In letzter Minute den Krieg gestoppt

Schiffe und Kampfjets waren bereit: Donald Trump hatte alles für einen Vergeltungsschlag gegen den Iran organisiert - dann blies er die Aktion ab.

Auslandchef Christof Münger erklärt, wie sich das Verhältnis zwischen den USA und dem Iran über die Jahrzehnte verschlechtert hat. (Video: Adrian Panholzer)
Hubert Wetzel@hubert_wetzel

Um 19 Uhr am Donnerstag standen die Zeichen in Washington auf Krieg. In den Stunden zuvor hatte Präsident Donald Trump sich mit seinen aussen- und sicherheitspolitischen Beratern getroffen, um zu überlegen, wie die USA auf den höchst provokanten Abschuss einer amerikanischen Drohne durch Iran reagieren sollen. Das Ergebnis war dieser Plan: Am Freitagmorgen iranischer Zeit sollten Kampfjets und Kriegsschiffe der USA einen Vergeltungsschlag gegen eine kleine Zahl von Radar- und Luftabwehrstellungen führen.

Vier Stunden später war alles anders. Um 23 Uhr am Donnerstag berichtete die New York Times nicht nur über die Pläne für den Vergeltungsschlag. Sondern auch, dass Trump abrupt seine Meinung geändert und den Angriff abgesagt habe. Er habe sich «zehn Minuten» vor Beginn des Angriffs umentschieden, bestätigte Trump am Freitag auf Twitter. Ein General habe ihm gesagt, dass bei den Luftschlägen 150 Iraner sterben würden. Das sei «keine verhältnismässige» Antwort auf den Abschuss einer unbemannten Drohne.

Was hat es mit dem Fehler auf sich?

Ein Krieg zwischen den USA und Iran ist damit vorerst vermieden worden. Doch die Krise zwischen den Ländern schwelt weiter. Und auch diese neue Eskalationsrunde hat die Lage eher verwirrender gemacht als klarer. Wie Trumps Strategie gegenüber Iran aussieht, welche Ziele er verfolgt und welche Mittel er dafür einsetzen will, ist nach wie vor ein Rätsel.

Zu dieser Verwirrung hat Trump selbst am meisten beigetragen. Schon seine erste verbale Reaktion auf den Abschuss der US-Drohne durch Irans Militär war mehrdeutig. «Iran hat einen sehr grossen Fehler gemacht», twitterte er am Donnerstagmittag. Das klang wie eine Drohung: Der US-Präsident wollte anscheinend ausdrücken, dass das Regime in Teheran sich mit seiner Provokation verrechnet habe und dafür einen Preis bezahlen werde.

Etwas später äusserte sich Trump dann bei einem Pressetermin. Und nun klang es, als meinte er den Begriff «Fehler» wörtlich. Er könne sich nicht vorstellen, dass Teheran die US-Drohne absichtlich abgeschossen habe, sagte Trump. Da sei wohl irgendeinem dummen Menschen ein Missgeschick passiert. Diese Zurückhaltung wurde in Washington als Zeichen gewertet, dass Trump Teheran Raum geben wollte, um die Lage zu deeskalieren. Der US-Präsident übersah dabei freilich, was der Kommandeur der iranischen Revolutionsgarde, Hussein Salami, zuvor mitgeteilt hatte: Dass der Abschuss der Drohne, die im iranischen Luftraum geflogen sei, mitnichten ein Missgeschick, sondern eine Botschaft an Washington gewesen sei.

Die Falken waren für Vergeltung

Salami erklärte auch deren Inhalt: Iran sei zum Krieg bereit. Danach noch von einem versehentlichen Abschuss der Drohne auszugehen, war verwegen. Ob Trump die iranische Erklärung nicht mitbekommen, nicht verstanden oder zu ignorieren beschlossen hatte, blieb unklar.

Nach allem, was man weiss, passierten am Donnerstagnachmittag dann zwei Dinge: Zum einen traf sich der Präsident mit seinen wichtigsten Mitarbeitern, um über eine Antwort auf den Abschuss zu beraten. Nach Berichten der New York Times waren Aussenminister Mike Pompeo und Sicherheitsberater John Bolton - beide bekannt als Iran-Falken - für militärische Vergeltung. Die Vertreter der US-Armee sollen dagegen zur Vorsicht geraten haben. Die Eskalationsgefahr sei gewaltig, argumentierten sie.

Damit trafen sie einen Nerv bei Trump: Der Präsident hat kein Interesse, die USA in einen grösseren Krieg in Nahost zu verwickeln. Im Gegenteil: Er will die US-Einsätze in der Region beenden. Trump liess sich offenbar zwar zunächst von den Hardlinern überzeugen, schwenkte dann aber im letzten Moment zu den Bedenkenträgern um. 150 potenzielle Todesopfer waren ihm zu viel.

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