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Plötzlich weiss jeder, was «tamam» heisst

Erdogan lieferte seinen Gegnern einen neuen Slogan, der millionenfach geteilt wurde. Nun wittert die Regierung eine «Verschwörung der Tastaturhelden».

Erstmals deutet der türkische Präsident an, dass er sich auch «zurückziehen» könnte – und überrascht damit das ganze Land. Die Opposition frohlockt auf Twitter. Foto: AP POOL Presidency Press Service
Erstmals deutet der türkische Präsident an, dass er sich auch «zurückziehen» könnte – und überrascht damit das ganze Land. Die Opposition frohlockt auf Twitter. Foto: AP POOL Presidency Press Service

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ist im Wahlkampfmodus, für den 24. Juni hat er vorgezogene Parlaments- und Präsidentenwahlen angesetzt. Ausgerechnet jetzt sagt Erdogan erstmals, dass er sich auch «zurückziehen» könnte. Er hat das in einer Sitzung seiner AKP-Fraktion in Ankara am Dienstagnachmittag eher beiläufig verkündet, aber mit der Art und Weise, wie er es gesagt hat, hat der türkische Dauerregent einen Twittersturm ausgelöst und der Opposition in seinem Land ein unverhofftes Geschenk präsentiert.

Der Präsident und Parteichef sagte in der Rede vor den Abgeordneten, seine Gegner hätten nur ein Ziel, «Recep Tayyip Erdogan zu zerstören». Dann sagte er, «wenn unsere Nation sagt, es ist genug, werden wir uns zurückziehen». Erdogan verwendete für «genug» das türkische Wort «tamam», einen Alltagsbegriff, der mehrere Bedeutungen hat. So heisst Tamam auch so viel wie «einverstanden», Türken benutzen das Wort sehr oft. Noch am Dienstagabend schoss der Hashtag #Tamam bei Twitter auf Platz eins, weltweit, bis zum Mittwochvormittag waren es zwei Millionen Tweets. Twitter ist das von den Türken mit Abstand am meisten genutzte soziale Netzwerk.

Erdogan habe der Opposition einen gemeinsamen Wahlslogan beschert, und das sei doch «sehr komisch»

Die türkische Opposition, die es schwer hat, in den grossen Zeitungen und im Fernsehen Gehör zu finden, weil die Medien inzwischen überwiegend regierungsnah sind, bedankte sich für das unerwartete politische Geschenk mit passenden Antworten: «Vakit Tamam», die Zeit ist gekommen, schrieb der Kandidat der säkularen CHP, Muharrem Ince. Temel Karamollaoglu, Chef der kleinen islamistischen Saadet-Partei benutzte die religiöse Formel: «Tamam Inshallah» (Genug, so Gott will).

Auch der Präsidentschaftskandidat der linken Kurdenpartei HDP, Selahattin Demirtas, meldete sich aus dem Gefängnis, «verspätet», wie er schrieb, wegen seiner Lage. Der bekannte türkische Journalist Rusen Cakir fasste zusammen, Erdogan habe der Opposition einen gemeinsamen Wahlslogan beschert, und das sei doch «sehr komisch». Die türkischen Oppositionsparteien hatten sich zuvor nicht auf einen einzigen Präsidentschaftskandidaten einigen können.

Die Welt lernt türkisch

Inzwischen hat sich auch Mahir Ünal gemeldet, der Sprecher von Erdohans Partei AKP, er schrieb, hinter den Tamam-Tweets stecke ein «Komplott», viele kämen aus dem Ausland. Die «Tastaturhelden» würden am 24. Juni die Quittung erhalten. Die Gegenkampage der Erdogan-Unterstützer läuft auch schon, unter dem Hashtag «Devam» (Weiter), sie blieb aber bis Mittwochvormittag mit gut 360'000 Tweets weit hinter «Tamam» zurück.

Viele Türken zeigten sich auch kreativ, sie schickten Fotos von Wald, Meer und Bergen und schrieben dazu «Tamam», die Zerstörung der Natur müsse aufhören. Andere twitterten, keiner könne in der Türkei nun mehr unbefangen «Tamam» sagen, ob zur Mutter, zur Katze oder zu den Kindern. Einer schrieb, jetzt könne die Welt türkisch lernen, mit Tamam gehe es los.

Alles auf eine Karte

Erdogan hat im April überraschend die Wahlen um mehr als ein Jahr vorgezogen, er setzt alles auf eine Karte: Künftig will er das Land mit einem Präsidialsystem regieren und auch im Parlament strebt die AKP wieder die absolute Mehrheit an. Erdogan hat mit seiner Politik der harten Hand das Land tief gespalten, aber der grösste Teil seiner Unterstützer steht weiter zu ihm. Sie halten viele wirtschaftliche und soziale Fortschritte, die das Land in den 16 Jahren gemacht hat, in denen die AKP regiert, Erdogan persönlich zu Gute.

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