«Palmyra ist eine Geisel der IS-Terroristen»

Der Westen fürchtet um das Kulturerbe in Syriens Oasenstadt Palmyra. Noch haben die IS-Terroristen nicht in den weltbekannten Ruinen gewütet, weiss Mirko Novák, Archäologe an der Universität Bern.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Herr Novák, seit der Eroberung durch den Islamischen Staat (IS) hört man wenig aus Palmyra. Wissen Sie, ob der IS mit der Zerstörung der weltberühmten Ruinenstätte begonnen hat? Mirko Novák: Es ist gefährlich, aus Palmyra zu berichten, das gilt als Verrat am IS. Dennoch wissen wir über Gewährsleute, die beim syrischen Antikendienst gearbeitet haben, dass der IS noch keine grösseren Zerstörungen wie im Nordirak angerichtet hat. Es gibt offenbar eine Abmachung mit lokalen Stämmen, dass es keine Zerstörungen geben soll. Es ist aber unklar, wie lange sich die IS-Miliz daran hält.

Die lokale Bevölkerung setzt sich für die Ruinenstätte ein? Ja. Sie ist sich des historischen Erbes bewusst, und sie hat während Jahrzehnten vom Tourismus der Besucher aus aller Welt gelebt. Die Leute hoffen, dass diese Einnahmen nach dem Ende des Krieges zurückkommen.

Dafür hat der IS Verständnis? Nein. Aber der IS ist pragmatisch und kalkuliert kühl, auch wenn er sich gegen aussen anders gibt. Hätte er sich nicht mit lokalen Gruppen arrangiert, hätte er mit seinen militärischen Möglichkeiten nicht so grosse Territorien erobern können. Vorerst geht er auf solche Vereinbarungen ein. Er bricht sie erst, wenn es für ihn opportun erscheint, medienwirksam Ruinen zu zerstören.

Wann wird eine Zerstörung für den IS denn plötzlich opportun? Im nordirakischen Mossul übte der IS ein Jahr lang die Kontrolle aus, ohne dass es Zerstörungen gab. Dann geriet er von den Kurden und den US-Luftangriffen militärisch unter Druck und wollte sich ideologisch rechtfertigen. Als in Iraks Hauptstadt Bagdad das frisch renovierte Nationalmuseum mit Pomp wiedereröffnet wurde, stellte der IS als Gegenentwurf ein Zerstörungsvideo ins Netz. Mit dem Effekt, dass die Bilder aus Bagdad untergingen und die Welt nur noch über die Zerstörungen in den irakischen Ruinenstätten Ninive und Nimrud sprach. Das zeigt, dass die Führungsleute des IS berechnende Propagandisten sind, nicht einfach wilde Barbaren, die von Kultur keine Ahnung haben.

Will der IS mit der Zerstörung berühmter Ruinenstätten die Aufmerksamkeit des Westens auf den Nahostkrieg lenken? Ja. Die Zerstörungen sind aber auch ein Mittel des IS, sein Image bei den dringend benötigten Rekruten zu festigen. Er demonstriert kampfwilligen Konvertiten oder ideologisch verblendeten Muslimen im Westen, dass er sich auf einer strikten ideologischen Linie befindet und diese ohne Kompromisse durchzieht. Die Zerstörungsvideos gehören in den gleichen Kontext wie die Filme von Enthauptungen. Beides sind ideologisch motivierte Gewaltakte, mit denen sich die IS-Leute als fundamentale Nonkonformisten positionieren.

Was sagen Sie als Archäologe dazu, dass der Aufschrei über die Zerstörung von Ruinen grösser ist als der über die Kriegsopfer? Ich trenne das nicht. Ich nehme wie alle meine Kollegen Anteil am Schicksal der Menschen vor Ort, vor allem der vielen Freunde, die noch im Land sind. Die meisten Archäologen unterstützen humanitäre Organisationen. Das bedrohte kulturelle Erbe tritt ohne Frage hinter die Erfordernisse des blanken Überlebens zurück, aber für die Zukunft und Identität der Menschen bleibt es wichtig. In einigermassen sichere Gebiete schicken wir weiterhin Geld für Restaurierungsarbeiten.

Benötigt man in Syrien Geld derzeit nicht für Dringenderes? Dieses Geld gibt Arbeit, Einkommen, eine Ernährungsgrundlage. Und man weiss oft besser als bei Hilfswerken, ob es bei den Richtigen ankommt.

Können Sie uns in ein paar Worten Bedeutung und Faszination von Palmyra erklären? Die Ruinen von Palmyra sind einmalig gut erhalten, und sie liegen mitten in einer Wüstenlandschaft. Palmyra erfüllt fast alle Klischees einer Traumdestination und hat deshalb zahllose Touristen angezogen. Es ist aber auch wissenschaftlich einzigartig, weil hier eine Kultur aus mehreren Traditionen gespeist wurde: der griechisch-römischen vor 2000 Jahren, der arabisch-aramäischen, der babylonischen und der persischen. Palmyra war eine Schnittstelle zwischen Imperien und wurde durch den Wüstentransithandel reich.

Wenn eine Ruinenstätte zerstört wird, gehen bloss Steine kaputt. Es empört trotzdem. Warum? Jeder Mensch hat das Bedürfnis, seine kulturelle Identität an Orten festzumachen. Orte werden dadurch symbolisch aufgeladen, wie das Rütli in der Schweiz. Syrer verstehen Palmyra als einen solchen Symbolort. Deshalb ist er gefährdet durch den IS, weil dieser eine islamische Glaubensinternationale anstrebt und nationale Identitäten ausmerzen will.

Was hat der Westen für ein Interesse an Palmyras Ruinen? Wir haben in Europa keine so grossen, so gut erhaltenen Ruinenfelder. Überdies gelten Syrien und Mesopotamien als eine Wiege der Zivilisation. Hier wurden erstmals Menschen sesshaft und züchteten Pflanzen und Tiere. Hier entstanden die ersten Städte der Welt und die ersten Schriften. Von hier gingen Weltreligionen aus. In Syrien und Irak hat man die ganze Menschheitsgeschichte vor Augen. Wenn hier Altertümer zerstört werden, geht das auch den Westen etwas an.

Das wissen natürlich auch die IS-Terroristen. Genau. Sie nehmen das mit dem Unesco-Welterbe-Label geadelte Palmyra gewissermassen als Geisel. Sie spielen mit unserer Befürchtung, Unwiederbringliches könnte zerstört werden.

Unwiederbringlich sind Originale. Aber viele Ruinenstätten sind doch Rekonstruktionen und könnten repariert werden. Man muss das Konservieren vom Rekonstruieren unterscheiden. Wenn ich heruntergefallene Steine wiedereinsetze, ist das etwas anderes, als ein altes, nicht mehr existierendes Bauwerk nachzubauen. Man wird dem Berliner Stadtschloss nach seinem Wiederaufbau ansehen, dass es nicht das alte ist. Für Rekonstruktionen gibt es Richtlinien der Unesco, die das Berliner Stadtschloss nur bedingt einhalten würde. Aber manchmal gibt es zum Nachbau keine Alternative.

Reagieren wir ethnozentrisch und machen uns vor allem um römisch-griechische, also westliche Zeugnisse Sorgen? Das Interesse Europas lässt nach, je weiter ein Schauplatz entfernt ist. Allerdings hat die Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamian in Afghanistan durch die Taliban den Westen durchaus empört.

Warum? Es sind einzigartige, riesige Statuen. Und es war eine neue Entwicklung. Es gab vorher im muslimischen Raum in der Neuzeit keine gezielte Zerstörung von Altertümern.

Im christlichen Europa aber schon. In der Reformation wurden beim Bildersturm im Berner Münster Statuen zerschlagen. Das ist im Westen nichts Neues. In der Geschichte wurden immer wieder Bildwerke aus ideologischen Gründen zerstört. Die Christen haben heidnische Tempel zerstört. Die Nationalsozialisten haben Bücher und angeblich entartete Kunst verbrannt. Das zeigt, wohin Fanatismus führt. Muslimische Nationalstaaten haben aber ihr vorislamisches Erbe lange gepflegt und für die Nation instrumentalisiert.

Zerstören der IS oder die Taliban Kunstwerke, weil sie gegen ein islamisches Abbildverbot verstossen? Die Taliban oder der IS verfechten einen rigiden salafistischen Islam, der strikt das Wort und die Regeln im Koran verfolgt. Dieser Islam verbietet jegliche Abbilder, die dem Götzendienst dienen. Der IS richtet sich mit seinem Abbildverbot vor allem an andere Muslime. Er will ihnen zeigen, welches aus seiner Sicht der einzig wahre Islam ist. Die Aussagen des Korans, die die Abbildung etwa des Propheten Mohammed betreffen, sind aber vieldeutig und interpretierbar. Deshalb gibt es mehrere islamische Rechtsschulen, die die Aussagen zum Abbildverbot unterschiedlich auslegen.

Ist die illegale Plünderung von Ruinenstätten nicht das grössere Problem als die Zerstörungen? Beides gehört zusammen. Plünderungen sind auch Zerstörungen. Aber die Raubgrabungen sind in der Tat umfangreich und haben seit dem Zusammenbruch staatlicher Strukturen in Syrien stark zugenommen. Nicht nur der IS, sondern alle Kriegsparteien in Syrien oder im Irak verdienen am Schwarzhandel mit Objekten aus Raubgrabungen. Die Plünderer arrangieren sich mit den jeweils wechselnden Kriegsparteien. Der IS wird deshalb nur grosse, schwere und unveräusserliche Objekte zerstören, kleinere aber gewinnbringend verkaufen. Auch Syriens Regime zerstört übrigens Unwiederbringliches, wenn es die zum Unesco-Welterbe gehörende Altstadt von Aleppo mit Fassbomben attackiert.

Was kann die Wiederaufbaukonferenz, die am Donnerstag im sicheren Bern stattfindet, gegen die Zerstörung ausrichten? Wir versuchen, als internationale Gemeinschaft gegen den illegalen Kulturgüterhandel vorzugehen. Und wir wollen Strategien für die Restauration und Rekonstruktion nach dem Krieg erarbeiten. Dafür braucht es Know-how. Wir suchen Geld für Stipendien, für Ausbildungsplätze von syrischen und irakischen Restauratoren. Um die grosse Wiederaufbauleistung kann es in Bern nicht gehen, die kostet Millionen.

Mails an: stefan.vonbergen@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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