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Gegen Boris Johnson hilft nur noch taktisches Wählen

Kurz vor den Wahlen liegen die Konservativen in allen Umfragen weit vor der Labour-Partei. Die Brexit-Gegner haben aber noch nicht aufgegeben.

Die Partei des britischen Premiers Boris Johnson darf auf 43 Prozent der Stimmen hoffen. Foto: Ben Stansall (AP Photo, Keystone)
Die Partei des britischen Premiers Boris Johnson darf auf 43 Prozent der Stimmen hoffen. Foto: Ben Stansall (AP Photo, Keystone)

Grossbritannien wählt am Donnerstag ein neues Unterhaus. Im Schnitt der Umfragen kann die Konservative Partei von Premier Boris Johnson landesweit auf 43 Prozent der Stimmen hoffen, während Labour nur auf 32 Prozent kommt. Dennoch halten es politische Beobachter noch immer für möglich, dass Johnson eine Mehrheit an Unterhaussitzen verfehlen könnte – falls diesmal genügend Wahlberechtigte taktisch wählen.

«Taktisch wählen» bedeutet, dass Anhänger unterschiedlicher Oppositionsparteien in ihrem Wahlkreis jeweils dem Kandidaten ihre Stimme geben, der die besten Aussichten hat, den dortigen Tory-Kandidaten zu besiegen. Denn dank dem britischen Mehrheitswahlrecht zieht ja aus jedem der 650 Wahlkreise der Kandidat mit dem meisten Stimmen ins Unterhaus ein.

Das sichert konservativen Kandidaten den Sieg, wo sich das Stimmpotenzial zum Beispiel für Labour und Liberaldemokraten vor Ort spaltet. Einigen sich Wähler dieser beiden und anderer, kleinerer Parteien auf den jeweils aussichtsreichsten Kandidaten gegen die Konservativen, müsste Johnson noch um seinen Wahlsieg bangen.

Kein «harter» Brexit ohne Mehrheit

Wahlexperten gehen davon aus, dass schon 40'700 Wähler in drei Dutzend hart umkämpften Wahlkreisen mit einer entsprechenden Entscheidung eine absolute Tory-Mehrheit im Unterhaus verhindern könnten. Umfragen der proeuropäischen «Best for Britain»-Kampagne prophezeien den Konservativen für diesen Fall 309 Mandate, den Oppositionsparteien aber 322.

Hat Johnson keine Mehrheit, kann er auch seinen «harten Brexit» nicht durchdrücken. Hätten die Oppositionsparteien zusammen mehr Unterhaussitze als die Tories, käme es wahrscheinlich zu einem neuen Brexit-Referendum. Die Frage ist, ob Wähler tatsächlich gezielte Entscheidungen dieser Art treffen und eher eine andere als ihre «eigene» Partei wählen würden – zumal die Führungen der Labour Party und der Liberaldemokraten sich geweigert haben, eine Wahl­allianz einzugehen.

Aufruf von Blair und Major

Mehrere prominente Politiker dieser Parteien haben aber am Wochenende erklärt, dass ihre Anhänger um taktisches Wählen nicht mehr herumkämen. Sir Vince Cable, der noch bis Juli Vorsitzender der Liberaldemokraten war, meinte, er verstehe, «warum das notwendig sein kann, wenn wir verhindern wollen, dass uns von den Tories ein Brexit aufgezwungen werden soll.»

«Zu manchen Zeiten muss man ebenso mit dem Kopf wie mit dem Herzen wählen. Für sein Land und für seine Zukunft. Jetzt gerade ist so eine Zeit.»

Sir John Major, Mitglied der Konservativen

Auf einer speziellen Wahlkampf-Veranstaltung für taktisches Wählen nahmen die früheren Premierminister Tony Blair und Sir John Major teil. Major, lebenslanges Mitglied der Konservativen, sagte: «Zu manchen Zeiten muss man ebenso mit dem Kopf wie mit dem Herzen wählen. Für sein Land und für seine Zukunft. Jetzt gerade ist so eine Zeit.» Käme es zu weitläufigem taktischem Wählen, stünden sogar Tory-Grössen wie der gegen­wärtige Aussenminister Dominic Raab auf der Kippe.

Der bedeutendste «Scalp» wäre aber natürlich der des ­Premiers. In seinem Wahlkreis ­Uxbridge sollte Johnson eigentlich schon kraft seines Amtes eine ziemlich sichere ­Basis haben. Aber seine Gegner setzen ihm mächtig zu. Die örtlichen Liberal­demokraten haben ihren Wahlkampf in den letzten Tagen praktisch eingestellt, um dem Labour-Kandidaten eine – und sei es noch so kleine – Chance zu ­geben gegen den Regierungschef.

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