«Yallah raqs!» – Lasst uns tanzen!

Die Zugerin Rabija Efendic kümmert sich über Weihnachten um Flüchtlinge in Serbien – als freiwillige Helferin des Zürcher Vereins Borderfree. In einem Tagebuch hält sie fest, was sie in Preševo erlebt.

  • loading indicator

«Planen in Preševo? Fehlanzeige. Hier ist Flexibilität gefragt. Nach einem Tag vor Ort ist das für mich schon völlig normal, wie auch für all die anderen Volontäre. Unser Zelt musste verschoben werden, also machten wir uns gleich an die Arbeit. Dabei fiel mir auf, dass das Ab- und Einräumen des Zeltes irgendwie extrem schnell vorwärtsging. Wie denn auch nicht! Flüchtlinge, die sich bei uns aufhielten, packten sofort mit an, wir mussten nicht einmal nach Hilfe fragen. Das nenne ich Teamwork vom Feinsten.

Ein weiteres, grösseres Zelt,das wir zur Verfügung haben, stellten wir gleich dahinter auf und haben dann beide verbunden. Ein grosser Tisch dazwischen – und fertig ist die Theke für Essen und Trinken. Dabei wollte ich eigentlich noch ein paar Einkäufe erledigen, denn inzwischen ist unser neuer Küchencontainer angekommen, in dem nicht nur Suppe, sondern richtig gekocht werden kann für die neu ankommenden Flüchtlinge.

Langsam brach die Dämmerung an, es wurde immer kühler und nebliger. Draussen sass eine Gruppe junger Männer auf einem Bänkli mit unserer Heizlampe und alberte etwas herum. Im Zelt war viel los, Essen und Tee wurden verteilt. Auch beim Schöpfen helfen die Flüchtlinge mit, es ist und bleibt ein Geben und Nehmen.

Als es richtig dunkel wurde und auch ich vor Kälte ein wenig zu zittern begann, dachte ich mir: So kann das nicht weitergehen! Bis der nächste Zug ankommt, dauert es mindestens noch drei Stunden. Die Zeit müssen wir möglichst schlau überbrücken.

Was könnte besser sein, als Musik zu machen? Ich habe ein paar arabische Songs auf meinem Handy, und die drehte ich sofort laut auf und rief: «Yallah raqs!» – Lasst uns tanzen! Ein paar Anläufe waren doch nötig, um alle auf die Beine zu bekommen. Doch dann kam Bewegung rein und Stimmung auf. Alle wollten ihre Musik spielen lassen, wir tanzten zu afghanischer, syrischer und kurdischer Musik.

Ich konnte es natürlich nicht lassen und versuchte allen auch den bosnischen Volkstanz beizubringen. Wir bildeten einen Kreis, gaben uns die Hände – und dann ging es los. Ob gross oder klein, alle machten mit. Wir sprangen herum, drehten uns im Kreis, mit viel Gelächter und Spass. Da uns allen aber schnell schwindlig wurde, liessen wir es nach ein paar Runden wieder sein.

Vor unserem Zelt sass ein junger Mann namens Amir. Ihn konnte ich leider nicht zum Mitmachen bewegen. Er sagte immer, er schaue lieber zu. Aus seinen grünen Augen strahlte eine gewisse Wärme, aber auch Sorge. Amir ist aus Afghanistan, 18 Jahre alt und ohne Familie mit seinen Freunden unterwegs. Er erzählte mir, dass er in Österreich leben und studieren möchte. Auf meine Frage, wie er sich während seiner Reise fühle, sagte er mir, dass ihm die Erschöpfung nichts ausmacht, er fühle sich wie in einem Traum und wolle endlich wieder auf­wachen.

Er nahm einen Stift und ein Blatt Papier aus unserem Zelt und hat für uns Folgendes geschrieben: Im Namen Gottes. Eines Tages wirst du an dich selbst glauben können und weitergehen für etwas Besseres, als du denkst. Du wirst sehen, dass du nach einiger Zeit auf dich stolz sein kannst.

Lieber Amir, du wirst dein Ziel ganz bestimmt erreichen und kannst jetzt schon stolz auf dich sein!

Lesen Sie hier den ersten Teil des «Tagebuchs einer Flüchtlingshelferin».

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt