So kann man nicht leben, Herr Präsident!

Über vier Stunden hat sich Wladimir Putin die Sorgen und Ängste der russischen Nation angehört. Zumindest die, die er hören wollte.

Beantwortete Fragen aus der Bevölkerung: Russlands Präsident Wladimir Putin. Bild: AP

Beantwortete Fragen aus der Bevölkerung: Russlands Präsident Wladimir Putin. Bild: AP

Zita Affentranger@tagesanzeiger

Die Moderatorin des Staatsfernsehens nimmt für einmal kein Blatt vor den Mund: Das Leben in Russland werde immer schwieriger, das sei die häufigste Sorge der Bürger, die sich an den Präsidenten wenden. «Wann wird es besser?», fragt sie Wladimir Putin keck. Wie bestellt ruft da der Feuerwehrmann Stanislaw an und beklagt sich über seinen tiefen Lohn von umgerechnet etwa 190 Franken. Er brauche zwei bis drei Jobs, um seine Familie durchzubringen.

Putin versucht gar nicht erst, das Problem kleinzureden. Sinkende Löhne, Mängel im Gesundheitswesen und das ungelöste Abfallproblem seien die grössten Herausforderungen für Russland, erklärt er zu Beginn der über vierstündigen Bürgerfragestunde. Aber natürlich hat er auch Trost für den geplagten Stanislaw: Das Budget des Ministeriums für Katastrophenschutz habe eine Budgeterhöhung bekommen, erklärt er. Sein Lohn werde sich die nächsten Jahre verdreifachen. Putin weiss alle Zahlen, betet Durchschnittslöhne runter wie andere Leute das Einmaleins.

Der Präsident hat sich viel Zeit genommen für sein Volk, oder zumindest für die, die zu ihm vorgelassen werden. Mehr als vier Stunden geht es um schmutziges Trinkwasser, fehlende Kindergärten, gefangene Weisswale und westliche Sanktionen. Mehr als 1,5 Millionen Fragen habe man bekommen, viele auch aus dem Ausland: «Aus London, Paris, Zürich, Moldawien und natürlich der Ukraine», sagt eine Moderatorin. Der Kreml hat sogar extra eine App entwickelt für den Anlass. Gehört hat man in vier Stunden aber nur ein gutes Dutzend Stimmen. Fast so viele Fragen kamen aus einem kleinen Publikum im Studio. Der Rest wurde von Blättern abgelesen.

«Die Regierung hat Fehler gemacht»

Doch Putin streifte praktisch alle sozialen Themen, die Russland umtreiben. Einzig die Rentenreform erwähnte er nicht. Letztes Jahr hatte die massive Erhöhung des Rentenalters zu Protesten und viel Unmut geführt. Von Dialog mit den Bürgern kann wegen der strengen Reglementierung aber nicht die Rede sein. Und Putin, obwohl seit bald 20 Jahren unangefochten der starke Mann im Land, sucht die Schuld für die Missstände überall ausser bei sich selber. «Die Regierung hat Fehler gemacht», sagt er. Oder: «Ich habe das für mich schon lange beschlossen.» Mehrmals werden Minister zugeschaltet, die eine Rechtfertigungsrede vom Blatt ablesen, um dann rüde von den Moderatoren unterbrochen zu werden mit Sätzen wie: «Wann lösen Sie nun das Problem?»

Noch schlechter ergeht es den Gouverneuren. Eine Frau beklagt sich per Telefon, sie habe seit 20 Jahren keinen Zugang zu Wasser. «Bitte helfen Sie uns!» Im Studio löste der Anruf Empörung aus. «Und das im 21. Jahrhundert!», ruft eine Moderatorin in Blau, die von einer in Rot und in Weiss sekundiert wird – den russischen Nationalfarben. Sofort, ganz journalistisch, wird ein Kamerateam in das Dorf in der Nähe der sibirischen Erdölstadt Tjumen entsandt, das drei Stunden später eine Reportage liefert. Der Gouverneur wird ebenfalls zugeschaltet und ergeht sich in langen Erklärungen über den Zustand der uralten Wasserleitungen, über nötige Bewilligungen und seine sonstigen Verdienste. Putin unterbricht ihn: «Lösen Sie das Problem! Schnell!»

Streit mit dem Westen interessiert nur am Rand

Immer wieder ist davon die Rede, Hacker aus dem Ausland versuchten, das Callcenter lahmzulegen, doch man habe den Angriff erfolgreich abgewehrt. Der Streit mit dem Westen kam sonst eher am Rand vor, obwohl viele Russen glauben, dass die westlichen Sanktionen, die heute erneut verlängert worden sind, zur Krise beitragen. Putin wiegelt ab. «Experten sagen, Russland habe wegen der Sanktionen 50 Milliarden Dollar verloren seit 2014. Doch die Europäische Union hat 240 Milliarden verloren.» Im Westen gehe es um Arbeitsplätze, «sie verlieren unseren Markt.» Russland dagegen hätten die Sanktionen nur angespornt: «Sie haben uns mobilisiert!»

Über den Bildschirm flattern unsystematisch jene Voten, die es auch in vier Stunden nicht ins Studio schaffen und nicht beantwortet werden. Menschen aus den von der Ukraine abtrünnigen Gebieten Luhansk und Donezk bedanken sich für die russischen Pässe, die Putin ihnen in Aussicht gestellt hat. Doch andere Fragen sind kritischer: «Was machen wir, wenn wir kein Öl und Gas mehr haben?» Oder: «Ich möchte mein Land verändern. Helfen Sie mir?» Und schliesslich wenig schmeichelhaft: «Ich habe nur eine Frage: Wann treten Sie ab?»

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