Dorthin, wo die Zyklone wüten

Die Insel Bhasan Char ist bislang unbewohnt – aus guten Gründen. Jetzt sollen 100'000 geflüchtete Rohingya aus Burma dorthin umgesiedelt werden.

Riskant bis verantwortungslos: Rund 100'000 Rohingya sollen auf der Bhasan Char ein neues Zuhause aufbauen. Bild: Keystone

Riskant bis verantwortungslos: Rund 100'000 Rohingya sollen auf der Bhasan Char ein neues Zuhause aufbauen. Bild: Keystone

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Jahrelang kümmerte sich niemand um die kleine Insel Bhasan Char, abgesehen von ein paar Piraten, die nach Beutezügen abgelegene Verstecke suchten. Nun aber wird viel geredet und viel gestritten über diesen grossen Haufen aus Sand und Schlick, bewachsen von Gräsern, Büschen und Mangroven. Denn der Staat Bangladesh hat grosse Pläne für die Insel: Dhaka ist entschlossen, bis zu 100'000 geflohene Rohingya aus Burma dorthin umzusiedeln.

Angeblich ist das nur als «vorübergehende Massnahme» gedacht. Dennoch sind die Flüchtlinge und deren Helfer alarmiert, weil sie die Insel für völlig ungeeignet halten, um Menschen für längere Zeit Zuflucht zu bieten.

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Bhasan Char, etwa 30 Kilometer vor der Küste gelegen, ist erst vor 20 Jahren aus Sedimenten entstanden, welche die grossen Flüsse aus den Bergen des Himalaja bis in den Ozean tragen. Viele Rohingya haben das Gefühl, sie sollen nun auf das kleine Schwemmland abgeschoben werden, dessen Grösse im Zyklus von Ebbe und Flut ständig hin- und herschwankt. Doch das ist noch nicht alles. Denn über den Golf von Bengalen rasen jedes Jahr verheerende Zyklone. Sie verwüsten häufig das Küstenland und verursachen vielerorts schlimme Überschwemmungen. Wie eine grosse Zahl von Flüchtlingen auf einer so flachen Insel eine Sturmkatastrophe überstehen soll, fragen sich viele.

Grosser Deich geplant

Kritiker halten das Vorhaben für riskant bis verantwortungslos. Doch aus dem Büro der Premierministerin ist zu hören, dass sich niemand zu sorgen brauche und dass die Gegner des Plans «keine Ahnung» hätten. Die Regierung verspricht, sturmsichere Schutzräume zu bauen und dazu einen grossen Deich, der neue Bewohner vor Flutwellen und Stürmen abschirmen soll.

Dhaka will das 280-Millionen-Dollar-Vorhaben also durchziehen, aller Kritik zum Trotz. Längst haben Bautrupps die Insel erobert, sie sollen den Boden bereiten für die Massenumsiedlung. Satellitenbilder zeigen neue Strassen, die Zeitung «Dhaka Tribune» veröffentlichte Zeichnungen der Behausungen, ausserdem wird berichtet, dass britische und chinesische Ingenieure am grossen Wall bauen, der die künftigen Bewohner vor den drohenden Fluten abschirmen soll.

300 Kilometer weiter südöstlich, in den Lagern nahe der Grenze zu Burma, herrscht unterdessen qualvolle Enge. Einheimische, die nun in der Gegend zu einer Minderheit geworden sind, klagen, dass die Kriminalität steige, dass die Vertriebenen aus dem Nachbarland Bäume abholzten und Früchte aus Gärten holten, die lokalen Bauern gehörten. Es gibt wachsende Spannungen, und die Regierung in Dhaka weiss es. Seit August sind nahezu 700'000 Menschen von Burma nach Bangladesh geflohen, wo zuvor ­bereits 300'000 Rohingya in Lagern ­lebten. Die Regierung steht unter grossem Druck, Lösungen für eine Million Vertriebene zu finden, die staatenlos sind, weil Burma sie nicht als Bürger ­anerkennt.

Keine Rückkehr nach Burma

Die Bauarbeiten auf der Insel schreiten voran, während Hunderttausende Flüchtlinge 300 Kilometer weiter südöstlich bangend in die nahe Zukunft ­blicken. «Wir haben Angst vor dem grossen Regen, der nun bald herein­brechen wird», schrieb diese Woche der junge Flüchtling Habiz Ullah aus dem ­Lager Kutupalong. Der 21-Jährige sagt, die Unruhe wachse, weil die Leute nicht wüssten, wie sie sich in den überfüllten Lagern vor dem Monsun schützen sollen, der in den kommenden Wochen erwartet wird. Eine Untersuchung der ­Vereinten Nationen hat ergeben, dass 100'000 Rohingya von Erdrutschen ­bedroht sind, wenn starker Regen die steilen Hänge in den überfüllten Camps aufweicht.

Mit einer raschen Rückführung von Flüchtlingen nach Burma ist nicht zu rechnen. Zwar haben beide Staaten noch vergangenes Jahr ein entsprechendes Abkommen geschlossen. Doch eine hochrangige UNO-Delegation, die vor wenigen Tagen Burma besuchte, kam zum Schluss, dass die Bedingungen für eine Rückkehr der muslimischen Minderheit nicht günstig seien. Nach wie vor ungeklärt ist die Frage, wie ihre Sicherheit garantiert werden kann. Die grosse Mehrheit der Rohingya in den Lagern in Bangladesh lehnt es vorerst ab, in ihre Heimat zurückzukehren. Sie haben Angst vor dem Militär, das sie vertrieben hat, sie fordern internationale Garantien zu ihrem Schutz, mehr Bewegungsfreiheit und die Anerkennung als Staatsbürger Burmas.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2018, 20:49 Uhr

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