stiefvater – wichtigstes männliches Vorbild

Den Stiefvater, der bis zum Ruhestand als Major in Norwegens Armee diente, beschreibt er als« primitive, sexuelle Bestie», die die meiste Zeit mit Prostituierten in Thailand verbringe. Dennoch sei dieser «sehr liebenswert und ein guter Kerl».

«Der zum Zerreissen ambivalent besetzte Stiefvater Tore wurde offenbar nach dem Abschied des leiblichen Vaters wichtigstes männliches Vorbild», schreibt die deutsche Publizistin Caroline Fetscher in einem Beitrag im «Tagesspiegel». In einer Militäruniform, wie er sie vom Stiefvater kannte, liess sich Breivik fotografieren und stellte die Bilder ins Netz. «So wollte er gesehen werden, als der saubere, männlich abgegrenzte Teil des Stiefvaters.» Zu diesem Männlichkeitsbild gehört auch der Umgang mit Waffen – und wenn nötig der bewaffnete Kampf gegen «Multikulturalismus, Islamisierung und Kulturmarxismus».

In einem Fernsehinterview sagte der leibliche Vater von Anders Breivik auf die Frage, ob sein Sohn möglicherweise psychisch gestört sein könnte: «Ja, anders kann ich mir sein Verhalten nicht erklären.» In den nächsten Wochen wird der Attentäter von Oslo von einem Psychiater auf seine Zurechnungsfähigkeit untersucht.

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