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Republikaner in Identitätskrise

Erste Überläufer bei den US-Republikanern sind ein klares Indiz: Die Partei steckt in einer veritablen Identitätskrise.

Keine zwei Wochen vor der US-Präsidentschaftswahl outen sich fast täglich prominente Republikaner, die diesmal den Demokraten Barack Obama wählen wollen. Und es sind längst nicht nur moderate Konservative wie Ex-Aussenminister Colin Powell, die da ihrer Partei frustriert den Rücken kehren. «Sorry, Dad, ich stimme für Obama», schrieb vorige Woche Christopher Buckley, Sohn des legendären Mitbegründers und Vordenkers der modernen konservativen Bewegung William Buckley. Selbst aus den Reihen der Neokonservativen melden sich erste Überläufer: Der aussenpolitische Falke Kenneth Adelman, lange eng befreundet mit den Familien Rumsfeld und Cheney, will zum ersten Mal in seinem Leben einem Demokraten seine Stimme geben – Obama. Offene Fahnenflucht ist dabei nur die krasseste Form der Absetzbewegungen von dem in Umfragen zurückgefallenen Präsidentschaftskandidaten John McCain. Konservative Kolumnisten gehen McCain immer offener, immer härter an: In der Finanzkrise habe der wie ein «nervöser Anfänger in einer zu hohen Liga» gewirkt, nörgelte etwa der Doyen der rechten Kommentatoren, George Will. Auch dessen erzkonservativer Kollege Charles Krauthammer bescheinigte McCain, er improvisiere «frenetisch», während Obama «erstklassigen Verstand» zeige.

Selbstzerfleischung

Die Hauptkritik freilich richtet sich gegen Vizekandidatin Sarah Palin. Die Alaska-Gouverneurin ist bei der ländlichen Basis und der christlichen Rechten ausgesprochen populär. Sie trifft inzwischen aber bei fast allen anderen Fraktionen im republikanischen Lager auf Vorbehalte, wenn nicht offene Ablehnung. Der Moderate Powell nannte ihre Ernennung zur McCain-Vize ebenso als einen Grund für seinen Seitenwechsel wie der Intellektuelle Buckley oder der Neocon Adelman. Vordergründig geht es dabei um Palins Qualifikation fürs Vizeamt: «Ich hätte sie nicht mal für einen mittleren Beamtenjob in der Rüstungskontrollbehörde eingestellt», wetterte Adelman. Die prominente Kolumnistin Peggy Noonan nannte Palin und ihre Bierzeltreden angewidert «Symptom und Ausdruck einer neuen Vulgarisierung der US-Politik». Im konservativen Zentralorgan «National Review» beschwor Autorin Cathleen Parker gar 12000 Protestbriefe und einen Sturm der Entrüstung herauf, als sie Palin zum Rücktritt von der Kandidatur aufforderte. Doch im Kern geht es bei der öffentlichen Selbstzerfleischung weniger um Palins Qualifikation oder McCains taktische Fehler, als einen handfesten Richtungsstreit im konservativen Lager.

Gerangel um Einfluss

Der Kolumnist David Brooks legt seinen Finger auf die Wunde, wenn er ein «zentrales Argument» im Wahlkampf vermisst. Mancher gibt die Wahl bereits verloren – und positioniert sich für die Zeit danach. Auf Webseiten wie Next Right arbeiten Aktivisten längst am «Aufbau einer neuen Republikanischen Partei und konservativen Bewegung». In Washington und in rechten Kommentarspalten rangeln Moderate und Hardliner, Wirtschafts- und Jesusflügel, Neocons und aussenpolitische Realisten um Einfluss und die künftige Ausrichtung der Partei. Mitten im Wahlkampf sieht die «Washington Post» Amerikas Republikaner in einer ausgewachsenen «Identitätskrise». Sollte McCain die Wahl tatsächlich verlieren, könnte daraus ein Erdbeben werden.

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